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Rang I | Beitrag vom 09.06.2018

Bilanz-BildbandKritikloses Jubelbuch der Ruhrfestspiele

Von Stefan Keim

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Frank Hoffmann, der scheidende Intendant der Ruhrfestspiele (imago/teutopress)
Frank Hoffmann, der scheidende Intendant der Ruhrfestspiele (imago/teutopress)

Unter Frank Hoffmann als Intendant erreichten die Ruhrfestspiele in Recklinghausen immer neue Publikumsrekorde. "A World Stage – Auf Kohle geboren" heißt das nun erschienene Bilanzbuch. Eine Selbstbeweihräucherung – bis hin zur Verlogenheit, findet unser Kritiker.

Viele bedeutende Inszenierungen der vergangenen anderthalb Jahrzehnte waren in Recklinghausen zu Gast. Stefan Puchers "Othello" mit Alexander Scheer, Jana Schulz und Wolfram Koch, Dimiter Gotscheffs "Tartuffe", Michael Thalheimers konsequent konzentrierte "Emiia Galotti". Auch Claus Peymanns "König Lear" gehört in diese Reihe, ein vielschichtiges Alterswerk, das den oft gescholtenen Klassiker des Regietheaters mal wieder in alter Form zeigte.

Das Bilanzbuch der Ruhrfestspiele "A World Stage – Auf Kohle geboren" lässt sie alle Revue passieren – mit jeweils einem Foto. Natürlich können nicht alle in Recklinghausen gezeigten Inszenierungen auf diese Weise bedacht werden. Nur in einem Punkt ist die Publikation vollständig. Jede Inszenierung des Intendanten Frank Hoffmann wird abgebildet. Nicht nur die im großen Haus, auch die kleineren Arbeiten, die meist gar nicht in Recklinghausen Premiere hatten. Auch die beiliegende DVD streift die Arbeit anderer Regisseure nur kursorisch, im Mittelpunkt steht Frank Hoffmann.

Krasser Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung

Das steht im krassen Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung. Denn meistens erntete Frank Hoffmann für seine Inszenierungen Verrisse. Dass die Ruhrfestspiele in der Stellenbeschreibung seines Nachfolgers bewusst keinen regieführenden Intendanten suchten, spricht ebenfalls Bände. Hoffmann nutzt das Buch, um sich noch einmal in den Mittelpunkt zu rücken, auf Augenhöhe mit den Legenden George Tabori, Robert Wilson, Simon McBurney. Kritische Worte fehlen ohnehin gänzlich.

Nicht einmal Frank Castorf, der mit einem zwar höchst interessanten aber ökonomisch erfolglosen Programm die Ruhrfestspiele an den Rand des Ruins brachte, bekommt sein Fett weg. In Hoffmanns Welt wird nur gelächelt, alles ist toll. Zumindest nach außen. Dabei hat der Luxemburger unstrittige Verdienste. Er hat das Festival nach dem Castorf-Missverständnis sehr schnell wieder aufgebaut, auf ein sicheres Fundament gestellt, eine angenehme Atmosphäre geschaffen und dann mit großer Offenheit nach neuen und ungewöhnlichen Impulsen gesucht. Zwischen etablierten Bühnen und Off-Theatern macht Hoffmann keinen Unterschied. Rückblickend erzählt er den Anfang seiner Intendanz so:

"Sie war nicht die Herkulesaufgabe als die ich sie damals bezeichnet habe, sondern es war fast ein Spaß, eine Freude. Meine Schultern waren immer leicht bei dieser Aufgabe, denn die Menschen haben mich von Anfang an angenommen. Mit dieser Unterstützung kann man Berge versetzen."

Dunkler Fleck auf der blütenweißen Bilanz

Das Angebot wuchs und wuchs. Irgendwann wurde es völlig unübersichtlich. An manchen Abenden gibt es drei Festivalpremieren gleichzeitig. Manche Produktionen fallen dabei hinten rüber und werden vor traurigen Kulissen abgespielt. Doch ökonomisch fällt das nicht ins Gewicht, die Masse macht's. Frank Hoffmann gelang es, viele Premieren großer Häuser und Uraufführungen nach Recklinghausen zu holen. Das sicherte die Aufmerksamkeit der Feuilletons, auch wenn viele Rohrkrepierer dabei waren. Das Publikum freute sich über eine Vielzahl nationaler wie internationaler Stars, bekannt aus Film und Fernsehen.
 
"Hollywoodstar Kevin Spacey sorgt zuerst 2006 für Aufmerksamkeit. Und gibt sich zwei Jahre später zusammen mit Jeff Goldblum erneut die Ehre."

Dass Kevin Spacey heute außerhalb von Recklinghausen nicht mehr begeistert hofiert wird, kommt in der DVD-Dokumentation nicht vor. Das wäre ja ein dunkler Fleck auf der blütenweißen Bilanz. Natürlich darf man solche Abschiedsbücher nicht für theaterhistorische Abhandlungen halten. Menschen, die sie kaufen, wollen sich an schöne, inspirierende Momente erinnern. Doch in "A World Stage" wird die Grenze zur Verlogenheit oft touchiert und manchmal überschritten. Die hemmungslose Selbstbeweihräucherung wirkt unangenehm eitel. Frank Hoffmanns Bilanz ist gemischt. Als Intendant hatte er Erfolg, als Regisseur blieb er Mittelmaß.

A World Stage – auf Kohle geboren - Die Ruhrfestspiele Recklinghausen unter Frank Hoffmann
Herausgegeben von Frank Hoffmann und Harald Müller
Mit zahlreichen farbigen Abbildungen
Paperback mit 304 Seiten, 28 Euro

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