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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 05.07.2013

Bizarrer Tauschhandel

Der neue Film "Juden zum Verkauf"

Von Igal Avidan

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Auch der rumänische Staatschef Nicolae Ceausescu verdiente an dem Geschäft. (picture alliance / dpa)
Auch der rumänische Staatschef Nicolae Ceausescu verdiente an dem Geschäft. (picture alliance / dpa)

Rund 350.000 Juden lebten in Rumänien am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die meisten von ihnen wanderten aus - gegen harte Währung. Umgerechnet bis zu 6000 Euro wurden pro Person verlangt. Der Regisseur Radu Gabrea hat einen Film über diese einmalige Geschichte gedreht.

Als Radu Gabrea ein Kind in Bukarest während des Zweiten Weltkriegs war, waren seine besten Freunde die jüdischen Schüler seiner deutschen Mutter, später seine jüdischen Kommilitonen an der Filmhochschule. Sie alle verließen jedoch Rumänien, die meisten von ihnen über einen Vermittler namens Jacober. Diese Erfahrungen veranlassten Radu Gabrea zu seinem neuen Film "Evrei de vânzare" oder "Juden zum Verkauf":

"Ich hatte sehr viele jüdische Freunde. Meine besten Freunde zwischen 1957 und '63, also in der Periode, in der in meinem Film 'Jews for Sale' spielt. Die Person, die alles arrangiert hat, war ein bestimmter und berühmter Herr Jacober. Alle meine Freunde hatten einen Antrag gestellt zur Ausreise und haben fast alle das über Jacober gemacht."

Unwürdiges Tauschgeschäft: Juden gegen Schweine

Henry Jacober war ein jüdisch-britischer Geschäftsmann, der Daunen aus seiner Heimat Rumänien importierte. Nach der kommunistischen Machtübernahme 1948 ließ das neue Regime alle Rumänen verhaften, die in Kontakt mit amerikanischen und britischen Vertretern gestanden hatten. Die Briten baten Jacober, Mitglieder des britischen Kulturvereins in Bukarest freizukaufen. Nachdem er erfolgreich deren Freilassung aushandelte, sah er die Chance seines Lebens kommen und vermittelte: Er half europäischen Juden dabei, ihre rumänischen Verwandten freizukaufen und in den Westen zu bringen. So kam es zu einem bizarren Austauschgeschäft - Juden gegen Schweine, erzählt im Film die rumänische Journalistin Emilia Sercan:

"Rumänien wünschte sich sehr Schweine der dänischen Landrace-Rasse, die wegen der hohen Fleischqualität sehr gefragt war. Herrn Jacober gelang es, Landrace-Ferkel zu bekommen, die er betäubt nach Rumänien transportieren ließ - im diplomatischen Gepäck. In der Regel wurden diese hingeflogen, aber manchmal auch per Auto über alle Grenzen in Europa hinweg."

Diese unwürdige Tauschgeschäfte begannen schon früher. Im Zweiten Krieg bot der rumänische Diktator Antonescu, als er noch mit Hitler verbündet war (er wechselte die Seiten 1944) Großbritanien an, 50.000 Juden freizulassen - und wollte dafür kassieren. Doch London zeigte keinerlei Interesse. Kurz danach begannen jüdische Soldaten in britischer Uniform in Nordrumänien die illegale jüdische Auswanderung nach Palästina zu organisieren. Einer von ihnen, der in Rumänien geborene Shaike Dan, wird ab 1948 jahrzehntelang der israelische Chefunterhändler beim Handel mit den rumänischen Juden sein. Radu Gabrea, selbst ein Opfer der Kommunisten:

"Was mein Film zeigt, zeigt ganz klar, erstmals, dass nicht die Juden den Kommunismus gebracht haben. Weil die chassidischen Juden sehr viele waren, war entsprechend die zionistische Bewegung sehr stark."

Bis 1952 wanderten 100.000 Juden nach Israel aus

Und daher von den Kommunisten verfolgt. Gleichzeitig verheimlich der Film nicht, dass einige wenige Juden hohe Funktionen in der kommunistischen Partei bekleideten. Die wichtigste Person für die jüdische Auswanderung war in den ersten Jahren die jüdische Außenministerin Ana Pauker, geborene Hannah Rabinsohn.

"Ana Pauker war eine strenge Kommunistin, aber sie hat auch den Juden geholfen auszuwandern."

Der junge Staat Israel brauchte Juden, die kommunistische Führung in Rumänien wiederum Bohrgeräte für ihre von den Alliierten bombardierten Ölfelder. Als Vermittler entsandte Israel nach Bukarest Paukers zionistischen Bruder Zalman, der bereits 1944 ins Land Israel ausgewandert war. Bis zu ihrer Entmachtung 1952 wanderten somit 100.000 Juden nach Israel aus, ein Drittel der jüdischen Bevölkerung.

Die jüdische Auswanderung aus Rumänien verlief in Wellen je nach der politischen Stimmung, wie Radu Gabreas Film beweist. Ab 1965 kontrollierte der neue rumänische Diktator Nicolae Ceaușescu diese persönlich und bereicherte sich damit auch. Um keine Spuren zu hinterlassen, wurden diese Operationen mit Bargeld bezahlt. Dieses erhielt der rumänische Securitate-General Georghe Marcu vom israelischen Chefdiplomaten Shaike Dan, erzählt im Film Dans Stellvertreter Shlomo Leibovich Laish:

"Bei einem Treffen mit Shaike Dan in Zürich gab er dem General Marcu einen Koffer mit einer Million Dollar in Bar. Doch General Marcu hat den Koffer verloren, die Schweizer-Behörden fanden ihn und gaben ihn Marcu zurück, erklärten jedoch sowohl Marcu als auch Shaike Dan zu Personae non Gratae. Somit durften beide nicht mehr in die Schweiz einreisen."

Ein Akademiker kostete 11.000 D-Mark

Und der Menschenhandel wurde über Schweizer Banken fortgesetzt - nach Fixpreisen. So kostete zum Beispiel ein Akademiker 11.000 DM, ein Student 7.000, ein Arbeiter 2.900 und jemand ohne Beruf nur 1.800 DM. Die Presse weltweit durfte nichts darüber berichten. Als Rumänien die eigenen Juden ausgehen, bietet Ceaușescu sein Land als Transit für die Auswanderung der sowjetischen Juden an, wohl wissend, dass Israel mit dem Transit in Wien unzufrieden war, erklärt Filmemacher Radu Gabrea:

"Die sowjetischen Juden wanderten aus, erreichten aber Israel nicht. Sie gingen nach Amerika, Kanada und so weiter - über Wien und von Wien weiter. Hat Ceaușescu gesagt: 'Bringen Sie sie zu mir, ich stecke sie in Flugzeuge und bringe sie nach Tel Aviv.' Israel war zufrieden."

Und Ceaușescu kassierte pro Kopf. Über diese geheimen Einnahmen verfasste er seinen letzten Bericht noch zwei Wochen vor seinem Sturz Ende 1989.

Viele Rumänen vermissen ihre jüdischen Nachbarn und Freunde. So wurde Gabreas Film "Juden zum Verkauf" in Rumänien mit Begeisterung aufgenommen und er wird im Oktober das israelische Filmfestival für jüdische Filme, "Ain Yehudit" eröffnen, wo Radu Gabrea Ehrengast ist.

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