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Tonart | Beitrag vom 04.06.2018

"Blaze Away" von Morcheeba Mehr Nostalgie als Neuanfang

Von Kerstin Poppendieck

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Sängerin Skye Edwards von Morcheeba beim einem Konzert am 9.5.2018 in Frankfurt (imago/HMB-Media)
Sängerin Skye Edwards von Morcheeba beim einem Konzert am 9.5.2018 in Frankfurt (imago/HMB-Media)

"Rome wasn't built in a day" war ihr größter Hit. Doch das ist gut 18 Jahre her. Nun verspricht die britische Band Morcheeba einen Neuanfang. Auch wenn "Blaze Away" sonnig und unbeschwert klingt, bleibt das Album textlich belanglos.

Ross Godfrey: "Bevor wir anfingen, an diesem Album zu arbeiten, habe ich drei Worten auf einen Zettel geschrieben und auf meinen Computerbildschirm geklebt: tiefgründig, düster und Dub. Das war mein Manifest. Aber ziemlich schnell wurde klar, dass das nicht passt."

Tatsächlich ist von Ross Godfreys Manifest Deep, Dark und Dubby nicht viel geblieben und grundsätzlich muss das ja nicht schlecht sein. Denn auch wenn "Blaze Away" das bereits neunte Album der Band Morcheeba ist, ist diesmal doch alles neu.

Dass Paul Godfrey, der sowohl für die Texte als auch für die Produktion der vorherigen Alben verantwortlich war, die Band verlassen hat, schreit doch nach einem Neuanfang der einstigen Trip-Hop Pioniere. Allein das macht neugierig auf das neue Album, denn Trip-Hop war schon vor 25 Jahren ein Genre, das auf innovative Weise die unterschiedlichsten Musikstile neu zusammensetze: ein bisschen Elektro, Dub, Hip-Hop, gerne auch Jazz.

Doch schnell merkt man beim ersten Hören des Albums: Das Innovative fehlt. Zu sehr hängt Gitarrist und Keyboarder Ross Godfrey in der guten alten Trip-Hop-Zeit fest.

Ross Godfrey: "Für mich klangen Alben am besten zwischen 1965 und 1975. Niemand hat seitdem besser klingende Alben gemacht. Dabei würde man doch genau das Gegenteil erwarten von der heutigen modernen Technik. Aber nein. Eine Hälfte von mir hat also diese romantische Liebesaffäre mit der Musik von früher. Und die andere Hälfte versucht neue Dinge zu produzieren und nach vorne zu schauen. Mit diesen beiden Hälften produziere ich die Morcheeba-Albem und unseren individuellen Sound."

Paul Godfrey hinterlässt eine zu große Lücke

Hm, genau da liegt Ross Godfrey daneben. Ohne Frage, hatten Morcheeba in den Jahren um die Jahrtausendwende einen ganz eigenen, individuellen Sound. Doch das ist jetzt über 15 Jahre her.

Seitdem versucht die Band mit jedem neuen Album an die früheren Erfolge anzuknüpfen. Vergeblich. Das Ausscheiden von Paul Godfrey hat ganz offensichtlich ein Loch in die Band gerissen, das die beiden verbleibenden Mitglieder jetzt mit beeindruckenden Namen zu stopfen versuchen.

Die tiefe, samtige Stimme von Roots Manuva lässt den Titelsong des Albums herausstechen. Und der Song "Paris Sur Mer" versetzt den Hörer direkt nach Paris, dank des französischen Sängers Benjamin Biolay. Die prägende Stimme auf dem Album ist aber natürlich die der Sängerin Skye Edwards, die auch nach über 25 Jahren unverwechselbar ist.

Durch das Ausscheiden von Paul Godfrey wurden für dieses Album die Karten für die musikalischen Verantwortlichkeiten neu gemischt. Dadurch ist Skye Edwards nicht mehr nur Sängerin, sondern auch die Texte der Songs stammen größtenteils von ihr.

Ross Godfrey: "Skye Texte sind mittlerweile richtig gut. In der Zwischenzeit hat sie ja drei Soloalben veröffentlicht. Das hat sie offensichtlich besser werden lassen. Und ich kann jetzt unsere Alben alleine produzieren, ohne dass mir jemand hilft. Als wir die Band gegründet haben, war ich 18 Jahre alt und für eine lange Zeit war Morcheeba alles, was ich tat und kannte. Diese Pausen von einander waren sehr wichtig um herauszufinden, wer wir eigentlich sind."

Von den Trip-Hop-Pionieren bleibt kaum etwas

Was auf dem Album überrascht, ist die Gitarrenpräsenz. Die gab es zu Zeiten von Paul Godfrey nicht. Ganz offensichtlich ist das dem neuen Produzenten und gleichzeitig Gitarristen der Band Ross Godfrey geschuldet. Bei dem Lied "Find another way" klingen Morcheeba dank akustischer Gitarre fast nach folkigen Singer/Songwritern.

Die Fans spalten wird garantiert der Song "Summertime". Süßlicher Mainstreampop, bei dem der Zuckerguss fast tropft, und in dem Skye Edwards von lauen Sommernächten singt, in denen man sich doch ach so schön verlieben kann. Da ist von den Trip-Hop-Pionieren von damals nichts mehr übrig geblieben.

Mit den drei Schlagworten: "Tiefgehend, düster und Dub" ist Ross Godfrey in die Albumproduktion gegangen. Das Ergebnis ist eher textlich belanglos, musikalisch sonnig unbeschwert und na ja okay, ein bisschen Dub ist doch dabei. Das nächste Album der Band wird das zehnte sein. Vielleicht ja eine gute Gelegenheit, endlich wieder mutiger zu werden.

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(Deutschlandfunk, Corso, 26.05.2018)

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