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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 19.11.2015

BlickverstärkerDialoge zwischen Kunst und Wissenschaft

Von Frank Kaspar

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Fledermaus in Ghana. (picture alliance / dpa / Foto: Florian Gloza-Rausch/uni Bonn/no)
Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?, fragte der amerikanische Philosoph Thomas Nagel in einem viel zitierten Aufsatz. (picture alliance / dpa / Foto: Florian Gloza-Rausch/uni Bonn/no)

Sogenannte künstlerische Forschung ist in Mode. Naturkundliche Museen und Forschungsinstitute vergeben Aufträge und Stipendien an Künstler. Die Ergebnisse mögen nicht wissenschaftlich exakt sein. Anregend sind sie allemal, wie zwei Beispiele aus Berlin und Bielefeld zeigen.

"Origin of Senses" - Der Ursprung der Sinne, so heißt, frei nach Darwin, ein Zyklus von 12 Gedichten, die die Schriftstellerin Sabine Scho ausgewählten Präparaten des Berliner Museums für Naturkunde gewidmet hat.

"Die Gedichte und die Zeichnungen nehmen uns mit auf eine Fantasiereise. Es ist eine sehr sinnliche Annäherung an ein eigentlich wissenschaftliches Thema, also die Frage: Wie sieht Sinneswahrnehmung bei anderen Organismen aus?"

Anita Hermannstädter leitet das Modellprojekt "Kunst-Natur": Das Museum für Naturkunde hat Schriftsteller und bildende Künstler dazu eingeladen, neue Perspektiven auf die wissenschaftliche Sammlung zu entwickeln. Andreas Töpfer und Sabine Scho umkreisen auf Skizzenblättern und in poetischen Spekulationen die Frage, wie sich unser Blick auf die Welt verändern würde, hätten auch wir ein Echolot oder Wärmesensoren, könnten wir Infraschall hören oder ultraviolette Strahlen sehen.

"What is it like to be a bat?" - Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?, fragte der amerikanische Philosoph Thomas Nagel in einem viel zitierten Aufsatz. Das Sensorium der Tiere geht über die fünf Sinne des Menschen weit hinaus. Ein Blick auf ihre erstaunlichen Fähigkeiten macht bewusster, wie sehr unsere eigene Wahrnehmung von ganz bestimmten Filtern eingefärbt, getrübt oder begrenzt wird. Man nehme nur den Hammerhai, der Rezeptoren für elektrische Impulse besitzt.

Sabine Scho: "Und zwar in der Stärke, dass bewegungslose Beute, die 12 Kilometer versteckt irgendwo - wie Rochen zum Beispiel - im Sand liegen, damit aufgespürt werden können. Das ist natürlich schon ein herausragender Sinn. Und das lockt natürlich auch, sich darum zu kümmern und mal zu schauen: Was ist das denn eigentlich? Wie sieht das aus? Und der Hai ist einfach ein sehr schönes Exponat in dieser Nass-Sammlung, die ja wie eine Kathedrale, wie eine riesige Bar aufgebaut ist."

Gedicht "hammerhai" von Sabine Scho:

nicht wissen wollen
wie es ist, ein hammer-
hai zu sein: what is it like
to be a snarky crackpot
sensationally sick
360 grad im blick
pausenlos pendeln
lorenzinische ampullen
melden impulse, sammeln
elektrische stimuli durch
poren am hammerkopf

Testpersonen malen mit den Augen

Mit Fragen der Wahrnehmung haben sich auch die bildenden Künstler Beat Brogle und Nicole Schuck beschäftigt. Während eines Stipendiums am "Zentrum für Interdisziplinäre Forschung" der Universität Bielefeld, kurz ZiF, machten sie Selbstversuche mit einer "EyeSeeCam", einem Kamera-System, das man wie einen Helm trägt, um die eigenen Augenbewegungen aufzuzeichnen. Auf dem Kopf des Probanden sitzen vier Kameras, drei davon unbeweglich, eine ruckt, von einem kleinen Elektromotor angetrieben, ständig hin und her.

Beat Brogle: "Man hat da so eine Taucherbrille an, mit Kameras umgeben: Eine filmt geradeaus, die anderen zwei Kameras filmen auf die Augen zu, um die Augenbewegungen zu erkennen, und die dritte oben überträgt dann die Augenbewegung in eine Kamerabewegung."

Am ZiF trafen der Zeichner und die Zeichnerin auf ein internationales Team von Psychologen, Physikern, Biologen und Neurowissenschaftlern, das die Verarbeitung visueller Reize im Gehirn erforschte. Die Künstler folgten aber ihrem eigenen Erkenntnisinteresse und versuchten, mit der "EyeSeeCam" zunächst herauszufinden, welche Reize im Alltag unbewusst ihre Aufmerksamkeit lenken.

Nicole Schuck: "Ich bin durch so einen Garten gegangen und habe sofort einen kleinen Frosch gesehen und war dann stundenlang mit diesem Blick an diesem Frosch dran. Und so gab es mehrere Sachen - Tiere tatsächlich, ist mir auch aufgefallen, immer wenn ich irgendwo was gesehen habe, irgendein Tier, habe ich dann sehr lange mich mit diesem Tier beschäftigt. Es war eigentlich ein bisschen wie so ein Psycho-Feedback: Was interessiert dich? Wo schaust du hin? Wo ist die Konzentration?"

Für eine weitere Testreihe luden Nicole Schuck und Beat Brogle die Wissenschaftler des Forschungsprojekts als Versuchspersonen ins Eyetracking-Labor der Uni Bielefeld ein. Die Probanden sollten auf einen Bildschirm schauen. Dort wurde jede ihrer Augenbewegungen in Echtzeit in eine graphische Spur übersetzt - allerdings, ohne, dass sie von dieser Rückkopplung wussten.

Beat Brogle: "Da stand: "Watch what you see!" - Und dann ist der Test losgegangen, und der Proband, die Probandin hat eigentlich im Zentrum des Monitors gesehen, wie da eine kleine Krakellinie anfängt, sich wie wild zu bewegen. Und nach einer gewissen Zeit nimmt man dann wahr: Um Himmel Willen, das ist ja meine eigene Augenbewegung."

Stehen Blickbewegungen und innere Bilder in einem Zusammenhang?

Manche Probanden begannen nach dieser Schrecksekunde, mit ihren Augen figürlich zu zeichnen, andere versuchten, die Bildfläche mit abstrakten Mustern zu strukturieren. So verwandelten die Künstler den "Eyetracker" in ein Zeichengerät.

Beat Brogle: "Es geht uns ja nicht drum, jetzt die guten Zeichner mit dem Medium zu werden, sondern was mich immer wieder fasziniert, ist diese Unmittelbarkeit, das eigene Sehen zu sehen, eine Form aus dem eigenen Sehen zu entwickeln, diese Unmittelbarkeit hat etwas Brachiales."

In weiteren Tests untersuchten Schuck und Brogle, ob sich mit dem Eyetracker ein Zusammenhang der Blickbewegungen mit inneren Vorstellungsbildern nachweisen lässt. Hier bräuchte es noch weitere Untersuchungen, denn es stellte sich schnell heraus, wie schwierig es ist, bewusste und unbewusste Bewegungen der Augen voneinander zu unterscheiden. Vielversprechende Ansätze also für eine "künstlerische Forschung"?

Nicole Schuck ist davon überzeugt, dass Wissenschaft und Kunst in einen fruchtbaren Austausch miteinander treten können, gerade weil für sie nicht dieselben Regeln gelten.

"Der Unterschied ist natürlich der: In der Wissenschaft brauchst du die Beweisbarkeit. Wir als Künstler, wir können uns sehr viel mehr auf Zufälle und auf Fehler einlassen, was, finde ich, der Wissenschaft sehr zuträglich sein kann, anders herum ist es aber auch total interessant, mit Wissenschaftlern zu arbeiten, die so sehr, sehr scharf an der Fragestellung immer dran sind und dran bleiben, also, die sich da auch nicht so ablenken lassen."

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