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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 16.06.2016

Bluegrass aus den Appalachen  Mit dem Banjo gegen die Einsamkeit

Von Andreas Horchler

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"Big Country": Bluegrass Konzert im Carter Family Fold in Hiltons, Virginia (Andreas Horchler, ARD Washington)
"Big Country": Bluegrass Konzert im Carter Family Fold in Hiltons, Virginia (Andreas Horchler, ARD Washington)

Die Appalachen in Kentucky, Virginia, West Virginia und Tennessee gelten als eines der Armenhäuser Amerikas. Der Kohleboom ist vorbei, die Landwirtschaft gibt nicht viel her. In den Bergen entstand die "Mountain Music" und später der Bluegrass.

Im Autoradio fordert ein Baptistenpfarrer seine Zuhörer zu einem gottgefälligen Leben auf. Drei, vier Stunden südwestlich der Atlantikküste, der engbesiedelten, hektischen Hauptstadtregion liegt ein anderes Land. Appalachia, alte Berge, die wie ein Riegel zwischen Ostküste und Mittlerem Westen liegen. Die Landschaft ähnelt einem deutschen Mittelgebirge. Enge Täler, der Shenandoah, die Blue Ridge Mountains, Kohlereviere, entlegene Dörfer und in einer anderen Zeit stehen gebliebene Kleinstädte.

Es ist das Land der Hillbillies, der konservativen Habenichtse, der arbeitslosen Ex-Kohlekumpel, der Armut, der grassierenden Tablettensucht. Es ist das Land der Mountain-, Country- und – Bluegrass-Musik.

Flagge der Konföderation in den Vorgärten

In Bedford im Westen Virginias weht in vielen Vorgärten die Flagge der Konföderation. Über 150 Jahre nachdem der Bürgerkrieg verlorenging. Eine immer noch offene Wunde. Neben dem Rathaus ein gepflegtes, blumengeschmücktes Betondenkmal für die Südstaatensoldaten, die im großen Krieg ihr Leben ließen, gleich daneben eine Erinnerung an die verehrten "Bedford Boys", die im Zweiten Weltkrieg bei der Landung alliierter Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 starben.

Douglas Cooper leitet das lokale Museum. Ein dicker, schwer atmender Mann, der den stattlichen Backsteinbau mit Erinnerungen an alte Zeiten vollgestopft hat. Die würde er ohne Zögern der Gegenwart vorziehen.

Werbung für den Bluegrass-Friday in Bedford im Westen Virginias  (Andreas Horchler, ARD Washington)Werbung für den Bluegrass-Friday in Bedford (Andreas Horchler, ARD Washington)

Jeden Freitag um 19 Uhr lädt Cooper zum "Bluegrass Friday".

"Meine Frau hasst es. Sie mag einfach die Lead-Sänger mit den hohen Stimmen nicht."

Das geht den 60 Senioren, die in die zweite Etage des Museums gekommen sind anders. Ältere Herren mit Bart und langen Haaren, die im grauen Rock des Südens sofort in einem Bürgerkriegsfilm mitspielen könnten. Betagte Damen im Sonntagsstaat. Sie haben Banjos, Gitarren, Mandolinen, Kontrabässe und Fiedeln mitgebracht.

Den Anfang macht die Gruppe "Common Ground".

Ricky Ellis, Ende 50, Stoppelbart, spielt schon sein ganzes Leben. Ich zähle vier sichtbare Zähne. Zahnärzte verlangen in Amerika unverschämte Summen, Krankenversicherungen auch. Bluegrass-Musiker aber verdienen nicht viel.

Ricky spielt Mandoline und Gitarre, Tochter Amy den Kontrabass, Laura die Fiedel. Die Musik der Berge ist akustisch, kommt ohne E-Gitarren, Keyboards und Schlagzeug aus.

"Common Ground" beginnt mit "Can't you hear me calling", einem Klassiker aus den Bergen Kentuckys, aufgenommen von Bill Monroe, der als Vater des Bluegrass verehrt wird. "Die Tage sind lang, die Nächte einsam, seit du mich verlassen hast, ich sorge mich so sehr, seit du gegangen bist".

Simple Musikstruktur virtuos vorgetragen

Eine Geschichte aus den Bergen, in eine simple musikalische Struktur gepackt, virtuos vorgetragen. Was blieb den Nachfahren der schottischen und irischen Siedler denn außer der Musik, fragt Museumsdirektor Douglas Cooper. Die Gegend hielt vor allem Verzicht bereit: Auf Wohlstand, Aufstieg, Anbindung an die Außenwelt.

"Dieser Teil des Südens ist sehr ländlich. Die einzige Abendunterhaltung der Leute bestand darin, abends auf ihren Terrassen zu musizieren. Die Instrumente waren billig. Sie kamen zusammen und spielten die einzige Musik, die sie jemals gehört hatten. Wir nennen das Hillbilly-Musik, oder Bluegrass oder frühe Country-Musik: Das war ihre Unterhaltung, der Musik galt ihre Liebe. Und das ist zum Teil immer noch so."

Amy und Laura fallen ziemlich auf. Nicht nur, weil sie Anfang 20 sind und mit Abstand die jüngsten Teilnehmer der Session in Bedford, sondern auch, weil auch sie schon erste Zahnlücken haben. Mountain Music, Bluegrass, ist das etwas für junge Menschen?

"Wir beide sind damit aufgewachsen. Wir haben gelernt, indem wir ihm zugehört haben. Die Musik ist ansteckend."

Und hat es die begabte Geigerin Laura schon einmal mit klassischer Violine versucht?

"Nein, ich kann nicht einmal Noten lesen. Das kann niemand in unserer Familie. Ich habe ein bisschen mit Tabulaturen gearbeitet. Als ich mit der Fiedel anfing, hat mir mein Vater in den ersten Monaten ein paar Sachen aufgeschrieben. Dann hat er gesagt: Wenn du spielen willst, musst du lernen, nach dem Gehör zu spielen."

"Begrabt mich unter der alten Trauerweide", heißt es im Lied, das die berühmte Carter Family in Appalachia gehört und in den 1920er-Jahren aufgenommen hat: "Bury me under the weeping willow tree."

Nicht einmal 500 Dollar für den Auftritt einer guten Band

Ricky Ellis und seine Töchter spielen und singen hervorragend. Für großen wirtschaftlichen Erfolg hat es wie bei unzähligen Künstlern aus Appalachia trotzdem nicht gereicht.

"Inzwischen ist es so schlimm, dass sie nicht einmal 500 Dollar für einen Auftritt einer sehr guten Band bekommen."

Es ist eben alles nicht mehr so wie früher. In einer anderen Zeit, die angeblich besser war.

"Für die Liebe zu den alten Südstaaten liege ich jetzt in dieser Zelle für die Liebe zu Dixie werde ich in diesem Nordstaat sterben". Zeilen aus dem Bürgerkriegslied "Rebel Soldier", der die sklavenhaltenden Südstaaten verherrlicht. Zeilen, die bei Ricky Ellis Emotionen auslösen.

"Es gibt diesen sehr berühmten Song 'Rebel Soldier'. Dieses Lied hängt mit so vielen Dingen zusammen. Da bekommt man sofort tränende Augen, weil es ein so trauriger Song ist."

Blugrass-Session in der Baptistenkirche von Bassett, Virginia (Andreas Horchler, ARD Washington)Blugrass-Session in der Baptistenkirche von Bassett, Virginia (Andreas Horchler, ARD Washington)

"Pickers and Fiddlers" hat Baptistenpfarrer Jim Hewitt das Treffen der Bluegrass-Freunde in der Pocahontas Baptist Church in Bassett, Virginia genannt. Der Name der Kirche hat nichts mit Indianern zu tun. Die Frau des örtlichen Möbelherstellers und Kirchenstifters hieß Pocahontas. Bluegrass-Fan und Gitarrenspieler Hewitt meint: Man kann doch den Heiligen Geist nicht in eine Kiste sperren. Gott spricht auch durch Banjos, Mandolinen und Gitarren. Die Stifter hatten eher eine traditionelle Hochkirche im Sinn und drehten sich wohl im Grabe herum, wüssten sie von der Bluegrass-Session im Keller der Pocahontas Baptist Church. Dabei ist die Gospel-Musik ein enger Verwandter der Mountain Music.

"Die Menschen in den Appalachen waren ein unterdrücktes Volk. Sie sangen darüber, was ihre Seelen beschwerte. So befreiten sie sich. Sie arbeiteten die ganze Woche hart auf den Feldern und in den Fabriken. Dann kamen sie zusammen und sangen über die Dinge, die sie erlebten. Das brachte sie zur Musik."

Gestandene Musiker kennen das Repertoire der Berge auswendig

Die Bluegrass-Baptistenband besteht aus gestandenen Musikern. Sie kennen das Repertoire der Berge auswendig:

"Ich bin Bobby Scott. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie lange ich schon Banjo spiele. Mein Vater hat mir das Instrument in die Hand gedrückt. Ich bin Linkshänder. Habe mir nie darüber Gedanken gemacht, dass die Saiten für mich falsch herum aufgezogen waren, bis ich über 20 war."

Bobbys Witz ist durchaus auch ein wenig bitter:

"Wir haben nicht viel Spaß, aber wir verdienen eine Menge Geld."

"Mein Name ist Tim Martin. Ich spiele die Fiedel. Das mache ich seit meinem siebten Lebensjahr. 2008 habe ich den 1. Platz beim Wettbewerb in Galax belegt. Mal sehen, ich kann hier mal eine kleine Sache probieren."

"Mein Name ist Fletcher Smith, ich spiele Mandoline. Interessant ist, dass die Mandoline und die Fiedel gleiche besaitet und gestimmt werden. Nur die Intervalle sind ein bisschen unterschiedlich. Also wechseln viele Musiker die Instrumente hin und her. Wer ein bisschen daran arbeitet, kommt klar."

"Jim Philpott. Ich spiele ein bisschen Mundharmonika. Das wollte sonst keiner machen, also habe ich zugegriffen."

" ... das war 'Shenandoa'."

"Ich versuche mich an der Gitarre. Ich bin in einer musikalischen Familie aufgewachsen. Mein Vater spielte Banjo. Ich fing mit fünf Jahren an. Ich heiratete eine Frau aus einer anderen musikalischen Familie, also machte ich weiter."

Die Instrumentalisten machen sich für den Auftritt fertig. Tim Martin denkt durchaus, dass Bluegrass eine Zukunft hat.

"Ich glaube schon, dass Bluegrass überleben kann, aber die neuen Gruppen, die jetzt Musik aufnehmen und im Radio gespielt werden, die klingen zu sehr nach Nashville."

Uralte Spirituals am Ende der Session

Um zu zeigen, wie handgemachte Musik klingt, spielen die Männer aus Bassett, Virginia "Your old standby", einen Klassiker von Jim Eanes.

Am Ende der Session in Bassett wird dann doch deutlich, dass der Ort des Geschehens eine Kirche ist. Musiker und Publikum versammeln sich, singen nicht mehr Bluegrass-Musik, sondern uralte Spirituals.

"Old Time Music": Schild am Carter Family Fold in Hiltons, Virginia (Andreas Horchler, ARD Washington)"Old Time Music": Schild am Carter Family Fold in Hiltons, Virginia (Andreas Horchler, ARD Washington)

Noch weiter im Westen wird Virginia schmal, ein Landzipfel eingezwängt zwischen Tennessee im Süden und Kentucky im Norden. Die Carter Family stammt wie fast alle Menschen in Appalachia aus sehr einfachen Verhältnissen.

"Diese Gegend war extrem arm. Die Leute nennen das hier 'poor valley', das Tal der armen Leute. Mein Großvater machte allerlei Dinge, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Er war Schreiner, unterhielt eine Sägemühle, hatte eine Farm. Er war Lohnbauer. Er machte alles, um Geld zu verdienen. So wie die Meisten."

Alles, was einen Wert hat, wird aus Appalachia herausgeholt, kaum etwas kommt zurück, meinen die Leute hier. Das Beste der Mountain Music wird in der Countryfabrik Nashville geschmeidig gemacht. Der Wald wird gerodet, die Landwirtschaft wirft nicht viel ab, die Kohle hat die Arbeiter und ihre Familien nicht reich gemacht, sondern nur die Minenbesitzer.

Poverty-Porn aus Appalachia

Wer in Amerika über Armut schreibt oder berichtet, fährt nach Appalachia. Poverty Porn wird das genannt, Armuts-Porno.

Dee Davis leitet das Zentrum für ländliche Entwicklung auf der anderen Seite der Grenze in Whitesburg, Kentucky. Der korpulente Mann mit Vollbart und großer Hornbrille kennt den Begriff sehr gut:

"Ich denke, Armut in diesem Land ist immer eine schwierige Angelegenheit, weil das ironisch ist. Wir haben ein reiches Land. Wenn wir über Leute diskutieren, denen es nicht gut geht, verfallen wir in die alte Schwarz-Weiß-Malerei. Manchmal haben diese Bilder etwas Pornografisches. In den Kohlefeldern in den zentralen Appalachen sind wir seit Langem arm, gemessen an nationalen, zum Teil auch internationalen Standards."

Ändern wird sich wohl nichts. Vor über 50 Jahren erklärte Präsident Johnson den Krieg gegen die Armut und reiste an. Bill Clinton kam, Barack Obama gab Geld für Bildung und Gewerbeansiedlung. Es half bisher wenig. Dee Davis kommt zu einem drastischen Schluss:

"Die Politiker sind eine Bande von Lumpen. Sie sagen alles, wenn es ihnen nur Wählerstimmen bringt. Und die Politik folgt der Kultur."

Die amerikanische Kultur macht sich lustig über die ungebildeten, sturen, konservativen Hillbillys. Auch über ihre komischen Lieder mit den hohen Stimmen, den Fiedeln, den Banjos, den Mandolinen und Gitarren. Das wird den Menschen nicht gerecht. Auch nicht den Musikern. In ihren alten Liedern erzählen sie die Geschichte Amerikas. Sie haben ein ausgeprägtes Heimatgefühl, einen Gemeinschaftssinn, der selten ist. Als immer mehr Bergbewohner bei den Industriebetrieben im Ohiotal im Norden Arbeit fanden, wurde in einigen Betrieben zehn Tage durchgearbeitet. Danach gab es vier freie Tage. Die Menschen aus Appalachia fuhren nach Hause in die Berge.

Gibt es den blauen Mond über Kentucky wirklich?

Rosine liegt im Westen Kentuckys, oben auf der Jerusalem Ridge, abgeschieden, isoliert. Eine Straße, ein Laden, nach einer Fahrt über einen Waldweg der Familiensitz von Bill Monroe. Ein einstöckiges Holzgebäude, indem viele Kinder Platz finden mussten. Mary Sue Rimfroh erzählt Episoden, zeigt Nähmaschinen, Banjos und Ölbilder des Bluegrass-Vaters, die ihre Tante gemalt hat.

Das Bill-Monroe-Haus in Rosine im Westen Kentuckys (Andreas Horchler, ARD Washington)Das Bill-Monroe-Haus in Rosine im Westen Kentuckys (Andreas Horchler, ARD Washington)

Gibt es diesen "Blue Moon of Kentucky", den der Mandolinenspieler Monroe in einen Song packte, den Elvis Presley besang, eigentlich wirklich?

"Es gibt so eine Zeit, irgendwann im August oder im Juli, da ist der Mond blau. Also nicht richtig blau, aber die Leute nennen ihn dann 'blue moon'."

Gleich gegenüber wohnt Tom Ewing. Er spielte in den letzten Jahren von Bill Monroe Gitarre in dessen Band.

Ja, er konnte ein Tyrann sein, wenn man aber das spielte, was er wollte, war Monroe ein prima Typ. Und als er weit über 70 war, verpflichtete er seine Bluegrass Boys nicht mehr wie in früheren Jahren zur Farmarbeit. Ist die hinter der Musik steckende Haltung konservativ?

"Ja, ich denke schon. Die Basis der Musik stammt ja von schwer arbeitenden Leuten mit christlicher Weltsicht, also: Man sollte immer hart arbeiten und nicht spielen. Es ist eben insgesamt eine ganz andere Welt!"

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