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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 30.06.2007

Bildungsfragen sind Machtfragen

Von Bruno Preisendörfer

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Schüler an Tafel (AP)
Schüler an Tafel (AP)

Das deutsche Bildungssystem ist effektiv, gerecht und gibt jedem eine Chance. Das ist natürlich ein Witz, wie alle wissen, die irgendwie mit unseren Schulen oder Universitäten zu tun haben. Es gibt in den bildungspolitischen Debatten seit Jahren niemanden mehr, der allen Ernstes behauptet, in unseren Schulen herrsche Chancengleichheit.

Vielmehr hat sich die Gerechtigkeitslage in den letzten fünfzehn Jahren so dramatisch verschlechtert, dass die Behauptung, in unserem Bildungssystem sei die Chancengleichheit verwirklicht, nicht einmal mehr Ideologie wäre, sondern bloß noch eine platte Lüge.

Die Gefühlsreaktionen der Bildungsschichten auf diese Sachlage schwanken je nach persönlichem Naturell und sozialer Stellung zwischen Bedauern, Gleichgültigkeit, Bangen um die eigenen Vorteile und unverstellter Rücksichtslosigkeit beim Durchsetzen von Privilegien. Manche dieser Gefühle sind vielleicht sympathischer als andere - allerdings fragt sich, was die Benachteiligten davon haben, wenn die Bevorzugten ihre Vorteile mit schlechtem Gewissen wahrnehmen. Menschlich ist das zwar nett, aber moralisch und politisch nicht von Belang, denn wenn es darauf ankommt, siegt im Konflikt zwischen Interesse und schlechtem Gewissen immer das Interesse.

Das ist keine sehr aufregende Erkenntnis. Sie könnte aber aufregend werden, würde daraus die Konsequenz gezogen. Wenn im Konflikt zwischen schlechtem Gewissen und Interesse das Interesse siegt, warum dann umständlich über die Moral der Chancengleichheit reden, statt über die Zugangsmacht zur Bildung, um die es eigentlich geht.

Probehalber könnte das so aussehen: Die Bildungsfernen müssten das ihnen Vorenthaltene nicht mit, sondern gegen die Privilegierten einfordern. Nicht Chancengleichheit hätte die Losung zu sein, sondern das radikale Umdrehen der Bevorzugung. Man stelle sich vor, künftig dürften nur noch zehn Prozent der Akademikerkinder auf die Universität gehen. Das wäre eine schreiende Ungerechtigkeit? Na wenn schon! Derzeit gehen nicht einmal zehn Prozent der Arbeiterkinder auf die Universität. Warum die Chancen nicht einfach mal andersherum verteilen? Professorensöhne werden Brötchenbäcker und Busfahrer, die Töchter von Ärztinnen lernen Friseuse oder sitzen an der Kasse.

Das Gedankenspiel, und um ein solches handelt es sich, verdeutlicht die Fruchtlosigkeit einer Bildungsdiskussion, die in den Kategorien der Moral geführt wird, die Kategorien der Macht jedoch absichtsvoll verschweigt oder naiv übersieht. Bildungsfragen sind Machtfragen. Der alte Slogan "Wissen ist Macht" ist nicht bloß ein Sprüchlein, sondern bitterer Ernst.

Das Gedankenspiel lehrt, dass die bildungsnahen Schichten, ganz gleichgültig, ob sie sich die Mühe des schlechten Gewissens machen oder ersparen, kein Interesse an Chancengleichheit haben und auch gar keines haben können. Ein wirklicher Einsatz für die Chancengleichheit bildungsferner Kinder würde die Startsituation der bildungsnahen erheblich verschlechtern. Aus diesem Grund wehren sich beispielsweise konservative Elternverbände dagegen, dass beim Übertritt ins Gymnasium Begabungstests an die Stelle der üblichen Lehrerempfehlungen treten. Es könnte dann nämlich passieren, dass eine Menge Akademikerkinder, die locker ihre Lehrerempfehlung kriegen, die Aufnahmetests nicht bestehen, während so manches Arbeiterkind, das sich jetzt mit der Realschule begnügen muss, gut genug abschneidet, um ins Gymnasium zu kommen.

Aber solange die Bildungsfernen nicht begreifen, wovon sie da eigentlich fern gehalten werden und sich auch selbst fern halten, steht nicht zu befürchten, dass sie den Bildungsnahen mit Ansprüchen auf die Pelle rücken und gemäß ihrem Anteil an der Bevölkerung ihren Anteil an den schulischen und universitären Ausbildungsprivilegien einfordern. Wissen ist Macht, und – mit einem traurigen Kalauer gesagt: Wer nichts weiß, macht nichts.


Bruno Preisendörfer (privat)Bruno Preisendörfer (privat)Bruno Preisendörfer, Jahrgang 1957, lebt als Publizist und Schriftsteller in Berlin. In diesem Jahr sind der Erzählungsband "Die Beleidigungen des Glücks" und der Roman "Die letzte Zigarette" erschienen.

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