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Freitag, 24.11.2017

Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 08.10.2016

Bildungsaufsteiger Marco Maurer und Talentscout Suat YilmazWie kann unser Bildungssystem gerechter werden?

Moderation: Klaus Pokatzky

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Schüler malen an einer Hauptschule  (dpa / picture alliance / Fabian Stratenschulte)
Hauptschüler haben es trotz theoretischer Bildungsdurchlässigkeit schwer, aufzusteigen, so der Jounralist Marco Maurer. (dpa / picture alliance / Fabian Stratenschulte)

Deutschland hat eines der besten Bildungssysteme, ist von Bildungsgerechtigkeit aber noch weit entfernt. Wie das Bildungssystem gerechter werden kann, darüber diskutieren der Journalist und Bildungsaufsteiger Marco Maurer und der Talentscout Suat Yilmaz.

Zeige mir Dein Elternhaus – und ich sage Dir, was aus Dir wird …

Auch, wenn Deutschland über eines der besten Bildungssysteme verfügt, sind wir nach wie vor von Bildungsgerechtigkeit weit entfernt. Das zeigt auch die aktuelle OECD-Studie "Bildung auf einen Blick". Zwar gehen in kaum einem anderen OECD-Land so viele junge Menschen zur Schule, sind in Ausbildung oder haben einen Job wie in Deutschland. Trotzdem bleibt mehr als jeder Zehnte ohne Abitur oder Ausbildung. Von 100 Akademikerkindern besuchen 77 eine Hochschule, von 100 Nicht-Akademikerkindern nur 23.

"Das Wort 'Arbeiterkind' begleitet mich – Sohn eines Kaminkehrers und einer Friseurin – fast mein ganzes Leben lang", sagt der Journalist Marco Maurer. Seine Erfahrung:

"Unser Schulsystem ist stark selektiv. Es gibt Hürden; man wird in den meisten Bundesländern nach vier Jahren irgendwie in die Hauptschule, Realschule oder aufs Gymnasium verwiesen, und dem ordnet man sich meistens unter. Wer einmal auf der Hauptschule war, der findet meistens dort auch – trotz der theoretischen Durchlässigkeit dieses Systems – nicht mehr heraus, weil ihm einmal auch gesagt worden ist: 'Du schaffst alles andere nicht.'"

Özdemir und Steinmeier kämpften sich hartnäckig nach oben

Auch Marco Maurer hatte eine Hauptschulempfehlung, aber er kämpfte sich hartnäckig nach oben. Er war zunächst Hauptschüler, dann Realschüler, Berufsschüler und schließlich Abiturient – bis er sich seinen Berufswunsch erfüllen konnte und Journalist geworden ist. Sein Buch "Du bleibst, was du bist" basiert auf seinen eigenen Erfahrungen. Er portraitiert aber auch prominente Bildungsaufsteiger, wie den Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir oder den SPD-Politiker und deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

"Nur, wenn das Potenzial von jungen Menschen die einzige Währung ist und nicht der Geldbeutel, der Status, die Religion oder die Herkunft der Eltern, werden wir in Zukunft von Bildungsgerechtigkeit sprechen können", sagt Suat Yilmaz – der stellvertretende Leiter des NRW-Zentrums für Talentförderung. Dem Netzwerk gehören mehrere Hochschulen im Ruhrgebiet an.

Yilmaz, der 1978 selbst als Sohn türkischer Gastarbeiter nach Deutschland kam, war 2011 der erste Talentscout für benachteiligte Jugendliche an einer deutschen Hochschule: an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. Er geht in die Schulen der Region und versucht, Jugendliche vor allem aus Arbeiter- und Migrantenfamilien zu einem Studium zu motivieren – und diese dann bei ihrem Bildungsweg zu unterstützen.

"Wir machen das, was jeder Rechtsanwalts-Papa für seine Kinder auch macht: Wir zeigen Möglichkeiten auf und nutzen unsere Netzwerke – genau wie das Bildungsbürgertum."

Wie kann unser Bildungssystem gerechter werden?
Darüber diskutiert Klaus Pokatzky heute von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit  Marco Maurer und Suat Yilmaz. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254  2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de sowie auf Facebook und Twitter.

Informationen im Internet:

Über Marco Maurer
Über Suat Yilmaz

Literaturhinweise:

Marco Maurer: "Du bleibst, was du bist. Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet", Droemer Verlag, 2015
Suat Yilmaz: "Die große Aufstiegslüge. Wie unsere Kinder um ihre Zukunft betrogen werden", Eichborn-Verlag, Erscheinungsdatum: 14. Oktober 2016

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