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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 11.05.2015

BildungDie blinden Flecken der Reformpädagogik

Von Ulrike Köppchen

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(Uwe Anspach/dpa)
Ehemalige Vorzeigeeinrichtung der Reformpädagogik: Die Odenwaldschule (Uwe Anspach/dpa)

Gegen das konventionelle Schulsystem ziehen Reformpädagogen seit 125 Jahren zu Felde. Zwar steht das Erziehungskonzept seit dem Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule unter Verdacht. Doch tot ist die Reformpädagogik noch lange nicht.

Das Wort hat der Kaiser:

Zitat Wilhelm II.:
"Meine Herren! Ich habe mir zuerst ausgebeten, ein paar Worte zu Ihnen zu reden, weil mir daran liegt, dass die Herren von vornherein wissen, wie ich über die Sache denke. Es wird entschieden sehr vieles zur Diskussion kommen, ohne entschieden werden zu können, und ich glaube, dass auch manche Punkte nebelhaft im Dunkeln bleiben werden."

Matthias Hofmann:
"In der Reformpädagogik findet sich alles. Von Antisemiten und Rassisten bis hin zu libertären, freiheitlichen und basisdemokratischen Konzepten - und natürlich den entsprechenden Menschen, die dahinter stehen, finden wir wirklich alles."

Zitat Wilhelm II.:
"Wenn die Schule die Jugend so lange dem Elternhause entzieht, wie es geschieht, dann muss sie auch die Erziehung und die Verantwortung für diese übernehmen."

Ehrenhard Skiera:
"Wenn Sie in eine Waldorf-Schule gehen, Jenaplan-Schule, Montessori-Schule, Freinet-Schule, da merken Sie sofort an der Raumgestaltung, da ist etwas prinzipiell anders als in der didaktisch-methodischen Normalform der Schule. Es gibt Lernateliers, Ecken für Freiarbeit und so weiter, also ein neues Milieu."

Zitat Wilhelm II.:
"Erziehen Sie die Jugend, dann haben wir auch andere Abiturienten."

Christian Füller:
"Das ist eine Reformideologie, die seit ganz vielen Jahren sagt: Wir sind das Bessere. Wir sind das bessere Lernen, wir haben die besseren Schulen."

Zitat Wilhelm II.:
"Ferner muss von dem Grundsatze abgegangen werden, dass es nur auf das Wissen ankommt und nicht auf das Leben. Die jungen Leute müssen für das jetzige praktische Leben vorgebildet werden."

Die Schulkritik Kaiser Wilhelms II. auf der von ihm im Dezember 1890 einberufenen Berliner Schulkonferenz gilt manchen als die Geburtsstunde der Reformpädagogik. Wilhelm II. war allerdings nicht der erste, der am Schulsystem etwas auszusetzen hatte – und auch nicht der letzte.

Jörg Ramseger:
"Dass die Menschen sich über die Schule beklagen und glauben, wir hätten eine Erziehungskrise, das gibt es, seit überhaupt über öffentliche Erziehung nachgedacht wird. Das ist schon bei Seneca, bei den alten Griechen so gewesen. Und es war noch nie der Zustand, dass irgendwann die Gesellschaft gesagt hätte, unsere Schulen sind in Ordnung, den Zustand gibt es gar nicht."

Jörg Ramseger, Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Freien Universität Berlin und Leiter des Instituts für Schulentwicklung. Über kaum ein anderes Thema wird so heftig diskutiert wie über Bildung, Erziehung und Schule, und in kaum einem anderen Bereich wird so eifrig herumexperimentiert und reformiert.

Allerdings ist nicht jede pädagogische Reform auch gleich Reformpädagogik. Sondern dabei geht es um Ansätze, die sich aus der Kritik am bestehenden System der öffentlichen Schule heraus entwickelt haben und eine pädagogisch bessere Alternative zur Regelschulpraxis präsentieren wollen.

Jörg Ramseger:
"Da geht es um die Strömungen, die eine verstärkte Individualisierung des Lernens zur Grundlage haben oder zum Ziel haben. Es geht darum, die Pädagogik vom Kinde her zu denken. Das heißt, nicht einfach irgendwelche Stoffe abzufüllen, sondern die Kinder als eigenständige Konstrukteure von Wirklichkeit zu begreifen, die sich auch die Lerngegenstände selbständig aneignen müssen und dafür Unterstützung von den Lehrerinnen und Lehrern brauchen."

Kein exaktes Gründungsdatum

Zur Reformpädagogik werden sehr unterschiedliche Strömungen gezählt: Manche wie Waldorf- oder Montessori-Pädagogik liefern zu ihrer Vorstellung der richtigen Erziehung eine mehr oder weniger geschlossene Weltanschauung mit, andere wie die Freien Alternativschulen arbeiten eher mit Versatzstücken aus unterschiedlichen Konzepten und stricken sich ihre Reformpädagogik sozusagen selbst. Aber auch in den öffentlichen Schulen wird derzeit fleißig an der Pädagogik gestrickt.

Jörg Ramseger:
"Wir haben ja im Jahr 2000 in Berlin, und in den anderen Ländern war es ähnlich, ein sehr umfassendes Reformprogramm begonnen. Das fing an – etwas sehr Umstrittenes, bis heute sehr Umstrittenes – mit der Vorverlagerung des Einschulungsalters. Das schloss ein die verschärfte Hinwendung zur inklusiven Pädagogik. Es umfasst Jahrgangsmischung als Organisationsform des schulischen Lernens und viele andere Maßnahmen, die im Kern auf eine Individualisierung des Lernens abzielten und ja auch ein verzweifeltes Bemühen des Staates und seiner Schulen und seiner Pädagoginnen und Pädagogen darstellt, mit der gesteigerten Heterogenität  der Kinder in unseren Schulen irgendwie klarzukommen."

Das klingt alles sehr nach Reformpädagogik. Tatsächlich gebe es derzeit kaum ein relevantes pädagogisches Konzept, das nicht zumindest zum Teil in der Reformpädagogik wurzele, sagt der Schulpädagoge Ehrenhard Skiera, emeritierter Professor an der Universität Flensburg.

"Zum Beispiel Zeugnis ohne Noten bzw. verbale Zeugnisse, freie Arbeit, Wochenplanarbeit, Projektunterricht oder fächerübergreifendes Lernen, klassenübergreifendes Lernen – das sind ja alles Dinge, die in der Reformpädagogik wurzeln, und die dann in verändertem Kontext natürlich hineingetragen wurden und dann natürlich auch gegenüber ihrem Ursprung verändert worden sind."

Die staatliche Regelschule hat inzwischen so vieles aus dem Arsenal reformpädagogischer Techniken übernommen, dass manche bezweifeln, ob eine strikte Trennung in Regelschule und reformpädagogische Schulen überhaupt noch angemessen sei. Allerdings wird Reformpädagogik häufig wie ein Steinbruch benutzt: Man greift sich einzelne Elemente heraus, die man für sinnvoll hält, aber ignoriert die Erziehungsmetaphysik und Weltanschauung der jeweiligen reformpädagogischen Schule. Und Reformpädagogik wollte immer mehr sein als nur Erziehungstechnik.

Zitat Wilhelm II.:
"Es ist weniger Nachdruck auf das Können wie auf das Kennen gelegt worden. Das zeigt sich auch bei den Anforderungen, die in den Examen gestellt werden. Es wird von dem Grundsatze ausgegangen, dass der Schüler vor allen Dingen so viel wie möglich wissen müsse; ob das für das Leben passt oder nicht, ist Nebensache."

Wilhelm II. auf der Berliner Schulkonferenz von 1890. Auch wenn er damit in den Augen zeitgenössischer Geschichtsschreiber gewissermaßen zum ersten Reformpädagogen wurde – einen exaktes Datum, an dem die reformpädagogische Bewegung beginnt, gibt es nicht, meint der Züricher Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers, der seit Jahren zur Geschichte der Reformpädagogik forscht.

"Es gibt vorher und nachher Daten, wo man sagen kann, da beginnt irgendwas. Das hängt auch damit zusammen, dass man bei Reformpädagogik einfach ein Gründungsdatum braucht, damit das Besondere herausgestrichen wird. Und dann ist das relativ die Kaiserrede gewesen, weil das war irgendwie noch eine besondere Auszeichnung gewesen; weil, die früheren Kaiser haben sich nie zu ihrer Schulzeit geäußert, also das ist willkürlich, was da mit 1890 geschehen ist."

Doch die Kaiserrede spiegelte den Geist der Zeit wider: Verunsichert von Industrialisierung, Verstädterung und rasantem technologischem Wandel suchten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele ihr Heil in einer "Lebensreform". Die Vertreter der Lebensreformbewegung propagierten ein Zurück zu Natur, sie gründeten Landkommunen, traten für Naturheilkunde und Freikörperkultur ein und wandten sich esoterischen Strömungen wie der Theosophie zu. Auch die Erziehung wollte man verändern.

Jürgen Oelkers:
"Man wollte mit der neuen Erziehung die Gesellschaft verändern, sodass sie dann gut wird oder zu ihren Potenzialen kommt oder was immer. Aber man wollte in der Tat mit der Erziehung die Gesellschaft verändern - und das von den Rändern her, also von dem, was die staatlichen Schulen dann eben nicht abdeckten. Und die Ränder, das waren dann Landerziehungsheime oder ähnliche Institutionen."

Nicht anschlussfähige politische Positionen

Nach den Vorstellungen der frühen Reformpädagogen war es das Kind, das die Gesellschaft aus der Krise führen sollte. Man sah es als Genie und perfekten Menschen, auf den alle Erlösungshoffnungen projiziert wurden.

Zitat aus dem Buch "Das Jahrhundert des Kindes":

"Bevor nicht Vater und Mutter ihre Stirne vor der Hoheit des Kindes in den Staub beugen, bevor sie nicht einsehen, dass das Wort Kind nur ein anderer Ausdruck für den Begriff Majestät ist; bevor sie nicht fühlen, dass es die Zukunft ist, die in Gestalt des Kindes in ihren Armen schlummert, die Geschichte, die zu ihren Füßen spielt – werden sie auch nicht begreifen, dass sie ebenso wenig die Macht oder das Recht haben, diesem neuen Wesen Gesetze vorzuschreiben, wie sie die Macht oder das Recht besitzen, sie den Bahnen der Sterne aufzuerlegen."

So die schwedische Journalistin und Kinderrechtlerin Ellen Key in ihrem 1902 erschienenen Buch "Das Jahrhundert des Kindes". Das neue Bild vom Kind veränderte die Vorstellung von der Lehrer-Schüler-Beziehung. Anstatt den Schülern Lernstoff einzutrichtern, sollte der Lehrer Kamerad sein und sie – auch durch emotionale Nähe – darin unterstützen, ihr Potenzial zu entfalten. So betrachtet zum Beispiel die Montessori-Pädagogik das Kind als "Baumeister seiner selbst". Ihr Wahlspruch lautet: "Hilf mir, es selbst zu tun!"

Zitator aus dem Buch "Kind dieser Zeit":
"Wer die Luft eines Landerziehungsheimes einmal geatmet hat, bekommt ihren Zauber nicht mehr aus seinem Blute. (…) Etwas Magisches ist in dieser abgetrennten Landschaft, die, klösterlich entfernt von dem Getriebe der Welt, nur belebt ist von den Gesprächen und Liedern, den Gelächtern und Seufzern der Jugend."

Das schreibt Klaus Mann in der Autobiografie seiner Jugendjahre "Kind dieser Zeit". 1922 sind seine Eltern die Eskapaden des rebellischen 15-Jährigen leid und schicken ihn in ein Internat. Kein gewöhnliches, sondern ein so genanntes Landerziehungsheim: zunächst an die Bergschule Hochwaldhausen, dann an die Odenwaldschule. Dort sollten Kinder und Jugendliche fernab der vermeintlich verderblichen Einflüsse der Großstadt einen Lern- und Lebensort finden – ganz im Geist der Reformpädagogik.

Zitat:
"Wir genossen alle Errungenschaften der radikalen Reformschule: von der spartanischen Einfachheit der Lebensführung mit 'praktischer Arbeit' und Selbst-sein-Bett-Machen bis zur Koedukation und dem Kurssystem im Unterricht, statt des Systems der Klasse; von der Schulgemeinde, in der die Angelegenheiten der Gemeinschaft von den Schülern verhandelt und in allen wichtigeren Dingen Recht gesprochen wird, bis zu der Einrichtung eines Patronats eines älteren Schülers über einen jüngeren. Das Wort 'Gemeinschaft' war das dominierende in der Terminologie dieser Heime."

In diesen Landerziehungsheimen waren die Kinder des wohlhabenden liberalen Bürgertums mehr oder weniger unter sich. Denn die Schulen waren teuer, und nur Gutsituierte konnten sich das Schulgeld leisten.

Eine Breitenwirkung erzielte die frühe Reformpädagogik insofern nicht. Aber sie beeinflusste stark die öffentliche Bildungsdebatte, indem ihre Verfechter unermüdlich in Zeitungen, Zeitschriften und bei Auftritten für die "neue Erziehung“ und eine Pädagogik "vom Kinde aus" trommelten. Doch so liberal viele dieser Reformer in Erziehungsfragen waren, vertraten viele von ihnen politisch Positionen, die - so der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers - nicht anschlussfähig sind. Häufig vertraten sie völkische, nationalistische und chauvinistische Positionen oder liebäugelten wie Maria Montessori oder Ellen Key mit Eugenik. Matthias Hofmann, Pädagoge und Autor:

"In der Reformpädagogik findet sich alles. Von Antisemiten und Rassisten bis hin zu libertären, freiheitlichen und basisdemokratischen Konzepten -und natürlich den entsprechenden Menschen, die dahinterstehen, finden wir wirklich alles. Wir finden Vertreter der Landerziehungsheime, die keine jüdischen Kinder aufgenommen haben und schon im Kaiserreich einen Ariernachweis verlangt haben zur Aufnahme in die Schule, Hermann Lietz ist da zu nennen – bis hin zu Janusz Korzak, der mit seinen Kindern am Ende ins KZ gegangen ist."

Sexueller Missbrauch an einer der feinsten Adressen

Zudem war der wohl prominenteste Reformpädagoge, der Gründer der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, Gustav Wyneken, ein verurteilter Päderast, der sich seiner eigenen Schule nicht mehr nähern durfte. Mit diesem zweifelhaften Erbe hätten sich diejenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an die Tradition der älteren Reformpädagogik anknüpfen wollten, beschäftigen müssen. Aber man hat es lange Zeit nicht getan.

Ehrenhard Skiera:
"Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine starke Tendenz, Reformpädagogik zu glorifizieren, Reformpädagogik darzustellen als die eigentliche, die gute oder sogar die beste Pädagogik. Und man hat die doch kritischen Momente unterdrückt, die irrationalen, ja, man kann fast sagen, die antihumanistischen Momente, die in der Reformpädagogik auch drin stecken, die hat man schlichtweg negiert, uminterpretiert oder irgendwie verharmlost; oder was man heute auch noch antrifft: Man lässt sie einfach unter den Tisch fallen."

Christian Füller:
"Ich war ja sozusagen ein Freund der Reformpädagogik, bin bei der linken tageszeitung Bildungsredakteur lange gewesen und natürlich war ich auf den Kongressen. Die Reformschulen sind ja alle davon inspiriert. Wenn man so will, war ich der Heckenschütze der Reformpädagogik."

Als im März 2010, kurz vor der 100-Jahr-Feier der Odenwaldschule, massive Missbrauchsvorwürfe gegen mehrere ehemalige Lehrer und den früheren Schulleiter Gerold Becker laut werden, macht sich der Bildungsjournalist und Politikwissenschaftler Christian Füller ins hessische Heppenheim auf. Die Ergebnisse seiner Recherche hat er zu mehreren Büchern verarbeitet, unter anderem in seinem kürzlich erschienenen Buch "Die Revolution missbraucht ihre Kinder".

Christian Füller:
"Was ich entdeckt habe, war ein wirklich perfektes System, also die sexuelle Gewalt hat stattgefunden, der Missbrauch, bis hin zur Vergewaltigung. Also Gerold Becker, hatte auf seinem Nachttisch, darf man nicht vergessen, eine Dose Vaseline stehen, und das ist so. Hab ich aufgedeckt, und da gibt es ein Haus, wo die kleinen Jungs reinkommen, um sich einzugewöhnen, die Päderasten haben sich untereinander die hübschesten und labilsten Jungen aus diesem Haus, die normalerweise auf die anderen Häuser, nach einem strengen Verfahren auf die Häuser verteilt werden, einzelnen rausgesucht und haben sie sozusagen in die beiden Hauptpäderastenfamilien hereingebracht: Es gab also die Taten, es gab dieses System, diesen Verteilmechanismus, und es gab unglaublich viele Leute, die gesagt haben, ihr macht uns unsere tolle Reformpädagogik kaputt."

Mindestens 132 überwiegend männliche Schüler wurden zwischen 1965 und 1998 Opfer von sexuellen Übergriffen und Missbrauch ausgerechnet an einer der feinsten Adressen der deutschen Reformpädagogik. Gerold Becker, der mutmaßliche Haupttäter, war die charismatische Figur der reformpädagogischen Szene und überdies der Lebensgefährte von Hartmut von Hentig, einem der bedeutendsten Intellektuellen der alten Bundesrepublik. Dieser reagierte abwehrend, als er sich zu den Vorwürfen gegen Gerold Becker äußern sollte, nachdem er zunächst empfohlen hatte, die Sache einfach "auszusitzen".

Christian Füller:
"Allenfalls könnte jemand, wie Hartmut von Hentig das gesagt hat, den armen Gerold verführt haben. Man muss sich das vorstellen, was für eine Schuldumkehr! Ein Elfjähriger verführt einen 40-jährigen Mann dazu, sich von ihm anal penetrieren zu lassen. Was ist das für ein Irrsinn! Das schreibt Hartmut von Hentig, unser aller intellektuelles Vorbild des letzten Jahrhunderts für 'Lernen ohne Beschämung'. Der Hartmut von Hentig hat uns beigebracht den sokratischen Eid: Tue keinem Kind etwas an, was es nicht will. Unfasslich! Dieser Mann sagt, der Gerold, sein Freund Gerold Becker, sei verführt worden von elfjährigen Jungs."

Auch sonst war die Bereitschaft der reformpädagogischen Kreise sehr gering, sich mit den Vorfällen an der Odenwaldschule auseinanderzusetzen, kritisiert Jürgen Oelkers:

"Eine Aufarbeitung der Vorfälle, insbesondere die Frage, wie konnten solche Leute Karriere machen, das ist bislang nicht erfolgt. Und man muss sich vorstellen, Leute wie Gerold Becker, die hatten kein pädagogisches Examen. Der hat eine Doktorarbeit geschmissen, der war nur examinierter Theologe, erstes Examen, zweites Examen hat er auch geschmissen - kein Lehrerexamen, Promotion geschmissen. Trotzdem macht der Karriere bis in die Spitzen der deutschen Gesellschaft, das ist doch komisch, oder?"

Stattdessen hat man mit Abwehr reagiert, um Schaden von der Reformpädagogik insgesamt abzuwenden – und sie dadurch umso mehr in Misskredit gebracht:

Christian Füller:
"Mich hat jemand angerufen, wenige Tage, bevor Hartmut von Hentig in der Süddeutschen Zeitung in einem großen Text wirklich demaskiert wurde, und da hat mich jemand aus dieser Szene angerufen und hat gesagt: Christian, wie können wir den Hartmut von Hentig retten?"

Doch letztlich waren weder Hartmut von Hentig als Galionsfigur der linksliberalen Pädagogik zu retten noch die Odenwaldschule selbst. Immer wieder wurde ihr in den vergangenen fünf Jahren Vertuschung und Verschleppung bei der Aufklärung der Missbrauchsfälle vorgeworfen, und immer weniger Eltern wollten ihre Kinder an diese Schule schickten. Ende April 2015 verkündete der Trägerverein wegen finanzieller Schwierigkeiten das Aus. Protest gegen die Schließung gab es kaum, und selbst in linken und liberalen Medien, die eigentlich reformpädagogischen Konzepten positiv gegenüberstehen, lautete der Tenor: gut so, und: Die Zeit war reif.

Gefühl der "Krise der Staatsschule"

Der Skandal um die Odenwaldschule hat erstmals die blinden Flecken in der Geschichte der Reformpädagogik einer breiteren Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Zum Beispiel die Fragwürdigkeit eines Erziehungskonzepts, das auf der Nähe zwischen Lehrer und Schüler basiert. Oder der schmale Grat zwischen Missbrauch und "pädagogischem Eros". Letzteren beschwor etwa Hartmut von Hentig noch im Januar 2010 bei einem Vortrag über den "Ethos der Erziehung". Und kritisierte gleichzeitig die Kleinmütigkeit der aufgeklärten Gesellschaft, die misstrauisch auf jede Zärtlichkeit blicke und fürsorgliche Schutzvorkehrungen gegen den "scheuen Gott" errichte.

Jürgen Oelkers:
"Es ist schon erstaunlich, an welchen Stellen da Beifall gespendet worden ist von den Leuten, und hinterher gab es Standing Ovations. Und das wundert mich, weil man ja damit eigentlich die Leute hinters Licht führt, weil man nicht sagt, was genau man denn ändern will, sondern man verbleibt bei einer Rhetorik, die die Leute dann zwar aufwiegelt, aber letzten Endes ohne Antwort lässt. Denn konkret folgt daraus gar nichts."

Von Anfang an hat die reformpädagogische Rhetorik sehr stark mit suggestiven Sprachgebilden gearbeitet: Metaphern wie "Pädagogik vom Kinde aus" oder "ganzheitlicher Unterricht" besagen wenig Konkretes, aber dienen dazu "semantische Stereotype" bei den Empfängern dieser Botschaften zu aktivieren. Vielleicht war es auch nur so ohne weiteres möglich, das ursprünglich bürgerliche bis konservativ-revolutionäre Konzept Reformpädagogik nach dem Zweiten Weltkrieg ins linksliberale Lager zu überführen, eben weil die zentralen Begriffe kaum mehr sind als Worthülsen, die nahezu beliebig mit Inhalt gefüllt werden können.

Jürgen Oelkers: 
"Man hat einfach glauben wollen, was die Konzepte schönklingenderweise hergaben. Und das ist, glaube ich, ein zentraler Fehler gewesen der gesamten Berufung auf diese reformpädagogischen Ansätze, weil man nie gefragt hat, was haben die tatsächlich gemacht mit den Schülern oder wie haben die gelernt oder was waren die Bedingungen des Lernens oder wie kamen die eigentlich an die Schulen, weshalb haben die Eltern die da hingeschickt? Das sind Fragen, die haben nie eine Rolle gespielt, die sind aber entscheidend, wenn man das einschätzen will."

Nach dem Ende der Odenwaldschule fragen manche, ob damit auch die Reformpädagogik am Ende ist. Doch solange das Gefühl von der "Krise der Staatsschule" vorherrscht, werden Eltern ihre Kinder auf Reformschulen schicken. Und dieses Gefühl hat durch PISA und die Folgen neue Nahrung bekommen. Denn die Regelschule macht durchaus nicht nur Schritte in Richtung Reformpädagogik, sondern es sind auch gegenläufige Tendenzen erkennbar:

Jörg Ramseger:
"Das bricht sich mit einer neuen Strömung, die wir seit den PISA-Tests, etwa seit 2001 gleichzeitig verspüren, nämlich den Druck des Staates auf die Schulen, verstärkte Steuerungstendenzen seitens des Staates, das Bemühen des Staates über Tests, über Vergleichsarbeiten, das Schulwesen zu normieren und voranzubringen. Und diese beiden Strömungen - eine normierende testbewusste, leistungsorientierte Pädagogik und eine individualisierende, die Heterogenität der Kinder achtende Pädagogik - liegen in einem permanenten Widerstreit oder in Konkurrenz zueinander und sind gleichzeitig wirksam."

Die Standardisierung und Normierung im Schulwesen scheint gerade diejenigen zu frustrieren, die im Bildungsbereich arbeiten: So sind zum Beispiel ein Fünftel aller Eltern von Waldorf-Schülern Lehrer an Regelschulen. Diese Eltern haben einerseits einen hohen Bildungsanspruch, andererseits wünschen sie sich eine Entschleunigung der Schule, und das ist schwer vereinbar ist mit Turbo-Abitur und anderen in die gleiche Richtung zielenden Reformen. Der Erziehungswissenschaftler Jörg Ramseger warnt jedoch vor einer zu einseitigen Ausrichtung von Schule:

"Die Schule, die nur vom Kinde aus gedacht wird und die gesellschaftlichen Ansprüche ignoriert, ist illusorisch und weltfremd. Und die Schule, die glaubt, mit Messen und Tests und Leistungsstandards die Pädagogik verbessern zu können, ist weltfremd und versteht nichts von Pädagogik und versteht nichts vom Kinde. Insofern ist die Reformpädagogik immer wichtig, weil sie ein Gegengewicht darstellt gegen die ungebrochene Vereinnahmung der Kinder durch Staat und Gesellschaft und Ökonomie. Aber die Pädagogik kann auch die Leistungsansprüche der Gesellschaft nicht ignorieren, sondern muss Wege finden, wie Kinder auch an die Normen der Leistungsgesellschaft herangeführt werden, ohne daran zu zerbrechen."

Privatschule für benachteiligte Schüler

2014 erhielt Jörg Ramseger, der sich seit vielen Jahren für Reformen innerhalb der Schule einsetzt, den Erwin-Schwartz-Grundschulpreis. In seiner Preisrede schlug Ramseger düstere Töne an. Derzeit drohe der gesellschaftliche Konsens über Erziehung als öffentliche Aufgabe zu zerbrechen:

"Wenn die Anzahl der Kinder, die nicht deutsch sprechen in ihrer Familie, ein bestimmtes Limit überschreitet, dann beginnen deutschstämmige Eltern diese Schulen zu meiden, ihre Kinder abzumelden und Alternativen zu suchen aus Furcht, dass sich der hohe Anteil von Migrantenkindern negativ auf den Schulerfolg ihrer Kinder auswirken wird. "

Das macht sich unter anderem in der Zahl der Privatschulen bemerkbar, von denen viele einen reformpädagogischen Ansatz verfolgen. Denn ohne ein besonderes pädagogisches Profil ist es für Privatschulen schwer, eine Genehmigung zu bekommen. Während der Anteil der Privatschüler über Jahrzehnte relativ stabil bei vier bis Prozent lag, ist er innerhalb der letzten zehn Jahre auf sieben Prozent angestiegen. In Sachsen und Thüringen gehen sogar elf Prozent der Schüler auf Privatschulen. Reformpädagogik ist also keineswegs tot – aber sie tendiert, wie auch früher schon, dazu, eine Angelegenheit der Besserverdienenden und Bessergebildeten zu sein. Aber das muss vielleicht nicht immer so bleiben.

Beim Fachtag der Freien Alternativschulen stellt der Pädagoge Matthias Hofmann das Projekt "Freie Bürgerschule Wedding" vor: eine Privatschule für die Klassenstufen sieben bis zehn, die benachteiligten Kindern und Jugendlichen in einem der sozial schwierigsten Berliner Bezirke eine Chance geben will. Der Handlungsbedarf ist da: Denn derzeit verlässt mehr als ein Drittel der Schüler in Berlin-Wedding die Schule ohne Abschluss. Initiator des Projekts ist die Bürgerplattform Wedding, ein Zusammenschluss von etwa 40 Gruppen und Initiativen aus dem Bezirk. Endlich einmal eine Schulinitiative, die nicht mehrheitlich von akademisch gebildeten Eltern getragen wird, die einfach nur für ihre eigenen Kinder eine bessere Schule haben wollen, meint der Pädagoge Matthias Hofmann:

"Wir haben uns in einer Kirche getroffen, es waren um die 50 Leute da, wirklich aller Couleur, mit Kopftuch, ohne Kopftuch, aller Religionen und Nicht-Religionen, ein Roma-Vertreter war dabei, was ja auch allen Klischees, die Roma seien bildungsfern, widerspricht. Die ganze Veranstaltung widersprach einfach allen Vorurteilen. Und das hat mich sehr begeistert und war für mich auch ein Grund, da mitzumachen, weil dann auch einfach Arbeiter aufgestanden sind und gesagt haben, ich hatte die Noten für die Oberstufe, aber die Lehrer haben gesagt: Geh lieber in die Fabrik, du bist Gastarbeiterkind und für euch Türken ist das besser."

In ihrem Konzept setzt die Bürgerschule Wedding auf durchgängige Sprachförderung, individualisiertes Lernen, Elternarbeit und Berufsorientierung. Außerdem sollen die Schüler in Projekten soziale Verantwortung lernen – und selbstbewusste, engagierte Bürger werden.

Matthias Hofmann:
"Wie bekomme ich in der Wohnbevölkerung drum herum raus, wo ein Handlungsbedarf ist? Gibt es vielleicht eine Bushaltestelle, die immer verdreckt ist und zu schwach beleuchtet ist? Oder wird der Fahrradweg im Winter nie vom Schnee geräumt und die Leute kommen da nicht durch? Und dann kann ich mir angucken: wie sind die Entscheidungsstrukturen im Stadtteil? Mit wem muss ich reden, um was zu verändern? Und wie muss ich mit dem Menschen reden, dass sich was verändert?"

In gewisser Weise ist auch das "Reformpädagogik", obwohl sie ohne höhere Weisheiten auskommt, nicht nur "vom Kinde her" gedacht ist und sich auch nicht von vornherein als bessere Alternative zur staatlichen Schule sieht. Denn eigentlich wollten die Initiatoren eine Bürgerschule als Modellversuch in Kooperation mit dem Berliner Senat. Doch die Verhandlungen scheiterten, unter anderem daran, dass das Konzept der Schule ein Mitentscheidungsrecht der Eltern bei der Besetzung von Lehrerstellen vorsah. Inzwischen strebt die Bürgerplattform an, die Bürgerschule als Privatschule zu gründen. Ihr pädagogisches Konzept hat die Schulbehörde bereits im Prinzip genehmigt. Doch da die Bürgerschule anders als andere Privatschulen kein Schuldgeld von den Eltern verlangen kann und will, ist die Finanzierung schwierig.

Matthias Hofmann:
"Uns fehlt, wenn die Schule mit 200 Schülern und Schülerinnen vollbesetzt ist, pro Schulplatz fehlen uns 2400, 2600 Euro, so was in der Größenordnung. Und wir müssten es schaffen, über ein Förderkonzept durch Unternehmen, über ein Fundraising-Konzept, über einen Förderverein diese Summe einzubringen."

Mathias Hofmann ist zuversichtlich, dass das irgendwann gelingen wird. Schließlich werde die Einsicht in die Notwendigkeit immer größer, den Menschen am unteren Rand der Gesellschaft Teilhabemöglichkeiten einzuräumen. Und dazu wird die Schule als Sozialisationsort, der nicht nur Wissen vermittelt, dringend gebraucht.

Matthias Hofmann:
"Weil der Chor dieser Stimmen langsam anwächst, glaube ich, dass es die Bürgerschule geben wird. Ob sie dann in kooperativer Trägerschaft kommt, was ich mir persönlich wünschen würde, oder ob sie in rein freier Trägerschaft kommt, weil sich Finanziers dafür finden, das werden wir dann sehen. Aber wir stehen in den Startboxen und können quasi zum nächsten Schuljahr anfangen."

 

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