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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.01.2012

Bildmächtige und wagemutige Inszenierung

Richard Wagners "Lohengrin" am Theater Freiburg

Von Uwe Friedrich

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2013 wird Wagnerjahr: 200. Geburtstag und 130. Todestag des Komponisten stehen an. (AP)
2013 wird Wagnerjahr: 200. Geburtstag und 130. Todestag des Komponisten stehen an. (AP)

Der Regisseur Frank Hilbrich inszenierte in Freiburg mit großem Erfolg Wagners kompletten Ring. Nun gab es dort eine "Lohengrin"-Premiere unter seiner Regie. Hilbrich pflegt einen "kritischen Blick": da wird wenig verklärt, das ganze mythische Geraune ist dankenswerterweise abgeräumt.

Eher beiläufig erscheint der keineswegs strahlende Lohengrin auf der Galerie der Leihbücherei, in die der Frank Hilbrich die Geschichte vom Schwanenritter am Freiburger Theater verlegt hat. Kurz zuvor war ein Bildband auf den Boden gefallen, nicht ganz zufälligerweise mit einer Schwanenabbildung. Dieser ironische Umgang mit den Publikumserwartungen prägt auch einige andere Bilder dieser kühnen Umdeutung von Wagners letzter romantischer Oper.

Im "Gottesgericht" schlägt Lohengrin seinen Gegner Telramund einfach mit einer Bibel nieder und behauptet frech, das sei Gottes Wille. Das Volk reagiert euphorisch. Endlich kommt einer, der sich über die alten Regeln hinweg setzt. Wie im Rausch reißen sie die Bücher aus den Regalen, trennen sich umstandslos sowohl von den alten Rechtsregeln als auch von denen des gesitteten Zusammenlebens. Plötzlich wird "die Böse" im Stück, die Friesenfürstin Ortrud, zur positiven Figur, weil sie an en Traditionen festhalten will.

Orthodoxe Wagnerverehrer dürften diese Neuinterpretation entsetzlich finden, zumal auch Elsa nicht mehr das ätherische Wesen in Not ist, sondern eine leicht verwahrlost wirkende Frau mit deutlichen psychischen Problemen. Doch Regisseur Hilbrich stellt die entscheidenden Fragen an das Stück: was geschieht, wenn ein Volk einen unlegitimierten, gleichwohl charismatischen Herrscher akzeptiert? Was sagt es über die psychosoziale Lage einer Masse, wenn sie ohne Weiteres die Grundlagen eines Gottesgerichts (oder auch des Erwerbs eines Doktortitels) plötzlich nicht mehr ernst nimmt? Und vor allem: was geschieht, wenn nach dem Rausch die Ernüchterung eintritt?

Denn selbstverständlich kann die Euphorie nicht andauern, sondern findet ihren Höhepunkt und ihr Ende in einem kollektiven Blutrausch, dem alle Beteiligten bis auf den desillusionierten Lohengrin zum Opfer fallen. Vorher jedoch hat sich das Volk zu grotesken Huldigungsformen hinreißen lassen, ist auf die Knie gegangen und hat den Schwanenflug nachgeahmt, hat Schwaneneier verzückt in den Himmel gehalten, hat Telramund und die brabantischen Edlen als Vertreter einer Minderheitenmeinung gedemütigt und drangsaliert.

Mit dem Blutrausch und kollektiven Selbstmord zum Finale und der Demütigung der brabantischen Edlen setzt Hilbrich sein sehr kluges Konzept ein wenig zu platt und eindeutig um. Von dieser Einschränkung abgesehen gelingt ihm aber eine Neuinterpretation, die sich souverän in eine Reihe mit den wichtigen Neudeutungen, etwa von Andrea Moses am Anhaltischen Theater Dessau, stellt. Der grimmige Humor in der Konfrontation vor dem Münster im zweiten Akt knüpft nahtlos an die besten Arbeiten Peter Konwitschnys an, ebenso wie der schonungslose Blick auf die politischen und sozialen Folgen der Wagnerschen Kunstideologie aus dem 19. Jahrhundert, mit der auch die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts noch längst nicht fertig sind.

Zu diesem Regiekonzept passt auch die musikalische Interpretation durch den Dirigenten Fabrice Bollon. Er versucht gar nicht erst, die martialischen Passagen wegzumogeln, sondern betont eher den totalitären Charakter von Wagners Überwältigungsästhetik. Die blechgepanzerten Bläserattacken schmettern ebenso wuchtig wie der groß besetzte Chor. Wenn die Solisten dran sind, nimmt Bollon den Ton allerdings zurück und hilft ihnen nach Kräften. Der Tenor Christian Voigt singt einen zielstrebigen Lohengrin, um Differenzierung bemüht, und hält dabei seine Stimme stets fest im Griff. Auch Christina Vasileva (Elsa) und Sigrun Schell (Ortrud) setzen auf großes Drama, ohne in vokales Chargieren zu verfallen.

Im Vorlauf des großen Wagner-Jubiläumsjahr spielt das Freiburger Theater mit dieser dramatischen, bildmächtigen und wagemutigen Inszenierung in der vordersten Reihe mit.

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