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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.05.2014

BilderbuchMit Löwenkraft gegen die Einsamkeit

Kim Fupz Aakeson, Julie Völk: "Das Löwenmädchen"

Von Sylvia Schwab

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Ein Löwe im Dresdner Zoo schaut in die Kamera des Fotografen, aufgenommen am 11.03.2012. (picture alliance / ZB / Martin Förster)
Als ein Großwildjäger neben Louise einzieht, flieht ihr Löwe nach Afrika. (picture alliance / ZB / Martin Förster)

Nicht von Stärke, sondern von ihrer Angst zeugt der große gelbe Löwe an der Seite von Louise im Bilderbuch von Kim Fupz Aakeson. Die Zeichnungen von Julie Völk sind grazil und zart und laden zum Entdecken und Staunen ein.

Louise hat einen großen gelben Löwen, der immer für sie da ist. Und weil er sie beschützt haben alle Respekt vor ihr und lassen sie in Ruhe. Die Kinder, die Lehrer, sogar ihre Mutter halten sich fern. Doch spätestens, als die Mutter Louise das Essen nur hinstellt und spät nach Hause kommt, sickert ganz leise die Erkenntnis durch: Es ist nicht so, dass alle sich von Louise fernhalten, weil sie sich vor ihrem Löwen fürchten, sondern umgekehrt. Louise hat sich ihren freundlichen Fantasie-Löwen erschaffen, weil sie einsam und ängstlich ist.

Oft denken sich Kinder in Büchern starke Freunde aus, um in einer schwierigen Umwelt Halt zu finden. Doch "Das Löwenmädchen" ist ein ganz besonderes Buch. Zauberhaft sind die Bilder von Julie Völk. Grazile Bleistiftzeichnungen ziehen sich zart über die Doppelseiten. Nahezu vollständig schwarz-weiß sind die Szenen auf der Straße, in der Schule, im Haus, im Kinderzimmer.

Surrealistische Zeichnungen

Leicht skurril in den Proportionen, magisch-märchenhaft in der Komposition: Riesengroß beugt sich der "Großwildjäger" über das Haus, winzig klein leuchtet die Straßenlaterne neben Louise, groß wie ein Teich ist die Kaffeetasse. Surrealistische Zeichnungen, die zum Entdecken und Staunen einladen. Umso intensiver leuchten darin die wenigen Farben: die rosafarbenen Kinderwangen, bläulich schattierte Fassaden, Louises roter Spielzeugvogel und riesig, knallgelb und lodernd wie eine Flamme der Löwe.

Dass eines Tages ein gefährlicher Großwildjäger nebenan einzieht und Louises Löwen mit seinem Gewehr bedroht, löst im dem kleinen Mädchen Panik aus und lässt den Löwen nach Afrika fliehen. Erst als Louise bereit ist, ihre Einsamkeit zu zugeben, zeigt sich, dass auch der Großwildjäger ein ängstlicher Junge ist, "mit nach innen gerichteten Fußspitzen".

Von Beobachtungen wie dieser lebt dieses wunderbare Buch und sagt so viel mehr über die Gefühlswelt von Kindern als lange adjektivreiche Beschreibungen von Befindlichkeiten. Wie überhaupt der Text klar, lakonisch und zugleich psychologisch "wahr" in seinen Bildern ist. So zeigt sich Louises Einsamkeit schon dadurch, dass sie die Namen der Kinder und Lehrer überhaupt nicht kennt. Erst mit dem Großwildjäger Martin bekommen Menschen Namen und aus Bezeichnungen werden Beziehungen.

Hommage an einen Bilderbuchklassiker

Julie Völks behutsame und ausdrucksstarke Bilder und Kim Fupz Aakesons eindringliche Geschichte ergänzen sich zu einem kleinen Bilderbuch-Kunstwerk. Das Löwenmädchen Louise macht mit Martins Hilfe erste Schritte aus seiner Fantasiewelt hinaus in die Realität.

Ihr Löwe mit seinem großen, sonnig-gelben Gesicht und seiner strahlenden Mähne sitzt auf dem Umschlagbild wie die aufgehende Sonne hinter der graziösen Silhouette französisch anmutender Häuser. Seine gelassene Stärke erinnert dabei sehr an den "Glücklichen Löwen" von Louise Fatio und Roger Duvoisin aus dem Jahr 1954. Dass das Löwenmädchen auch Louise heißt, kann da kein Zufall sein, sondern nur eine liebevolle Hommage an diesen schönen Bilderbuchklassiker.

 

Kim Fupz Aakeson, Julie Völk: Das Löwenmädchen
Aus dem Dänischen von Maike Dörries
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2014
32 Seiten, 14,95 Euro

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