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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.09.2012

Brahms auf der Baustelle

Elbphilharmonie in Hamburg wird erstmals bespielt

Von Verena Herb

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Der künftige Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, Kent Nagano, und der künftige Intendant Georges Delnon. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Der künftige Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper, Kent Nagano, und der künftige Intendant Georges Delnon. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Bisher machte die Hamburger Elbphilharmonie vor allem durch Negativschlagzeilen über explodierende Baukosten von sich reden. Wie gut für Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler, dass sie nun mit einem Coup aufwarten kann: Das neue Führungsduo heißt Georges Delnon und Kent Nagano. Und am Wochenende wird im Eingangsbereich der Elbphilharmonie Brahms' "Requiem" aufgeführt.

Musik "Ein deutsches Requiem" von Johannes Brahms

Brahms deutsches Requiem, schon oft in Konzerthäusern aufgeführt – doch kommenden Samstag wird es in neuer Kulisse erklingen.

In 37 Metern Höhe, zwischen "Himmel und Erde", wird Brahms Komposition auf der Baustelle der Elbphilharmonie dargeboten vom Berliner Rundfunkchor. Gemeinsam mit der Tanzcompagnie von Sasha Waltz wird es szenisch umgesetzt und somit zum "human requiem": Die Sänger werden im offenen Raum wandeln und die Besucher berühren – seelisch, akustisch, körperlich.

Diese Musik-Theater-Performance, die bereits im Februar in Berlin uraufgeführt wurde, ist der Auftakt des diesjährigen Hamburger Theaterfestivals. Und bietet eine Premiere: Es ist das erste Mal, dass das krisengeschüttelte Leuchtturmprojekt, genauer gesagt die Plaza, der Eingangsbereich der unfertigen Elbphiharmonie, zum künstlerischen Ort wird. Ein Novum – und ein Signal dafür, in welche Richtung sich Hamburg kulturell und künstlerisch hin entwickeln könnte.

Das geschieht ganz im Sinne von Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler. Gestern bittet die parteilose Politikerin zu einer eilig einberufenen Pressekonferenz: Sie hat einen Coup zu verkünden. Sichtlich stolz präsentiert sie das neue Führungsduo der Hamburger Staatsoper: Kent Nagano wird ab der Spielzeit 2015/16 Generalmusikdirektor der Hamburger Staatsoper. Er freue sich, sagt er und erklärt auf die Frage, warum er München als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper verlässt:

"Ich finde, dass Hamburg jetzt eine sehr interessante und inspirierte Position hat. Denn es ist eine internationale Stadt. Wie andere Städte, Hafenstädte, sehr vital und lebendig und direkt verbunden ist mit der ganzen Welt. Und dieser advantage point, dieser Vorteil für Hamburg – ich finde das ist ein interessanter Startpunkt für die 21. Jahrhundert. Und hoffentlich können wir etwas Besonderes bringen für Europa."

An seiner Seite ab 2015: Der Schweizer Georges Delnon. Der leitet seit 2006 das Theater in Basel. Und hat dort einige Erfolge vorzuweisen. Besucherzahlen und die Auslastung des Dreispartenhauses konnten gesteigert werden. Dennoch: Der 54-Jährige musste nicht allzu lange über einen Wechsel nachdenken.

"Ich fand es einfach attraktiv vom Angebot. Die Bedingungen haben für mich gestimmt. Auch die Vorbereitungszeit hat gestimmt mit drei Spielzeiten. Und auch die Idee, Kent Nagano mit mir ins Boot zu holen, hat für mich auch gestimmt. Fand ich auch sehr reizvoll. Und so gab es doch sehr viele Pluspunkte für Hamburg."

Schon lange wurde über die Nachfolge von Simone Young spekuliert: Die Australierin hatte Ende vergangenen Jahres verkündet, sie werde Hamburg 2015 verlassen. Sie wolle nicht mehr die ganze Verantwortung tragen: Intendantin und Generalmusikdirektorin in Personalunion - eine schwierige und kaum zu bewältigende Aufgabe, findet auch Barbara Kisseler und hat deshalb bei der Nachbesetzung die Ämter getrennt:

"Zwei solche inhaltlichen Profile wie Chefdirigent, GMD und Intendant, dies in einer Hand bedeutet eigentlich die Quadratur des Kreises. Sie werden an irgendeiner Stelle immer sagen: Entweder ist die Decke zu kurz und Sie haben kalte Füße. Oder aber Sie frieren oben rum. Also es kommt nicht zu einer 100 Prozent-Lösung. Und ich kenne, ehrlich gesagt, auch kein renommiertes Opernhaus, in dem das nicht in zwei Händen liegt. Das war von Anfang an meine Überlegung."

Nun liegt es an den Nagano und Delnon, internationales Flair an die Elbe zu holen und der Oper zum gewünschten Renommee zu verhelfen. George Delnon hat klare Vorstellungen, was dafür nötig ist:

"Qualität. Einfach möglichst die besten Dirigenten, die besten Regisseure. Tolle Sänger. Guter Spielplan. Spannend. Ideen, die ein bisschen darüber hinaus gehen. Zum Beispiel Oper im öffentlichen Raum ist etwas, was mich sehr interessiert. Überlagerung von Kunstformen ..."

Das Ganze muss jedoch unter den schwierigen Voraussetzungen von klammen Kassen passieren.

Kent Nagano: "Es ist wahr, die finanzielle Situation ist nicht einfach. Aber müssen wir auch sagen, leider das ist kein einziger Fall. Es ist eine schwierige Zeit für die künstlerische Institution. Aber Gott sei Dank Kreativität ist außerhalb eines Budgets. Kreativität braucht einfach eine Stabilität und eine Bindung mit der Gesellschaft, um weiterzugehen. Ich finde, in Hamburg können wir das finden."

Bis 2015 werden sich die finanziellen Rahmenbedingungen für die Oper verbessern, kündigte Barbara Kisseler auch sogleich an:

"Wir haben erreichen können, dass das Haus bis dahin in die Lage versetzt wird, mit den Problemen – die ja alle Kulturinstitutionen im Augenblick haben, so umgehen zu können, dass sie zwar ihren Sparbeitrag bringen müssen. Das aber das Haus nicht in Turbulenzen stürzt, für die künftige Entwicklung."

George Delnon hatte schon anklingen lassen, dass er sich bemühen werde, auch privates Geld zu finden, um die künstlerischen Ideen auch zu realisieren. Und so zeigt sich das neue Duo durchaus optimistisch, dass ihre Zusammenarbeit fruchten wird. Auch wenn Georges Delnon lächelnd sagt:

"Ich bin nicht sicher, dass es funktionieren wird. Das wird man sehen. Aber ich bin guter Dinge, weil die Gespräche bisher sehr gut waren. Und ich glaube, ein großer Respekt ist gegenseitig da. Man hat ja schon einiges gemacht. Und man kann sicher davon ausgehen bei mir, dass das, was ich entwickelt habe, in Mainz, in Basel sich irgendwo weiter so natürlich noch möglichst optimiert, in Hamburg weitergehen wird."

Es mag die Vorfreude auf eine gemeinsame Zusammenarbeit und die neuen Aufgaben gewesen sein, die die beiden Persönlichkeiten an die Elbe kommen lässt. Doch obwohl die Elbphilharmonie bislang eher für Negativschlagzeilen gesorgt hat, zeigt sich jetzt, dass sie vielleicht doch Anziehungskraft besitzt.

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