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Weltzeit | Beitrag vom 15.02.2017

Blaue Ökonomie in RotterdamLeben ohne Abfall

Von Robert B. Fishman

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Gemüsegarten Dakakker auf dem Flachdach auf einem Büro-Hochhaus in Rotterdam (picture alliance / Robert B. Fishman / dpa)
Der Dachgarten "Dakakker" in Rotterdam (picture alliance / Robert B. Fishman / dpa)

Einige machen aus Dreck Schmuck, andere verwandeln ausrangierte Windräder in Spielplätze oder entwickeln Häuser, die mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. So wurde Rotterdam zu einem Vorbild in nachhaltiger Stadtentwicklung.

Mitten in Rotterdam verrottet in bester Lage an der Neuen Maas das ehemalige Spaßbad Tropicana. Viele Rotterdamer Kinder lernten in dem riesigen Bau schwimmen. Aber der Betreiber ging Pleite. Nun sind die weißen Kacheln des Hallenbades ergraut, viele Fenster erblindet.

Nachdem ein Investor das Objekt 2013 für 1,7 Millionen Euro 2013 gekauft hat, vermietet er die Räume an Start-Up-Unternehmer. Sie wollen im früheren Spaßbad die Wirtschaft der Zukunft entwickeln. Einer dieser Pioniere ist Siemen Cox. Er züchtet im muffig-feuchten Keller Austernpilze auf Kaffeesatz.

"Hier fängt die Farm an. Es war früher ein Beautysalon  mit Massageliegen. Und jetzt haben wir die Pilze. Wenn ich das Licht anmache, sehen Sie den Kaffeesatz. Da unten. Deshalb sind die Pilze am Anfang immer schwarz – dann werden sie heller. Und wenn sie ganz weiß sind wie diese da, bringen wir sie in einen anderen Raum: unseren künstlichen Herbstwald."

Den Kaffeesatz, auf dem die Pilze gedeihen, holen Cox und seine Mitarbeiter mit einem Elektro-Lieferwagen von Cafés und Restaurants der Umgebung. Diese freuen sich, dass sie ihren Müll loswerden und die Pilzzüchter bekommen kostenlos ihren wichtigsten Rohstoff.

 "Von hier geht es drei oder vier Wochen ins Dunkle. Wir haben hier eine Maschine, die die Feuchtigkeit im Raum auf 90 Prozent erhöht und ständig frische Luft hineinbläst. So gedeihen in diesen Säcken hier die Pilze. Wenn sie reif sind, schneiden wir die Säcke auf und ernten. Die Pilze verkaufen wir an Lebensmittelgeschäfte und Restaurants."

Geld verdienen mit Abfall

15 Jahre lang hat der großgewachsene, kräftige Siemen Cox bei Banken und Finanzdienstleistern als Kundenberater gearbeitet. Dort hat er, wie er sagt, viel Geld gemacht. Doch schließlich hatte er keine Lust mehr, Sparer übers Ohr zu hauen. Er wollte etwas Sinnvolles tun. So gründete er mit einigen Gleichgesinnten den Unternehmensverbund Blue City.

"Wir hatten das Buch "Die Blaue Ökonomie" von Günter Pauli gelesen. Darin beschreibt er, wie man mit Abfall Geld verdienen kann. Ein Beispiel ist das Züchten von Pilzen auf Kaffeesatz. In der Natur gibt es keinen Müll."

Cox und die anderen Gründer von Blue City sind noch einen Schritt weiter gegangen: Blue City will in dem ehemaligen Tropicana-Schwimmbad abfallfreie Wirtschaftskreisläufe entwickeln. Der Müll des einen dient dem anderen als Rohstoff.  So ernährt das Kohlendioxid, das Simon Cox Austernpilze produzieren, die essbaren Spirulina-Bakterien, die Tim van Koolwijk nebenan züchtet.

"Die Bakterien brauchen nur CO2 und Stickstoff. Wenn alles gut geht, verdoppeln sie sich ungefähr alle vier Tage. Ich setze hier einen Filter ein. Ursprünglich wurde Spirulina als Alge definiert. Aber dann fanden Wissenschaftler heraus, dass ihre Zellkerne nicht von einer Membran umgeben sind.  Deshalb sind es Bakterien. Algen sind wegen der Zellkernmembran sehr schwer zu verdauen. Die Bakterien haben diese Membran nicht. Deshalb kann man sie direkt essen."

Der 29-jährige Tim van Koolwijk, Typ Tüftler mit dicker Brille, zeigt sein Labor:

"Für Bakterien sind sie sehr groß. Wenn es hell genug ist, kannst Du sie mit bloßem Auge sehen. Das macht die Ernte viel einfacher."

Bakterien mit Nährstoffen

Tim zeigt auf einen Aluminiumtopf. Dort blubbert eine grün-bräunliche Flüssigkeit. Sein "LED-Reaktor" nennt Tim den Pott, in dem die Spirulina-Bakterien gedeihen. LED-Lampen liefern Licht, ein Wasserkreislauf kühlt die Anlage. Die Abwärme des Aluminiumtopfes heizt wiederum sein Labor im Keller des ehemaligen Tropicana.

Tim van Koolwijk ist wie Pilzzüchter Siemen Cox Mitglied des Blue-City-Unternehmensnetzwerks. Er schwärmt von seiner Methode, billig einfach und energiesparend Lebensmittel herzustellen: Wir holzen Regenwälder ab, um dort Soja anzubauen, das wir nach Europa transportieren, um damit Kühe und Schweine zu füttern. Die konventionelle Landwirtschaft produziere so drei Viertel der weltweiten Treibhausgase. Da sei es doch sinnvoller, auf kleiner Fläche Nahrungsmittel dort anzubauen, wo man sie benötigt: In den Städten. Zum Beispiel seine Spirulina-Bakterien, die mehr Nährstoffe enthalten würden als die meisten unserer heute üblichen Lebensmittel:

"Es enthält 11 Mineralstoffe und 10 Vitamine, alle in sehr hoher Qualität, 25 Mal mehr Eisen als Spinat, 39 Mal mehr Beta-Carotin als Möhren und drei Mal so viel Kalzium wie Vollmilch,…"

Tim fischt eine Löffelspitze der bräunlich-grünen Paste aus seinem Reaktor. Sie schmeckt nach nichts.

Neben Simon Cox Austernpilz-Zucht namens "Rotterzwam" und Tim Koolwijks Algenzucht "Spireaux" haben sich dem Blue-City-Unternehmensverbund im ehemaligen Tropicana-Schwimmbad das Restaurant Aloha mit der gleichnamigen Bar und eine Designerin angeschlossen. Sie fertigt aus Abfallstoffen Handtaschen und andere Accessoires.

Windräder werden zu Kletteranlagen

Gemeinsam bauen die Jungunternehmer die ehemalige Schwimmhalle um. Unter dem bis zu zehn Meter hohen Glasdach entstehen neue Büros und Werkstätten. Das Material für Trennwände, Isolierung und Fenster liefert ein weiteres Mitglied des Blue-City-Verbunds mit dem Namen "Super-Use".

Seit 1997 verwandelt das von zwei Rotterdamer Designern gegründete Unternehmen Abfälle der Bauwirtschaft in Nützliches. Aus ehemaligen Flüssigkeitstanks wurden Toilettenhäuschen, die aussehen wie Dixie-Klos. Ausrangierte Windräder bauen die fünf "Super-Use"-Ingenieure zu Kletteranlagen und Sitzbänken um.

Rotterdam sprudelt vor Ideen. Während in Den Haag regiert wird und in Amsterdam die großen Unternehmensverwaltungen sitzen, versteht sich Rotterdam als Stadt der Arbeit. Die Leute hier gelten als etwas grob, aber gerade heraus, Neuem besonders aufgeschlossen und zupackend.

Eine Stadt der Gründer und Visionäre, die sich zukunftsfest und nachhaltig aufstellen will. Das zeigt sich auch in der Innenstadt - zumindest aus der Vogelperspektive.

Auf einem Büro-Hochhaus aus den 50er Jahren betreibt ein Umweltverein mit Unterstützung der Stadt den Dakakker, einen Dachgarten mit Restaurant und Café-Betrieb.

Gemüse auf dem Dach anbauen

"Hier bauen wir Obst, Gemüse, Kräuter und essbare  Blumen auf dem Dach im Stadtzentrum von Rotterdam an.  Unser Ziel ist es, Rotterdam möglichst grün und nachhaltig zu machen. Die Stadt wirbt für grüne Dächer wie dieses hier", erklärt Wouter Bauman, Sprecher der Dachgärtner auf dem Dakakker, zu Deutsch Dachacker.

Begrünte Dächer dämmen und kühlen die darunter liegenden Büros, bringen frische Luft in die Stadt und speichern Wasser.

80 Prozent des Rotterdamer Stadtgebiets liegt unter dem Meeresspiegel. Dieser steigt wegen des Klimawandels weiter an. Extreme Regengüsse werden häufiger, ebenso Hitzewellen und Trockenperioden.

Dem wollen Stadt, Hafenverwaltung, der niederländische Industrieverband und andere Organisationen mit der Rotterdamer Klimainitiative entgegen wirken. Bis 2018 investiert allein die Stadt jedes Jahr rund 5,5 Millionen Euro in Projekte, die die Umwelt entlasten.

So beteiligt sich die Stadt an weiteren Windkraftwerken, fördert Solaranlagen auf den zahlreichen Flachdächern und unterstützt Sammelstationen für CO2, damit das Kohlendioxid in Gewächshäuser geleitet wird. Dort lässt das Treibhausgas die Nutzpflanzen schneller wachsen.

Rotterdam bereitet sich vor auf die Zukunft. Dazu gehört auch die Anpassung an immer mehr extreme Wetterereignisse durch den Klimawandel. Für Sturzregen wurden vier innerstädtische Plätze und einige Parkhäuser zu Regenrückhaltebecken umgebaut.

Ein Basketballplatz sammelt Regenwasser

Vor dem Jugendtheater am Hofplein spielen in einer betonierten Senke ein paar junge Leute Basketball: Zwei Körbe, die üblichen Markierungen. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der kleine Sportplatz nicht von einem ganz normalen Basketballfeld. Das Geheimnis liegt darunter.

Bei Starkregen sammelt die Senke mit dem Sportplatz das Wasser. Überläufe leiten es von hier dosiert ins Grundwasser ab. Wenn der Platz dann wieder trocken ist, kann man darauf wieder trainieren.

Gebaut haben diesen Wasserplatz zwei Ingenieure vom Planungsbüro "De Urbanisten". Einer von ihnen ist Dirk van Peijpe:

"Mein Partner Florian Buer bei den Urbanisten ist mit einem Kollegen auf die Idee gekommen. Das war 2005, als Al Gore vor den Folgen des Klimawandels gewarnt hat. Unsere Idee ist ganz einfach: Wie wäre es, wenn wir das Regenwasser dort aufhalten, wo es vom Himmel fällt: auf den öffentlichen Plätzen. Am längsten haben wir für die Durchsetzung gebraucht: 7 Jahre. Zuerst musst Du Menschen von Deiner Idee überzeugen. Das haben wir im Rathaus und bei der Wasserverwaltung geschafft."

Oft sind einfache Ideen besonders schwer durchzusetzen. Vor allem dann, wenn wie in den meisten Stadtverwaltungen weltweit jedes Ressort nur seine eigenen Aufgaben sieht.

 "Das geht manchmal sogar so weit, dass ein Amt einen Platz neu gestalten lässt und dann das Tiefbauamt alles wieder aufreißt, um neue Abwasserrohre zu verlegen."

Rotterdam ist da inzwischen flexibler. Viele Einheimische loben die flachen Hierarchien und die kurzen Wege im Rathaus. Bürgermeister Ahmed Aboutaleb, Sohn marokkanischer Einwanderer, ist dafür bekannt, dass die Tür zu seinem Büro meist offen steht.

Wasser und Bauen sind die großen Themen in der Stadt - und natürlich der Hafen. Weil die modernen Schiffe zu groß sind, um die Maas hinauf nach Rotterdam zu fahren, ist der Hafen den Fluss hinunter Richtung Nordsee gezogen. Zurück blieben neben einigen Kais und Container-Terminals mehr als 12.000 Hektar ungenutztes Hafenbecken, Industrieflächen, Lager- und Bürohäuser.

Nur zehn Minuten dauert die Fahrt von der Innenstadt mit einem der rasend schnellen Rotterdamer Wassertaxis die Maas hinunter zum neuesten Vorzeigeprojekt, dem RDM.

Ökologisch in die Zukunft

Auf dem Gelände der einst größten holländischen Werft RDM tummeln sich nun Studierende der neuen Hochschule. Viele forschen zu erneuerbaren Energien, Elektromobilität und anderen Themen einer umweltfreundlicheren Wirtschaft. Ziel ist es, dass in den ehemaligen Werfthallen Hochschule und Unternehmen gemeinsam junge Fachkräfte ausbilden.

Gleich hinter der ehemaligen Werftarbeitersiedlung, die RDM 1914 hier bauen ließ, steht eine Gruppe futuristischer Ein- und Zweifamilienhäuser in der flachen Landschaft: Holz, heller Stein und viel Glas, Sonnenkollektoren und reichlich Grün – die "Concept Häuser" wurden von Architektur-Studierenden entworfen: Plusenergie- und Passivhäuser als Muster eines nachhaltigen, und umweltschonenden Bauens.

"Dieses Haus hier hat ein Gewächshaus auf dem Dach und ein weiteres auf der Seite, in denen die Bewohner  Lebensmittel anbauen. Auf dem Dach wird Regenwasser gesammelt und durch Schläuche geleitet, in denen es die Sonne erwärmt.  Dann siehst du hier eine begrünte Wand.  Die Pflanzen sammeln Wasser und  schützen das Gebäude vor Kälte und Hitze. Bei der Planung mussten die Studenten auch die Kosten im Blick behalten.  Deshalb haben sie die Materialien der abgerissenen Häuser  aus der Nachkriegszeit hier wieder verwendet", erklärt Pieter Blookdijk, der selbst noch auf der Werft RDM gearbeitet hat. Der große, kräftige Pieter ist so etwas wie ein typischer Rotterdamer: Unkompliziert und zupackend. Nachdem die Werft Pleite gegangen war, hat er alle möglichen Jobs gemacht, um dann wieder auf RDM anzuheuern.

Mit dieser Mentalität haben die Rotterdamer nach dem Krieg ihre zerstörte Stadt wieder auf die Beine gebracht und genau so stürzen sie sich jetzt in die Zukunft.

Auch auf dem Wasser: Im ehemaligen Rijnhaven plant der Ingenieur Pieter van Wingerden einen schwimmenden Bauernhof.

"Die Verbraucher leben in der Stadt. Also müssen wir die Lebensmittel auch in der Stadt produzieren. Platz dafür haben wir auf dem Wasser."

Träumen von Städten auf dem Wasser

Geplant ist ein geschlossener Kreislauf: Kühe, Mist, Dünger, Wiese, Futter. Alles auf dem Wasser.

"40 Kühe können sich in unserem schwimmenden Stall frei bewegen. Sie geben Milch, produzieren Urin und Dünger. Daraus machen wir neue Rohstoffe: Aus der Milch gewinnen wir Joghurt. Unter dem Kuhstall wächst das Gras für die Kühe. Dazu nutzen wir LED-Licht und den Mist der Kühe."

Das Gras wächst auf einem Substrat, das Pieter van Wingerden mit seinem Team dafür entwickelt hat. Der schwimmende Bauernhof braucht nur etwa ein Fünftel der Fläche, die ein vergleichbarer Betrieb an Land benötigen würde.

 "Wir sind bald neun Milliarden Menschen. Da frage ich mich, wie wir alle satt bekommen. Unsere einzige Antwort sind immer größere Städte mit noch höheren Gebäuden.  Das Land betonieren wir immer weiter zu,  obwohl 70 Prozent der Erdoberfläche aus Wasser besteht und  die Meeresspiegel steigen. Deshalb haben wir angefangen komplette schwimmende Städte zu entwickeln."

Ingenieur Wingerden, erklärt sein Anliegen ruhig, wägt seine Worte ab. Dabei träumt er von kompletten Städten auf dem Wasser. Im Rotterdamer Maashaven, einem ehemaligen Hafenbecken, hat diese Zukunft schon begonnen: "Hier siehst du das schwimmende Haus. Es versorgt sich mit Wasser und Energie komplett selbst.  Auch das Abwasser wird im Haus aufbereitet.  Dieser Pavillon hier wird für Ausstellungen, Messen, Vorträge und Versammlungen genutzt.  Daneben schwimmen Bäume.  Das ist ein kleines Modell dafür, wie eine Stadt auf dem Wasser aussehen könnte."

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