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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 06.04.2013

Blei im Wild, Blei im Gewächs

Warum Vegetarier besonders gefährdet sind

Von Udo Pollmer

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Die Jäger sind den Befürwortern einer Freilandhaltung heute wieder ein Vorbild. (dpa / picture alliance / Carsten Rehder)
Die Jäger sind den Befürwortern einer Freilandhaltung heute wieder ein Vorbild. (dpa / picture alliance / Carsten Rehder)

Geschossenes Wild kann große Mengen an giftigem Blei enthalten. Doch die höchste Belastung haben nicht etwa Liebhaber einer Rehkeule - sondern Vegetarier. Denn das meiste Blei wird über Gemüse, Getreide und Kräutertees aufgenommen.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung, das BfR, hat die Jäger im Visier. Denn viele von ihnen schießen bis heute nach alter Väter Sitte mit Bleimunition und verunreinigen damit das Lebensmittel Wild. Zudem wird ihnen angekreidet, dass so manch ein Schuss danebengeht, vor allem bei Verwendung von Schrot. Verirrte Schrotkugeln belasten das Fleisch; Vögel picken die Bleikügelchen als Magensteine auf, das Schwermetall löst sich und verteilt sich im Körper. Da Raubvögel angeschossenes Kleinvieh leichter schlagen können, gibt‘s auch bei ihnen Bleivergiftungen. Alles gute Gründe für die Jägerschaft, sich mit Nachdruck um eine bessere Munition zu bemühen.

Das BfR sorgt sich naturgemäß um den Verbraucher: "Wildfleisch", so die Behörde, "gehört zu den am höchsten belasteten Lebensmitteln. Eine wesentliche Ursache dafür ist die bei der Jagd verwendete Bleimunition … Blei ist schon in kleinen Mengen schädlich." Deshalb warnt die Behörde vor allem Kinder und Schwangere vor Wild. Und wie hoch ist nun die Bleibelastung durch geschossenes Wild? Da liegen die meisten Werte sogar relativ niedrig.

Die Gründe: Ein Teil der Jägerschaft verwendet bleifreie Munition, außerdem wird der Schusskanal großzügig entfernt. Doch zwischendrin tauchen immer wieder stark belastete Stücke auf. Die Ursache sind übersehene Schrotkugeln – vor allem bei Hasen und Federvieh. Aber auch bei Geschossen mit Bleikern können Splitter zu Rückständen führen. Und warum verwendet ein Teil der Jäger immer noch bleihaltige Geschosse, obwohl sie für den Verbraucher ein Risiko darstellen können? Einfach weil sie besser wirken. Und das wiederum ist aus Gründen des Tierschutzes relevant.

Blei in Weizen-Vollkorn, Küchenkräuter und Blattgemüse

Wie können wir die Belastung mit Blei vermindern? Da findet sich in den aktuellen Kongressunterlagen der Behörde ganz nebenbei ein echter Knaller: Die höchste Bleibelastung haben nicht etwa Liebhaber einer Rehkeule - sondern Vegetarier; und je vegetarischer sich diese ernähren, desto höher sind sie belastet. Warum ist das so? Weil laut BfR das meiste Blei über Gemüse, Getreide und Getränke aufgenommen wird. Wer wissen will, welche das genau sind, muss ein wenig in den Schriften des BfR stöbern. Und siehe da: Die wichtigsten Bleiquellen sind Weizen-Vollkorn, Küchenkräuter und Blattgemüse. Bei den Getränken steht der Tee an der Spitze. Hier schweigt die Behörde, welcher Tee das Problem ist. Unter uns: Es handelt sich um Kräutertee.

Wenn Blei schon in kleinen Mengen gefährlich ist, sollte man erwarten, dass das BfR vor Kräutertee, Vollkorn und Blattgemüse warnt. Damit könnte man sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Denn fast das Gleiche gilt für Cadmium: Laut BfR sind auch bei diesem giftigen Schwermetall die Vegetarier ganz vorne mit dabei. Eine blei- und cadmiumarme Ernährung wäre also gar nicht so schwer. Aber die Behörde warnt statt vor vegetarischer Kinderernährung vor einer Wildsalami.

Wenn das Bio-Erschießungskommando antritt

Natürlich ist nicht jeder begeistert, wenn ein friedlich bei seiner Gruppe äsendes Reh erlegt wird. Doch die Biobranche findet das vorbildlich – zumindest bei Rindern. Bei der vielgelobten ganzjährigen Freilandhaltung gibt es nämlich Probleme, sobald die Tiere zur Schlachtung verladen werden müssen. Viele Rinder weigern sich, in einen Transporter zu steigen. Der erlaubt ihnen keine Flucht. Hat man sie endlich im Hänger, stehen die glücklichen Weidetiere während der Fahrt große Ängste aus, und Angst schadet der Fleischqualität.

Deshalb werden heute Bio-Weiderinder vor den Augen ihrer Herde mit dem Gewehr niedergestreckt. Die Bioszene bewirbt diese Methode mit dem Slogan: "Auf der Weide sterben dürfen" - sozusagen im Kreise ihrer Angehörigen, wenn das Bio-Erschießungskommando antritt mit dem Sinn fürs große Ganze. Ja, die Jäger sind den Befürwortern einer Freilandhaltung heute wieder ein Vorbild. So ändern sich die Zeiten. Gratuliere - & Mahlzeit!


Literatur
BMELV - BfR Symposium "Alle(s) Wild?": Stand der Wissenschaft zum Verhalten bleifreier Munition bei der Jagd sowie zum Eintrag der Munitionsbestandteile Blei, Kupfer und Zink in jagdlich gewonnenes Wildbret. Berlin, 18. - 19.03.2013
Haldimann M et al: Intake of lead from game meat – a risk to consumers‘ health? European Food Research and Technology 2002: 215: 375-379
BfR: Bleihaltige Munitionsreste in geschossenem Wild können für bestimmte Verbrauchergruppen ein zusätzliches Gesundheitsrisiko sein. Stellungnahme Nr. 32/2011, 19.09.2011
BfR: Gesundheits- und Umweltaspekte bei der Verwendung von Bleimunition bei der Jagd. BfR-Forum Spezial, Berlin 03.-04.11.2011
BfR: Bleibelastung von Wildbret durch Verwendung von Bleimunition bei der Jagd. Stellungnahme Nr. 040/2011, 03.12.2010
Langgemach T et al: Anmerkungen zur Bleivergiftung von Seeadlern (Haliaeetus albicilla). Natur & Landschaft 2006; 81: 320-325
Trampenau L: Auf der Weide sterben dürfen. Bioland 2011; (7): 17-18
Blume K et al: Aufnahme von Umweltkontaminanten über Lebensmittel. BfR-Information 2010
Trampenau L: Kugelschuss auf der Weide. Der kritische Agrarbericht 2011; S.147-150
Wenzlawowicz Mv: Kugelschuss auf der Weide als Betäubungs- / Tötungsverfahren zur Schlachtung von Rindern. Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. Merkblatt Nr. 136/2012

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