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Nachspiel | Beitrag vom 08.10.2017

Bioenergetik Seelengymnastik als Wohlfühlsport

Von Sylvia Plahl

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Eine Frau greift der anderen Frau während einer Körpertherapie an den Hals. (Imago Stock & People)
Es geht im Bereich der Bioenergetik auch darum, den Energiefluss im Körper zu verbessern. (Imago Stock & People)

Wenn Bewegung auf Emotionen trifft, dann ist von Bioenergetik die Rede. Es geht zum Beispiel darum, ein „inneres Lächeln“ vom Scheitel bis zur Sohle zu spüren oder Emotionen mit einem Fausthieb in den Sandsack aus sich herauszuschlagen.

"Der klassische bekannte bioenergetische Stand, wie geht der? Die Füße ungefähr parallel zueinander und die Beine beckenbreit. Genau. In den Knien durchlässig sein, durchgedrückte Knie, und dann zwei, drei Zentimeter nach unten sacken lassen. Genau, so dass die Kniegelenke beweglich und flexibel sind."

Dr. Irmhild Liebau erklärt einer Klientin, wie sie – "bioenergetisch" – auf dem Boden steht.

"Dann mal kucken, dass das Becken, die Hüften in der Mitte eingeschwungen sind, also nicht nach hinten im Hohlkreuz, und auch nicht nach vorne, so versackt. Leicht nach hinten untern hängende Schultern, und bewusst noch mal im Mund und Kiefer lösen und lockern. Nicht die Zunge am Gaumen oder an den Zähnen fest gepresst, sondern lösen und lockern."

Die Klientin nimmt einen Tennisball unter ihren rechten Fuß und rollt den Ball am ganzen Fuß hin und her: an der Ferse, den Zehen, den Innen- und Außenkanten. Sie atmet tief dabei.

"Und dann gehen Sie mit Ihrem nächsten Ausatmen mit Gewicht und Druck auf den Tennisball. Egal an welcher Stelle. Noch die Vorstellung dazu nehmen, dass Sie Anstrengung, Stressoren, Nervereien, unangenehm Erlebtes vom Tag versuchen, mit dem Ton raus zu atmen."

"Ich stehe fester, und links stehe ich zwar auch, aber erlebe das nicht so sicher wie rechts. Das geht eigentlich durch den ganzen Körper. Ich hab so das Gefühl, so die ganze rechte Seite profitiert davon, dass ich rechts besser stehe und der Atem ist auch einfach intensiver."

Ankommen im eigenen Körper – Erdung, Verwurzelung und ein besserer Stand – Ein frei fließender Atem – Ein entspannter Körper.

Verspanntes und Verhärtetes lösen

So lauten ein paar Grundgedanken aus der bioenergetischen Analyse, an der sich die Therapeutin und ihre Klientin gerade orientieren. Die bioenergetische Analyse möchte Verspanntes und Verhärtetes lösen und die Energie im Körper wieder in Fluss bringen.

Verspannungen spiegeln oft ein Festhalten der Gefühle.

Im Körper stecken auch die Emotionen eines Menschen. Der Körper zeigt sie, selbst wenn dies den Betroffenen manchmal gar nicht bewusst ist. Eine depressive Stimmung etwa verursacht oft eine gebeugte oder zusammen gesunkene Haltung. Ängste gehen nicht selten mit einer flachen Atmung oder einer chronischen muskulären Verspannung einher. Diesen festgefahrenen Kreislauf versucht die Bioenergetik aufzulösen.

"Ein Mensch in Bewegung kommt mit sich und seinem Körper in Kontakt – mit dem, was ihn ausmacht, was er ist."

Ein Zitat von Dr Alexander Lowen, dem Begründer der bioenergetischen Analyse. Lowen sagt: Das sichere, geerdete Stehen, die tiefe Atmung und spezielle körperliche Übungen und Bewegungen führen dazu, dass Menschen sich erst energetisch aufladen und dann körperliche wie emotionale Verhärtungen aus sich herauslassen, sich quasi ent-laden. Bewegung und Training helfen dabei.

Im Therapieraum von Irmhild Liebau in Osnabrück stehen also nun der Körper und auch sein Inneres, die Gefühle der Klientin im Mittelpunkt. Das ist etwas sehr Persönliches, intime Bereiche werden berührt. Die Klientin möchte daher gern anonym bleiben und keine privaten Details von sich preis geben. Sie schließt die Augen und konzentriert sich. Irmhild Liebau bittet die Frau in einen kleinen Nebenraum. Dort soll sie auf den bioenergetischen Würfel schlagen.

Auf einem Tisch liegt eine zusammen geklappte Schaumstoffmatratze. Die Klientin stellt sich davor, der Würfel reicht ihr bis knapp über den Bauchnabel. Sie bekommt von der Therapeutin einen Tennisschläger in die Hand gedrückt.

"Gut stehen! Dann sich gut in die Aufrichtung bringen. Die Arme über den Kopf heben, mit dem Tennisschläger fest in der Hand."

Mit hoch erhobenen Armen beugt sich die Frau leicht nach hinten.

"Tief weiter in diese Dehnung hinein atmen. Und dann fangen Sie irgendwann an, mit dem Tennisschläger auf die Schaumstoffmatratze zu schlagen, genau!"

Die Frau legt ihre ganze Kraft in den Schlag – und wiederholt ihn.

"Jetzt mal mit einem Wort."

Und als sie außerdem noch Nein! oder Stopp! oder Schluss! zu dieser Bewegung rufen soll, kommen ihr die Tränen. Sie beruhigt sich jedoch schnell wieder.

"Ja, es setzt einfach Gefühle einfach frei und Emotionen, die ich dann auch nicht steuern kann. Ich kann das jetzt für mich einordnen, aber ich weiß, als ich das das erste Mal gemacht habe – erstmal hat es mich zu dem Zeitpunkt unheimlich große Überwindung gekostet, das überhaupt zu tun. Und dann braucht's auch einfach diese therapeutische Unterstützung und jemanden, der mich dann auffängt, weil das erstmal völlig verwirrt. Und auch Angst macht."

Eine Therapie auch für die Seele

Sich selbst spüren und körperlich wie emotional in Bewegung bringen und neue Gefühle erfahren. Die Klientin von Irmhild Liebau weiß inzwischen, was ihre Tränen bei dem Tennisschlag bedeuten und kann damit umgehen. Denn sie macht solche Übungen schon länger und wird dabei auch professionell begleitet.

"Bioenergetik – Therapie der Seele durch Arbeit mit dem Körper" - ein Buchtitel von Alexander Lowen. Der amerikanische Arzt und Psychotherapeut ist 2008 verstorben. Lowen hat die bioenergetische Analyse in den 50er Jahren begründet und sie selbst oft kurz als "Bioenergetik" bezeichnet. Sie ist eine von mehreren Schulen der Körperpsychotherapie.

Die Körperpsychotherapie geht auf Wilhelm Reich zurück, einen Schüler Sigmund Freuds. Reich ergänzte in den 1930er Jahren das Konzept der Psychoanalyse um körperliche Aspekte: Seiner Ansicht nach führten verdrängte Konflikte aus der frühen Kindheit eines Menschen zu chronischen muskulären Verkrampfungen, und solche muskulären "Panzerungen" gelte es aufzulösen.

Die Psychologin Alice Moll erklärt dies heute wie folgt:

"In dem verspannten Muskel steckt schon alles drin. Sportlich gesehen könnte man sagen: Braucht man jetzt die und die Übung. Wir gehen davon aus, dass ein nicht gelebter Bewegungsimpuls drin liegt, und dass Bewegungsimpulse mit Emotionen zu tun haben. Wo es ne Bedeutung hat, wie der Körper verspannt ist oder wie die Haltung ist. Und wir gehen außerdem davon aus, dass darin wie so eingefrorene Gefühle sind. Also dieser Zusammenhang." 

Zusammenspiel von Körper, Geist und Emotionen

Wilhelm Reichs Ideen waren später die Basis für eine Reihe neu entwickelter körperpsychotherapeutischer Verfahren. Die Elemente und Methoden dieser Ansätze überschneiden sich oft, und sie gelten bis heute als alternative Heilverfahren, die von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt werden. Dazu gehören zum Beispiel die Integrative Körperpsychotherapie, die Biodynamik, Biosynthese – und die bioenergetische Analyse. Diese Verfahren sind mal mehr, mal weniger anerkannt – von Medizin und Wissenschaft wie von der Psychologie. Viele Jahrzehnte nach den ersten Thesen Wilhelm Reichs liefern allerdings nun neuere Forschungen ein paar grundlegende Bestätigungen für das angenommene Zusammenspiel von Körper, Geist und Emotionen. Irmhild Liebau:

"Was man vorher nur intuitiv vermutete – heute sieht man's dann sozusagen anatomisch im Gehirn an den Veränderungen in den neuronalen Strukturen."

Aus der Hirnforschung gibt es etwa den Hinweis: Wird etwas intensiv erlebt und gefühlt und wiederholt, also quasi "trainiert", kann dies sichtbare Veränderungen im Gehirn bewirken. Demnach könnte die Annahme stimmen, dass ungewohnte und intensive Bewegungen wie die Übungen aus der bioenergetischen Analyse einerseits das körperliche Empfinden, aber auch die Gefühlswelt eines Menschen beeinflussen und ihn verändern können.

"Der Körper, der ist auf jeden Fall wichtig, und für die Nachhaltigkeit braucht es den auch in der Therapie."

So fasst der Mediziner und Psychotherapeut Dr. Jens-Armin Stephan den aktuellen Wissensstand zusammen. Er sagt: Der Körper hilft Patientinnen und Patienten dabei, mit emotionalen Problemen besser zurecht zu kommen. Eine Methode wie die Bioenergetik kann dies unterstützen – wenn er als Therapeut zum Beispiel mit Gesprächen nicht mehr weiterkommt.

"Manchmal gelingt das eben nicht so, da erreiche ich den Patienten hab ich das Gefühl nicht in dieser Form, als ganzer Mensch sag ich mal. Und da braucht es dann noch diese Ergänzung."

Stephan ist Verhaltenstherapeut mit einer eigenen Praxis in Berlin-Mitte und er sieht sich nicht als ein Verfechter der Bioenergetik. Er empfiehlt sie allerdings manchen seiner Patientinnen und Patienten als eine mögliche Ergänzung zu seiner eigenen Therapie. Stephan stellt fest: In der klassischen Psychotherapie achten heutzutage viele seiner Kolleginnen und Kollegen mehr auf den Körper.

"Dass man aus dem Kopf da raus kommt und mehr im Körper arbeitet. Und in der Psychotherapie auch den Körper mehr in den Fokus nimmt, mehr im Blick hat und auch mehr einsetzt. Um wirklich eine emotionale Therapie zu machen."

Körperliche und psychische Abläufe sind verbunden

Emotionale Probleme können nicht nur über die Sprache, sondern auch über Körperarbeit, über Übungen und Bewegungen erreicht werden – eine Grundannahme der Bioenergetik. Körperliche und psychische Abläufe sind eng miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Das Körperliche und das Emotionale als eine Einheit. Ein solches wohltuendes Gefühl streben viele oft auch an, wenn sie Sport treiben.

Auch das allgemeine Interesse an einem guten Miteinander von Körper, Geist und Seele hat insgesamt wieder zugenommen. Viele erhoffen sich, mit mehr Konzentration auf den Körper und einem gezielten Bewegungstraining ihre emotionalen Probleme oder unterschwelligen Stress besser in den Griff zu bekommen.

"Also dann erstmal willkommen, mein Name ist Alice Moll. Ich arbeite hier als Körpertherapeutin mit der Bioenergetik, als Psychologin. Und mich interessiert natürlich, warum Sie kommen, was Ihr Anliegen ist, oder was die Situation ist, die Sie herführt."

Die Berliner Psychotherapeutin Alice Moll begrüßt in ihrer Praxis in Neukölln eine Frau mittleren Alters. Auch diese Frau möchte nicht erkannt werden und erzählt, dass sie sich sehr schwach fühle – die Partnerschaft, eine Krankheit, der Sohn in der Pubertät, all dies belaste sie. Sie wünsche sich einfach wieder mehr Kraft im Leben. Alice Moll räumt gleich ein Missverständnis aus dem Weg.

"Viele haben ja im Allgemeinen Probleme mit ihrem Gefühlsleben, mit Kontakten, mit Ängsten, mit Depressionen, mit Unsicherheiten. Das heißt, dass sie zum Teil kommen mit der Hoffnung hier irgendwas zu finden durch die Körperarbeit, was sie stärker macht. Wo ich dann erklären muss, dass das ein Problem ist, weil es nicht darum geht, sich stark zu fühlen, sondern mich nicht verbiege sozusagen in meinem Leben."

Alice Moll stellt eine Matratze hochkant an die Wand

"Ich hätte gern, dass Sie mal was ausprobieren."

… und bittet die Frau, sich daran anzulehnen, oder sich mal hinein zu drücken, sich zu drehen, oder was auch immer, je nachdem, wonach ihr gerade ist. Die Frau lehnt sich entspannt mit dem Rücken an die Matratze, versteift sich aber, als sie frontal davor steht.

"Und jemand, der sehr getrennt ist, gespalten ist zwischen Körper, Emotionen, Gedanken, der wird ne Körperübung machen, ohne ein Gefühl dabei zu haben. Wird mir was sagen, was vielleicht nichts mit dem zu tun hat, wie er sich sonst erlebt. Und wird vielleicht darüber klagen, über diese Uneinheitlichkeit."

(Arek Adeoye/Unsplash)Laufen, generell dynamische Bewegung, tut auch der Seele gut. (Arek Adeoye/Unsplash)

Die Therapeutin beschreibt der interessierten Frau, wie es mit der bioenergetischen Arbeit dann weitergehen könnte.

"Wir bringen Leute dazu, mehr zu atmen, mehr in die Kraft zu gehen, mehr in die Power zu gehen. Und arbeiten insofern emotional dann auf nem höheren – wir nennen das immer – energetischen Niveau, heißt einfach intensiver. Der ganze körperliche Zustand ist intensiver. Wenn man Sport macht und ist mal ne halbe Stunde gejoggt, dann fühlt man sich schon anders. Man fühlt sich lebendiger. In Bioenergetik geht’s immer um Lebendigkeit. Und das muss man ausprobieren."

Es gibt also zunächst ein paar Anknüpfungspunkte zur Körper- und Bewegungsarbeit im Sport. Schnell zeigen sich dann die Besonderheiten: Anders als in Yoga- oder Pilates-Kursen zum Beispiel geht es in der Bioenergetik oft laut zu. Es wird sehr geräuschvoll geatmet, die Stimme kommt zum Einsatz. Das ist für viele ungewohnt. Und 'ausprobieren' muss man auch die ungewöhnlichen Körperstellungen in der Bioenergetik. In sogenannten Stresspositionen, in denen bestimmte Muskelgruppen besonders belastet werden und viele auch anfangen zu zittern, können sich die Klienten neu ausloten. So erklärt es der Berufsverband. Zum Beispiel in der kopfüber nach vorn gebeugten Elefanten-Stellung:

In der "Elefanten-Position" wird die Rückseite des Körpers (Rücken, Hüfte, Beine) im Moment des Ausatmens gedehnt, wodurch Vibrationen in den Beinen entstehen können. Die Kopf-Kontrolle wird reduziert, die Atmung vertieft, die Belebung in den Beinen und der Bodenkontakt werden durch gebeugte Knie- und Sprunggelenke gefördert. Wenn eine Person gut geerdet ist, ist sie mit ihrer Selbstwahrnehmung mehr in ihrer Mitte und bei sich, ihr Körper fühlt sich entspannter an und der Atem kann frei fließen. Eine gut geerdete Person kann ihre Gefühle angemessen und adäquat ausdrücken.

Oder beim sogenannten Beinschlagen.

"Es gibt Klienten, die lass ich erstmal zum Beispiel kicken, das heißt, auf ne Matratze ein starkes Beinschlagen, das ist recht sportlich. Da kann man gar nicht anders als atmen bei. Und warm werden. Und sich dadurch auch etwas beleben. Arbeiten dabei auch mit der Stimme, das ist ausdrucksorientiert. Wir sehen den Körper immer im Zusammenhang mit unterdrückten Gefühlen."

Viele psychosomatische Symptome hängen mit der Blockierung von Wut, Ärger, Zorn, Hass, Negativität in unserem Körper zusammen. Die positive Kraft der Aggression – das lateinische "aggredi" im Sinne von herangehen und für die eigenen Bedürfnisse Eintreten – kann mit Hilfe von mobilisierenden, expressiven Übungen wie dem "Beinschlagen" zum Ausdruck von Protest wieder belebt werden.

Die positive Kraft der Aggression, tief atmend aus dem Becken mit tretenden Beinen hervorgeholt. Oder aber durch lautes Sprechen oder gar Schreien. Das erinnert manchmal an die Schreie bei den Kampfsportarten. Jens-Armin Stephan hat den speziellen Effekt dabei selbst einmal in einem Bioenergetik-Seminar erlebt.

"Partnerübungen, wo man jemand anderem ja oder nein sagt und das ganz laut oder auch anschreit mal. Und da hab ich nun gemerkt, das fällt mir auch schwer, das mal zu machen."

Stimme als Tor zum Inneren

Der Psychotherapeut hat sich jedoch überwunden und ist über seine Grenzen gegangen.

"Und als ich's gemacht habe, habe ich nur gemerkt: Da bewegt sich emotional auch etwas. Sprich wie so ne Tür, die da geöffnet wird. Man nähert sich dem an, sich durchzusetzen. Und dass da vielleicht etwas Aggressives in mir durchkam, was erstmal vielleicht auch überschießend dann durchkam. Und das war nachvollziehbarer, wo ein körperlicher Ausdruck, also ein Rufen, Schreien mit einer Emotion, also Aggression verbunden war."

Das oft beobachtete Phänomen: Ist durch eine Bewegung oder die Stimme das Tor zum Inneren geöffnet worden, kommt es nicht selten zu Überreaktionen. Bislang versteckte Gefühle brechen aus manchen Menschen geradezu im Übermaß heraus – die angekündigte bioenergetische Entladung. Er hätte es nicht gedacht, aber diese Übung mit der lauten Stimme habe bei ihm tatsächlich etwas verändert, sagt Jens-Armin Stephan.

"Da durfte ich's dann und konnte da auch dann mehr Erfahrungen sammeln in dem laut sein, dominant sein. Und das ist ein Trainingseffekt, denk ich mal, dass man lernt, mit dieser Emotion, die da jetzt neu zum Vorschein gekommen ist, einen Umgang zu finden, und auch den Körper besser zu erfahren. Wahrzunehmen. Einen Umgang auch mit den körperlichen Besonderheiten zu finden, die da auftreten."

"Dann gibt es Menschen, da ist es gut, nach ein paar Erdungsübungen über nen Atemschemel zu gehen, das ist so ne Gerätschaft, wo man sich mit dem Rücken drüber legt, das ist recht herausfordernd. Man dehnt sich sehr stark im Rücken und es ist ne Arbeit an den Verklemmungen im Torso im Brustkorb an der Atmung. Ich könnte aber auch sagen, ne Verklemmung in unserem Emotionalem. Ich muss dem Klienten sozusagen nicht das Thema jetzt geben, sondern indem der die Übungen macht, kommt er in Kontakt – auf dem Atemschemel wahrscheinlich mit den Verspannungen, die er hat, und dann arbeiten wir uns so vor."

Emotionale Überwindung

Kaum jemand weiß vorher, was das bioenergetische Arbeiten zum Vorschein bringen wird. Man kann dies bestenfalls vermuten und erahnen. Auch Jens-Armin Stephan ist deshalb vorsichtig. Bevor der Mediziner und Verhaltenstherapeut einigen seiner Patienten die Bioenergetik vorgeschlagen hat, testete er die Methode ausgiebig selbst in Fortbildungen und Gruppenangeboten. Er sagt, das aufrüttelndste Erlebnis war für ihn, sich selbst an die eigene Grenze und außer Kontrolle zu bringen. Stephan sollte vornübergebeugt auf einer Matte stehen und versuchen, die Matte unter sich selbst weg zu ziehen.

"Kann sich ja keiner vorstellen: Was passiert mit mir, wenn ich über eine Grenze hinausgehe. Und das in einer Position, die dann eben nicht mehr nur eine Position ist, die ich versuche, körperlich zu halten, sondern wo ich das Gefühl hab: Ich kann sie halt nicht mehr halten, ich muss eigentlich aufgeben, aber ich mach trotzdem weiter. Und das ist ja auch eine emotionale Überwindung, die man dann in dem Moment hat."

Auch hier war er mit den eigenen inneren Hemmungen konfrontiert. Und findet, genau dies kann Patientinnen und Patienten, die in einer Therapie sind, ebenso zugute kommen.

"Vorausgesetzt, sie werden fachgerecht betreut – vorbereitet auf das, was bei solchen Übungen passieren kann – und hinterher auch wieder aufgefangen. Unter der Bezeichnung 'Bioenergetik' versammeln sich zuweilen unlautere Methoden und auch die 'bioenergetische Analyse' ist kein geschützter Begriff. Interessierte müssen daher sicher sein, dass deren Anbieter zertifiziert sind. Kritiker warnen davor, dass unprofessionelle Zirkel oft sektenähnliche Verhältnisse schaffen und Klienten emotional wie finanziell an sich binden."

Gemeinsam mit Juliane Ziegler von der Handwerkskammer Halle trommelt Schlagzeugmacher Markus Meyer am 24.10.2013 in seiner Werkstatt in Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt) auf einer Cajon. Als einer von zwei größeren Herstellern in Deutschland fertigt der gebürtige Vogtländer die aus Peru stammende Kistentrommel mit vier Mitarbeitern in seiner Manufaktur. Weit über 1000 Instrumente verlassen die Werkstatt im Jahr unter anderem auch nach Japan und Australien. Den warmen Klang des Cajon schätzen auch immer mehr bekannte Musiker aus den Bereichen Schlager und HipHop. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)Trommeln weckt Energie. (picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt)

Andere bemängeln, diesen versprochenen neuen "Fluss der Lebensenergie" könne man nicht wirklich belegen, und auch beim Qi-Gong oder Yoga gebe es unerwartete körperliche und emotionale Erfahrungen. Der Therapeut Stephan findet, dass zum Beispiel auch Selbstverteidigungskurse oder Tae Bo, eine Mischung aus Aerobic und Kampfsport-Elementen, dabei helfen können, sich selbst neu wahrzunehmen. Stephan sieht die Bioenergetik und ihre positiven Elemente als eine gute Methode unter anderen Möglichkeiten.

Es geht um Nähe und Distanz

"Kannst du mal probieren, mich ein paar Schritte nach hinten zu drücken. Ich kann dir mehr oder weniger Widerstand geben, dass du deine Kraft fühlen kannst."

Alice Moll mit einer langjährigen Klientin. Sie ist 44 Jahre alt und zeigt gern die Themen, die sie beschäftigen, möchte aber nicht direkt ins Mikrophon sprechen. Alice Moll steht ihr gegenüber, beide mit ausgestreckten Armen, Handflächen an Handflächen. Es geht gerade um Nähe und Distanz. Die Klientin fängt an, die Therapeutin zu schieben.

"Meine Idee wäre aber, dass du einmal hast du das Schieben probiert, dass du mal probierst, mich zu ziehen."

"Da kommt eine Verzweiflung", sagt die dann an der Therapeutin ziehende Klientin.

"Es gibt ja beides, es gibt deine alte Erfahrung, die dir im Körper steckt und dann das Gefühl, dass du mich ziehst, was ja sehr selbstwirksam ist."

Vielleicht die schwierigste Arbeit – das Einüben der neu gewonnen Einsichten und neuer Emotionen, und auch hier sollen Körper und Bewegungen wieder mithelfen. Mit Personen, die suizidgefährdet sind oder eine akute Psychose haben, arbeitet Alice Moll nicht bioenergetisch. Und wer psychisch labil ist, sollte auch sehr vorsichtig bei den Gruppenangeboten sein, sagt Jens-Armin Stephan. Es gibt offene Treffen oder auch Volkshochschulkurse, die Bioenergetik anbieten.

Für labile Patienten kann Bioenergetik gefährlich sein

"Das ist für mich eigentlich ein Mittel, um sich weiter zu entwickeln. Also ein Mittel der Selbsterfahrung. Und das ist nicht schön, die Bioenergetik zu machen. Sondern es ist anstrengend, es ist herausfordernd. Also jemand, der labil ist – nur dann sucht man ja sich psychotherapeutische Angebote – für den ist es einfach gefährlich!"

Und doch interessieren sich immer mehr Menschen dafür, ihren Körper und ihre Emotionen besser miteinander zu verbinden, und bezahlen dann für jeden Einzeltermin etwa 70 Euro.

Vitalisierung – neue Lebensenergie – mehr Achtsamkeit – Seelengymnastik – Psychohygiene – Stressbewältigung: Schlagwörter und Versprechungen, die gut zum Zeitgeist passen. Solche positiven Effekte erhoffen sich viele auch beim Sport. Auch sie sind oft auf der Suche nach dem besseren körperlichen Empfinden, nach dem guten und gesunden Körpergefühl, wenn sie sich sinnvoll bewegen. Und sie wollen sich dabei wohlfühlen. Ein neues Bewusstsein für das enge Zusammenspiel von Körper und Psyche mag also für viele ganz grundsätzlich eine Bereicherung sein. Sie müssen nur gemäßigt einsteigen und vorsichtig üben. Nach Alexander Lowens Buch "Bioenergetik für alle". Oder Irmhild Liebaus "körperorientiertem Übungsprogramm für 28 Tage", eine Art bioenergetisches Wohlfühl- oder Selbsthilfe-training. Sie hat es ergänzt mit Meditation und Imagination.

Ein "Trommeltanz" rundet das bioenergetische Arbeiten für den Hausgebrauch dann ab.

"Das kurbelt nochmal den Kreislauf an und ich denke, auch so den Kopf. Die Bewegungen kommen aus dem Gefühl und die Koordination irgendwann auch."

Auch das kann Bioenergetik dann wohl auslösen: Sie macht fit.

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