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Mittwoch, 22.11.2017

Studio 9 | Beitrag vom 14.11.2017

Braunbären in AlaskaAggressive Verhaltensstörung durch Klimawandel

Von Thilo Kößler

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Outdoor-Unternehmer Rick Brown: "Sie wachen viel früher auf als üblich und finden dann nichts zu essen, weil die Natur noch nicht so weit ist." (imago / blickwinkel / S. Meyers)
Ein Braunbär läuft durch die herbstlichen Tundra im Denali Nationalpark in Alaska. (imago / blickwinkel / S. Meyers)

Der Klimawandel zeigt sich besonders an den Polen – die Arktis Alaskas erwärmt sich dreimal so schnell wie der Rest der Erde. Das hat Folgen: Bären etwa ziehen sich in kühlere Gegenden zurück. Ein Nebeneffekt: Braunbären werden immer aggressiver.

Aufstieg zum Exit-Gletscher im Kenai-Nationalpark in Alaska: Alex geht voran. Er ist Bergführer, 21 Jahre alt, durchtrainiert und vernarrt in diese Landschaft aus Bergen und Gletschern, Eis und Schnee. Alex hat alles im Rucksack dabei, was man hier oben braucht: Steigeisen für das Eis. Helm für den Fels. Das Wichtigste aber, sagt er, trägt er an einem Karabinerhaken in der Gürtelschlaufe – immer griffbereit und sofort einsetzbar. Ein große Dose Pfefferspray. 

Hand schnell an der Pfefferspray-Dose

Wenn es im Unterholz knackt, bleibt Alex sofort stehen und hat seine rechte Hand schon an der Spraydose: Hier, in dieser Gegend, wurde unlängst ein Wanderer von einem Braunbären hinterrücks angefallen und im Handumdrehen getötet, erzählt Alex. Die Braunbären seien verdammt gefährlich geworden hier, sagt er.

"Und dann haben wie einen Braunbär gesehen, es war eine halbe Meile von da, wo wir gerade hinschauen."
 
Alex deutet hinüber auf die Steinrinne, die Lawinen in einen Hang auf der anderen Seite der Schlucht gerissen haben. Ein richtig ausgewachsenes Tier sei da entlanggelaufen, über zwei Meter groß und sehr, sehr kräftig: Wie die meisten Braunbären hier.

Touristen schätzen Risiko falsch ein

Längst sind die Ranger und Führer in diesem Nationalpark darauf vorbereitet, jederzeit auf Bären zu treffen. Die Touristen unterschätzen das Risiko aber immer noch. Deshalb warnen mittlerweile große Hinweisschilder vor den Tieren – sie sind hier draußen zu einer echten Gefahr geworden.

Ein Bär auf Gleisen in Alaska vor einer Lok (Thomas Spang)Ein Bär in Alaska wandert seelenruhig auf den Gleisen vor einer Lok (Thomas Spang)

"Bei einer Begegnung mit einem Schwarzbären sollte man sich einen festen Stand suchen und klarstellen, dass man ihn gesehen hat. Das Tier unter keinen Umständen erschrecken! Nur deutlich machen: Ich habe Dich gesehen. Sprich ihn an – langsam, nicht hektisch! Wenn er aggressiv wird, hilft nichts anderes mehr, als zu versuchen, ihm mit den Trekking-Stöcken fernzuhalten. Und am Ende bleibt nur noch der Einsatz von Pfefferspray."

Das sind die Verhaltensregeln für die Begegnung mit einem Schwarzbären. Sie sind sehr viel kleiner als die Braunbären – und bei weitem nicht so gefährlich. Deshalb heißt es auf den Warnschildern: "Wenn sie von einem Braunbären aufgebracht werden, stellen sie sich am besten tot." und "Wenn er sie fressen möchte, wird es Zeit, um ihr Leben zu kämpfen". Alex sagt, das solle sich wirklich jeder einprägen, der hier draußen unterwegs sei. 

"Wenn sie anfangen, dich zu essen, wie das Schild sagt, dann ist das, glaube ich, wirklich der richtige Zeitpunkt, zurückzuschlagen."

Zahl der Braunbär-Attacken deutlich gestiegen  

Wie gefährlich Braunbären sind, weiß auch Rick Brown. Er gilt als der erfahrenste Führer in der Wildnis von Alaska und beobachtet als Chef eines Outdoor-Unternehmens die Folgen des Klimawandels. Und zwar nicht nur auf den rapide schmelzenden Gletschern, sondern auch in der Wildnis. Die Zahl der Braunbär-Attacken auf Menschen sei deutlich gestiegen, sagt Rick Brown auf der Terrasse eines Lokals zu Füßen des Exit-Gletschers.

"Wir hatten Leute, die regelrecht von Braunbären verfolgt wurden, beim Joggen, beim Laufen, beim Fahrradfahren. Die Bären haben sie buchstäblich von den Rädern gerissen, sie gejagt, ihnen aufgelauert."

Rick Brown spricht von einer ernsten Verhaltensstörung der Tiere, für die es nur einen Grund geben kann: den Klimawandel.

"Die Bären überwintern normalerweise – aber ihr Winterschlaf wird jetzt durch die immer höheren Temperaturen gestört. Sie wachen viel früher auf als üblich und finden dann nichts zu essen, weil die Natur noch nicht so weit ist."

Das macht die Tiere immer aggressiver, sagt Rick Brown.

"Der gefährlichste Bär ist ein Bär im Frühling, der Hunger hat."

Schießen ist keine gute Idee

Natürlich fragen sich auch Rick Brown und seine Führer, wie man in solchen Situationen am besten reagiert und sich vor den Bären schützen kann. Er hat mit Biologen gesprochen, Fallstudien gelesen, sich von Überlebenden berichten lassen und Statistiken verglichen: Wie die Leitung des Nationalparks ist er zu der Überzeugung gekommen, dass man unter keinen Umständen auf Bären schießen sollte. Das sei viel zu gefährlich!

"Jemand, der auf einen Bären schießt und nicht gleich richtig trifft, wird sofort von dem Tier angegriffen: der Bär ist verletzt, er rastet in seinem Schmerz aus, kann seinen Feind sehen, riechen und schmecken und geht auf ihn los. Und die Zeit reicht niemals aus, um das Gewehr noch einmal nachzuladen. Das geht meistens tödlich aus."

Deshalb geben Rick und die Leute vom Nationalpark nur Pfefferspray an ihre Mitarbeiter aus – und schulen sie darin, damit richtig umzugehen.

"Mit dem Bärenspray haben wir es nicht mit einem Schuss zu tun, der tödlich sitzen muss. Wir müssen den Bären aber ins Gesicht treffen – mit einer oder mehreren Spray-Wolken, die zwar dem Bären gelten, aber auch uns selbst treffen können. Aber er sieht, riecht und schmeckt nichts mehr und kann nicht mehr richtig gefährlich werden."

Irgendwann trifft man einen Bären

Rick hat das mit seinen Mitarbeitern, den Bergführern in seinem Outdoor-Unternehmen, immer und immer wieder geübt. Und trotzdem sei er stets in Sorge, wenn sie losziehen. Und wenn sie zurückkommen, fragt er immer zuerst: Habt ihr Bären gesehen?

 "Ich habe jetzt schon so lange damit zu tun. Und ich weiß, irgendwann passiert es einfach. Und dann kann ich nur hoffen, dass ich meine Mitarbeiter gut genug für diesen Fall trainiert habe. Ich möchte wirklich nicht, dass irgendjemand etwas zustößt."

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