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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.06.2016

Breslau Anknüpfen an deutsche Tradition

Marcin Miodeck im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Marktplatz in Breslau / Wroclaw ( picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)
Beim Wiederaufbau von Breslau wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die deutschen Spuren zunächst verwischt ( picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)

Heute erinnert in Breslau vieles wieder an die deutsche Tradition der polnischen Stadt. Vielen Polen fehle aber die ausreichende Geschichtskenntnis, um sich die schlesischen Wurzeln ausreichend erklären zu können, sagt der Germanist Marcin Miodeck.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sei es beim  Wiederaufbau der stark zerstörten Stadt zunächst darum gegangen, Breslau zu "entdeutschen" und zu "repolonisieren", sagte der polnische Germanist Marcin Miodeck im Deutschlandradio Kultur. "Alles, was preußisch war, was deutsch war, war natürlich verpönt", sagte Miodeck."Man versuchte alles zu zerstören." In der kommunistischen Zeit habe sich eine gewisse Freundschaft entwickelt. Dadurch habe es in Breslau dann einen Karl Marx Platz gegeben. Marx und Friedrich Engels, das seien die guten Menschen gewesen, sagte er.

Neue Denkmäler in Breslau  

Nach der Wende in den 1990er-Jahren habe es eine Wandlung gegeben. Seither seien alte Denkmäler wieder aufgebaut worden, beispielsweise für den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer vor der Elisabethkirche. Im Botanischen Garten stehe ein Denkmal für den Dichter Joseph von Eichendorf. Vor dem Edith Stein Haus gebe es einen Stolperstein für die Philosophin und Ordensfrau.  

Lücken im Geschichtsunterricht

Über die deutschen Wurzeln werde im wissenschaftlichen Milieu schon lange offen gesprochen. Wie bekannt das in der Bevölkerung sei, könne er aber schwer sagen, sagte Miodeck. "Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen gibt es einen gewissen Mangel an Wissen, was damals eigentlich passiert ist." Im Geschichtsunterricht endete die Geschichte Schlesiens eigentlich im 13. Oder 14. Jahrhundert und es habe eine riesige Lücke bis zur Nachkriegszeit gegeben.


Das Interview im Wortlaut:  

Korbinian Frenzel: Wir sind weiter in Wroclaw, in Breslau, eine Stadt, die etwas erlebt hat, das so wahrscheinlich keine Stadt dieser Größe je erlebt hat: Einen kompletten Austausch der Bevölkerung nach 1945 und eine ganz massive Zerstörung als Folge der letzten dummen Nazi-Befehle, Breslau als Festung zu halten. Wenn so viel weg ist, ist da eigentlich noch irgendetwas, deutsche Spuren in Wroclaw? Ich freue mich, darüber sprechen zu können jetzt mit Marcin Miodek vom Lehrstuhl der Deutschsprachigen Länder und Schlesien an der Universität hier in Breslau. Dzien Dobry, guten Morgen!

Marcin Miodek: Dzien Dobry, guten Morgen!

Frenzel: Sprechen wir vielleicht zunächst über die Zerstörung. Viel ist wieder aufgebaut worden, so wie wir das auch aus Warschau und aus Danzig kennen, orientiert am Alten. Gilt das auch für diesen wunderschönen Ort, an dem wir sind, von dem wir senden, für den Ring?

Miodek: Es gibt oder es gab andere Stadtteile, die stärker zerstört wurden als der Marktplatz und die direkte Umgebung, zum Beispiel die Dominsel oder ganze Viertel im südlichen, im westlichen Teil der Stadt. Diese Häuser hier am Marktplatz sind ein bisschen weniger zerstört worden. Und dann, nach dem Krieg, also mit dem Wiederaufbau, das ist eigentlich Schwäche und Stärke der Ideologie und der wirtschaftlichen Schwäche, das heißt, in der Nachkriegszeit hatte man andere Prioritäten und hat nicht alles sofort wieder aufgebaut, sondern wegen Geldmangels hat sich alles verzögert, und deswegen wurden die Häuser hier, die leicht beschädigt wurden während der Belagerung, während der Festungszeit, die leicht zerstört wurden, und dann wurden sie später wiederaufgebaut, nicht sofort. Und natürlich Ideologie: Alles, was gotisch ist, als Piasten-Zeit, als urpolnisch galt, war damals natürlich Priorität vom ersten Tag an. Und die Mittel, die dann damals zur Verfügung standen, die gingen gerade in diese Richtung.

Wandlung nach der Wende  

Frenzel: Also polnische Identität aufbauen nach dem Krieg. Welche Spuren der deutschen Zeit sind denn noch sichtbar oder vielleicht auch wieder sichtbar?

Miodek: Da müssen wir von einer Wandlung reden. Nach dem Krieg gab es die sogenannte Entdeutschung, Rekolonisierung. Also eigentlich alles, was preußisch war, was deutsch war, war natürlich verpönt. Man versuchte, alles zu zerstören, einfach gesagt. Dann gab es natürlich in der kommunistischen Zeit eine gewisse Freundschaft wegen der Ideologie wieder. Wir hatten den Karl-Marx-Platz oder Straße, also Engels, Marx, das waren die guten Deutschen. Und dann, nach der Wende, nach 1989, nach 1990, da haben wir wieder mit den neuen Paradigmen zu tun, und da werden die alten Denkmäler wiederaufgebaut, die neuen aufgestellt. Also hier in der Nähe des Ortes, wo wir stehen, da steht ein Denkmal von Dietrich  Bonhoeffer, also ein Widerständler, hier vor der Elisabeth-Kirche. Dann gibt es auch das Eichendorff-Denkmal im Botanischen Garten und sogar einen Stolperstein vor dem Edith-Stein-Haus.

Frenzel: Ich habe gehört, es gibt eine richtige Breslau-Welle in der Literatur, also bewusst Breslau, nicht Wroclaw.

Miodek: Ja, das stammt von einem Krimi, einem Roman von Marek Krajewski, da gibt es eine ganze Reihe von Büchern, deren Handlung sich in Breslau in der Vorkriegszeit abspielt. Und dann hat es sich entwickelt, da gab es auch andere Autoren. Das sind zum Teil die Bücher, überwiegend Krimis, die zum Teil vor dem Zweiten Weltkrieg in Breslau stattfinden, aber auch einige in der direkten Nachkriegszeit.

Amputiertes Gedächtnis  

Moderator: Sie haben es ein bisschen schon angedeutet: Durch diese Rückkehr des Sich-Beziehens auch auf die deutschen Wurzeln, würden Sie sagen, dass die Stadt heute, dass Breslau ganz entspannt mit diesen verschiedenen Prägungen umgehen kann?

Miodek: Es kommt darauf an. Da müssen wir vielleicht zwei Richtungen unterscheiden, das heißt, im wissenschaftlichen Milieu, da ist schon eine ganz freie, objektive Rede seit einer längeren Zeit. Ob es unter der Bevölkerung so stark verbreitet ist, ist schwer zu sagen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen gibt es einen gewissen Mangel an Wissen, was damals eigentlich passiert ist, und wie es dazu kam, dass es so aussieht, wie es heute aussieht. Im Geschichtsunterricht zum Beispiel in der Grundschule und Oberschule endete die Geschichte Schlesiens eigentlich im 13., 14. Jahrhundert, und dann eine riesige Kluft bis zur Nachkriegszeit. Andrzej Zawada aus der Breslauer Universität hat den Begriff "amputiertes Gedächtnis" verwendet. Und gerade das, was mit dieser Periode – also die Habsburger, dann die Hohenzollern und dann die deutsche Zeit nach der Vereinigung und nach dem Ersten Weltkrieg, das ist eigentlich für viele immer noch Terra incognita.

Moderator: Haben Sie den Eindruck, dass mit Geschichte heute noch Politik gemacht wird, also wenn wir jetzt mal über Breslau hinausschauen?

Miodek: Leider immer noch. Gott sei Dank immer seltener und in Bezug auf Breslau nicht unbedingt. Es geht vielleicht eher um andere Ereignisse aus der deutsch-polnischen Geschichte. Das ist eine latente Gefahr. Im Moment ist es vielleicht nicht schlecht, aber bei verschiedenen Krisensituationen für die inneren Zwecke, sowohl in Deutschland als auch in Polen, gibt es immer eine Gefahr, dass diese alten Stereotype, diese alten Klischees irgendwie wieder verwendet werden können, was zum Beispiel letztens in den EU-Angelegenheiten auftauchte oder bei der Flüchtlingsproblematik.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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