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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.05.2011

Bob Dylan als "kulturelle Konstante"

Musiker der Band "Ja, Panik" schätzt den großen Musiker und sieht ihn auch kritisch

Moderation: Ulrike Timm

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Spechtl über Dylan: Als Popmusiker selbstbewusst auf die Texte schauen.  (AP/Sony BMG)
Spechtl über Dylan: Als Popmusiker selbstbewusst auf die Texte schauen. (AP/Sony BMG)

Andreas Spechtl von der Gruppe "Ja, Panik" bezeichnet die genaue Arbeit an den Texten seiner Band als Einfluss von Bob Dylan. Seine Protestsongs aus den 60ern seien allerdings "Kitsch".

Ulrike Timm: "Ballad of a thin Man" von Bob Dylan, der wird heute 70, und im Studio ist zu Gast Andreas Spechtl, Gründer, Sänger und Texter der viel beachteten Band "Ja, Panik"; muss man immer mit Komma denken, sonst landet man in Asien – Ja Komma Panik –, eine Band, die mit so opulenten Titeln besticht wie "DMD KIU LIDT", was die Anfangsbuchstaben sind von "Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit", so heißt das vollständig. Ein junger Rockpoet, und wir wollen sprechen über einen Jahrhundert-Rockpoeten, über Bob Dylan. Ich grüße Sie, Andreas Spechtl!

Andreas Spechtl: Ja, guten Morgen!

Timm: "Ballad of a thin Man", einer der großen, aber nicht so ganz bekannten Songs von Bob Dylan – was löst dieses Lied in Ihnen aus, heute?

Spechtl: Ich finde, es ist schon ein sehr wichtiges Stück von Bob Dylan, weil es so ganz, ganz viel zeigt, wofür er dann ja eigentlich angefeindet wurde, und – noch dazu – das Angefeindetwerden er schon zum ersten Mal so für sich reflektiert, sozusagen die Akustikgitarre weglegen und die E-Gitarre in die Hand nehmen, was ja so der große Skandal war. Und in dem Stück kommt halt viel vor, einerseits diese surrealistische Bildsprache schon das erste Mal, dieser elendslange Text ...

Timm: Aufregung über den Spießer per se?

Spechtl: ... und dann über den Spießer per se, aber eben auch über die – das erste Mal über die Dylan-Rezeption und über diese ganzen Dylan-Interpreten und auch über – eigentlich über den Journalisten an sich. Man sagte, es geht da um einen "Times"- Journalisten ... der Name fällt mir nicht mehr ein jetzt so. Aber der Mister Jones, den gibt es mehr oder weniger, mit dem hat der so'n Clinch gehabt.

Timm: Aber das ist typisch für Dylan und war prägend für Sie, dass die Texte eigentlich mindestens ebenso wichtig sind wie die Musik.

Spechtl: Auf jeden Fall, das hat das erste Mal Dylan eingeführt, sozusagen. Also auch so als Popmusiker selbstbewusst auf die Texte schauen und auch die Texte eigentlich gleichwertig zu behandeln. Das ist auf jeden Fall wichtig.

Timm: Wir hatten heute morgen in einer anderen Sendung, in der "Ortszeit", Wolfgang Niedecken von "BAP" zu Gast, und der entpuppte sich gegenüber Dylan ganz demütig als Fan. Er sagte, er sei genau so aufgeregt, wenn ein Album von Dylan erscheine, wie eins von ihm selber. Und er ist ja sozusagen ein Mitgenerationenmann von Bob Dylan. Das kann bei Ihnen nicht so sein, Sie sind 27, und da wäre ein bloßes Fantum ein bisschen unnatürlich. Zugleich kommt man an Bob Dylan aber einfach nicht vorbei. Welches Verhältnis haben Sie denn als Musiker zu ihm?

Spechtl: Eben! Also dieses bloße Fan funktioniert bei mir natürlich nicht, für mich ist Dylan in gewisser Weise auch eine Konstante. Den gab es halt irgendwie schon immer und – sozusagen, ich glaube, für einen Musiker, wie ich das bin, gibt es überhaupt keine Möglichkeit, sich da irgendwie dagegenzustellen oder zu sagen, ich habe nichts mit Dylan zu tun, denn selbst wenn ich sagen würde, okay, Dylan hat mich nicht direkt beeinflusst, dann ist man, glaube ich, nach dem ganzen halben Jahrhundert, wo Dylan verschiedenste Künstler und Musiker beeinflusst hat, mindestens auf zweiter Ebene von Dylan beeinflusst. Selbst wenn ich sage, Dylan beeinflusst mich nicht, aber Hausnummer dieser oder jener beeinflusst mich, dann ist die vielleicht wiederum von Bob Dylan beeinflusst. Sprich, er hat irgendwie seine Fäden schon und seine Hände überall drinnen gehabt, das ist einfach sozusagen so eine kulturelle Konstante, so eine Säule.

Timm: Was nimmt man denn mit hinsichtlich Songwriting, Gesang, Aufnahmen, wenn man zugleich sagt: Okay, späte 60er-Jahre Gegenkultur ist heute nicht mehr so – was nehmen Sie konkret mit?

Spechtl: Ich finde einerseits natürlich schon interessant – das gab es in den 60ern noch nicht so, das hatte sich mit der Zeit entwickelt, diese Art, live zu spielen, einfach zu sagen: Okay, irgendwie, ich erfinde auch für mich den Song immer wieder neu. Und sozusagen sich auch dem zu stellen, zu sagen: Ja, vielleicht geht es manchmal in die Hose – manchmal kommen ja auch schreckliche Live-Versionen heraus oft ...

Timm: Das Unfertige als Qualität? Ich meine, man kann ihm vieles nachsagen, aber nicht, dass er toll singt oder auch nur virtuos Mundharmonika spielt!

Spechtl: Nein, das Unfertige, allerdings auch sozusagen auch fürs Publikum ... ihnen immer wieder die Chance, also eben dieses Momentane einfach ... und das hat ja auch dann so ein bisschen was von einem Happening; man ist immer wieder dabei, wenn Dylan irgendetwas erfindet. Und das ist ja vielleicht der Reiz an einem Dylan-Live-Konzert, sozusagen. Ich sehe das nur einmal, das gibt es nur einmal, ich bin da dabei, so dieses hier und jetzt, und morgen singt er es ja vielleicht wieder anders. Das ist schon interessant. Und man braucht nicht groß reden, dass Dylan großartige Songs geschrieben hat. Aber was natürlich auch für einen Künstler interessant ist, ist dieses – immer wieder eben – dieses Hakenschlagen, dieses, sich so, also ...

Timm: Sie meinen sich verwandeln – immer, wenn man ihn auf einen Stil festlegen wollte, war er schon eine Hausnummer weiter, ob einem das nun gefallen hat ...

Spechtl: Genau, ich glaube, das war das Allerschrecklichste für ihn.

Timm: ... seine gläubige Phase in den 70ern hat viele vor den Kopf gestoßen und dann – irgendwie, dann legt er die Gitarre weg und machte Arrangements mit großer Band, mit Elektronik. Aber bleiben wir mal bei dem, was Sie vorhin sagten, dieses Live, unfertig, dieses bewusste Genießen und sich stellen des Augenblicks, das ist ja was, was Sie auch bei "Ja, Panik" so machen, denn ich habe gehört, Sie nehmen häufig für Ihre Aufnahmen die erste Version – wohl wissend: So richtig alles sitzt da nicht.

Spechtl: Genau, aber ich glaube, es ist halt trotzdem ganz einfach oft so, dass, wenn man sich so einem Stück oder so das erste Mal nähert, dass sozusagen der Moment, so ein gewisser Zauber schon darin liegt, sich auch überraschen zu lassen, und dass vielleicht auch mal nicht so gut zu können und so. Sozusagen, das erste Mal sich drauf einzulassen, wird einfach immer das erste Mal sein, und es wird immer so einen Zauber behalten. Wenn dann mal so ein Ton danebengeht - man muss das auch anerkennen einfach als Momentaufnahme. Weil das Leben ist nichts, also es wird immer irgendwann Fehler geben.

Timm: Nun steht Bob Dylan ja auch dafür, der Vorreiter einer Gegenkultur zu sein, einer politischen Gegenkultur. Als er anfing, da gab es noch Rassentrennung, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Wie wichtig ist denn für Sie dieses Faktum politische Haltung, eine Message zu haben, Einflussnehmen zu wollen oder zu wissen, dass man es tut?

Spechtl: Ich finde das sehr wichtig, grundsätzlich, allerdings – und das ist natürlich etwas, da hat Bob Dylan den Weg dafür gelegt –, dass man jetzt sagen kann: Okay, da gibt es eine Message dahinter, und sozusagen auch so ein bisschen so den Aufreger zu spielen. Wenn man da jetzt allerdings speziell Bob Dylan anschaut, darf man nicht allzu genau hinsehen. Es gibt zwar einerseits diese Protestsongs aus den 60er-Jahren. Wenn man das genauer betrachtet, ist das relativ harmlos, und eigentlich ein seltsames Gutmenschentum, denn wenn man das weiterverfolgt – Sie haben das vorher schon gesagt, der Jesusjünger Bob Dylan, der war ...

Timm: … hat mich schwer schockiert!

Spechtl: ... der war dann auch gegen Abtreibungen, und der war dann auch homophob.

Timm: Man schaute ja auch gerade zuletzt auf sein China-Konzert, da haben Fans – im Westen, nicht unbedingt in China! – dann schon einen Gruß an Ai Weiwei oder irgendeine politische Botschaft erwartet. Ist das aus Ihrer Sicht albern, das zu erwarten oder hätten Sie sich das auch gewünscht, um noch mal auf Haltung, Message zu fragen?

Spechtl: Na ja, es ist die Frage – ich finde es nicht albern, sich das zu wünschen, allerdings, es ist schon ein bisschen kurzsichtig. Die Frage ist doch eher, warum er es macht, warum er sich das überhaupt antut, sozusagen, da zu spielen und diese ganzen Vorlagen eigentlich zu akzeptieren, und sich dann da was zu erwarten von der Bühne runter, finde ich legitim. Allerdings, das Zweifelhafte ist ja überhaupt sozusagen dieses Konzert einzugehen. unter all den Vorlagen. Und da sind wir wieder bei Dylan und da sind wir auch bei den negativen Seiten und warum es so verwirrend ist. Und vielleicht freut sich der alte Mann noch diebisch über Leute wie wir, die da drüber reden und sich den Kopf drüber zerbrechen, und er legt einfach tausend Fährten und denkt sich: Ach, ihr könnt mich eigentlich alle mal. Weil politisch hat der überhaupt keine Relevanz mehr, ich meine, der spielt auf Firmenfeiern von irgendwelchen Bänkern, der spielt vorm Apple-Chef, das hat er nicht nötig, warum macht er das, wenn der echt mal so ein kritischer Geist war?

Timm: Sie selbst haben mit ihrer Band mal gespielt in einer absolut Dylan-freien Zone, in Ägypten und im Sudan, und das soll ein großes Erlebnis gewesen sein, gerade weil diese große Figur dort nicht präsent war. Was hat das für Sie bedeutet?

Spechtl: Na ja, da sind wir eigentlich wieder bei dem Thema, weil auch dieser Kitsch hinter diesem ganzen Protest, auch über das, was wir da reden, das ist ja fast so eine romantische Haltung, die wir eben auch aus den 60er-Jahren rüberretten, das kann ja heute eh nichts mehr einlösen. Dieser kitschige Dylan-Protest, sage ich mal, diese Sozialromantik, die ist eigentlich absolut passé und das funktioniert heute nicht mehr – dort allerdings, glaube ich, hat das noch eine soziale Sprengkraft, wenn du so ein Lied wie "Masters of War" oder auch "Blowing in the Wind" ... würde es jemand verstehen, ich sage mal, würdest du es auf Ägyptisch übersetzen und würdest du diese Message und auch diese Person – Bob Dylan mit seiner ganzen Anti-Haltung –, auf ein ägyptisches Pendant übersetzen, dann hätte das echt eine Sprengkraft und würde was bewirken. Das lockt heute bei uns keinen mehr hinter dem Ofen hervor.

Timm: Aber die ägyptische Übersetzung, die steht noch aus. Sie, Andreas Spechtl, haben mit "Ja, Panik" sich in Ihren Songs manchmal aber auch direkt auf Bob Dylan bezogen. Zum Beispiel in dem Stück, das wir gleich hören werden, "Mister Jones and Norma Desmond". Was daran ist bei Dylan geklaut?

Spechtl: Geklaut ... ist so ein hartes Wort.

Timm: ... plagiiert, übernommen, verarbeitet, geliebt?

Spechtl: Ich würde sagen, es ist eine Anspielung, der Refrain, es kommt wieder der Mister Jones vor, der schon eingangs in dem Stück "Ballad of a thin Man" vorgekommen ist, und sozusagen, wenn bei "Ballad of a thin Man" der Mister Jones, der Musikschreiber, der Journalist in den Anfangstagen war, dann ist es bei uns der Grabgesang. Und er wird gefragt, ob er denn nicht die Norma Desmond kennt ...

Timm: ... die österreichische Fassung ...

Spechtl: ... die österreichische Fassung?

Timm: ... von Bob Dylan – vom Lebensgefühl.

Spechtl: Ich sehe mich nicht als Österreicher, das will ich so nicht sagen.

Timm: Dann hören wir es jetzt: "Mister Jones and Norma Desmond" von der Band "Ja, Panik". Andreas Spechtl war unser Gast. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Spechtl: Bitte sehr!


Links bei dradio.de:
Rockpoet Bob Dylan wird 70 - <br> Manche finden, er hätte den Literaturnobelpreis verdient
"Ich kannte ja bis dahin nur Pfadfindermusik" <br> Wolfgang Niedecken über die Musik von Bob Dylan, die sein Leben veränderte (DKultur)

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