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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 10.05.2014

Bibliothek der ExilantenVerbotene Bücher am Boulevard Arago

Am 10. Mai 1934 wurde die "Deutsche Freiheitsbibliothek" in Paris eröffnet

Von Dirk Fuhrig

Bunte Berliner Buddy-Bären und ein zwölf Meter hoher Bücherstapel, auf dem Bebelplatz in Berlin, im Hintergrund die Humboldt-Universität,  aufgenommen im Juni 2006. Die Skulptur (l) "Der moderne Buchdruck" gehört zur Imagekampagne "Land der Ideen" zur Fußball- Weltmeisterschaft. Die Wahl des Standorts soll auch an die Bücherverbrennung durch die Nazis am 10.Mai 1933 auf dem Bebelplatz, dem damaligen Opernplatz, erinnern. Foto: Hans Wiedl (picture alliance/dpa/Hans Wiedel)
Bücherskulptur am Berliner Bebelplatz: Ein Jahr nachdem die Nazis hier Bücher verbrannten, wurde in Paris die "Deutsche Freiheitsbibliothek" eröffnet. (picture alliance/dpa/Hans Wiedel)

Genau ein Jahr nach den Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten gründeten mehrere aus Deutschland geflohene Schriftsteller mit der Unterstützung französischer und britischer Intellektueller in Paris die "Deutsche Freiheitsbibliothek". Dort wurden die im Reichsgebiet verbotenen Schriften zugänglich gemacht. Am 10. Mai 1934 wurde sie eröffnet.

"Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser, Erich Kästner."

1933 wurden auf dem Berliner Opernplatz und überall in Deutschland Bücher verbrannt, die den Nationalsozialisten "undeutsch" erschienen. Als Reaktion auf die Schändung der Werke von Hunderten der bedeutendsten Autoren richteten führende europäische Intellektuelle am 10. Mai 1934 im französischen Exil einen Ort ein, der der verfemten Literatur eine Heimat geben sollte.

"In Paris wurde am ersten Jahrestag der Bücherverbrennung die sogenannte Deutsche Freiheitsbibliothek– bibliothèque des livres brûlés – gegründet."

Der Journalist und Literaturwissenschaftler Alfred Kantorowicz, war einer der Haupt-Initiatoren dieser "Bibliothek der verbrannten Bücher".

"Bei der Eröffnung der Deutschen Freiheitsbibliothek sprachen Alfred Kerr und Egon Erwin Kisch in deutscher, die französischen Schriftsteller Edmond Fleck und Lenormand in ihrer Muttersprache."

Heinrich Mann, Kurt Tucholsky und Bertolt Brecht waren ebenso im Exil in Frankreich wie Anna Seghers, Lion Feuchtwanger oder Walter Benjamin.

"Von 1933 bis zum Ausbruch des Krieges war die unbestrittene Hauptstadt der geistigen Emigration Paris."

Der überzeugte Kommunist Alfred Kantorowicz - Ende der 20er-Jahre Frankreich-Korrespondent der Vossischen Zeitung - hatte Deutschland schon kurz nach Hitlers Machtübernahme verlassen müssen und lebte bereits wieder in Paris, als die Scheiterhaufen für die Literatur errichtet wurden:

"Ich übergebe dem Feuer die Schriften des Erich Maria Remarque. Verschlinge Flamme auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky."

Hort für verfolgte Künstler und Freigeister

"Hier sei nur kurz gesagt, dass die Bibliothek einen wesentlichen Teil aller im Machtbereich Hitlers verbotenen, verbrannten und unterdrückten und zensurierten Bücher und Schriften sammelte und darüber hinaus auch Hauptwerke aller Zeiten der deutschen Literatur zur Verfügung stellen konnte."

So Alfred Kantorowicz. Heinrich Mann, damals 64 Jahre alt, übernahm das Amt des Präsidenten. In England hatte der Schriftsteller H.G. Wells einen Förderkreis gegründet. Ehrenvorsitzende wurden André Gide sowie der Literatur-Nobelpreisträger Romain Rolland. Der Deutschland-Kenner und Kriegsgegner Rolland war einer der wortmächtigsten Unterstützer der Exilanten:

"Ja, ich bin mit Euch – Euch! -, dem besseren Deutschland, dem unterdrückten, vertriebenen, aber unbesieglichen Deutschland, das leidet, aber kämpft. Bei Euch sind Goethe und Beethoven, bei Euch sind Lessing und Marx. Sie sind mit Euch in dem Kampf, den Ihr führt."

Den Grundstock für die Bibliothek bildete die private Büchersammlung, die Alfred Kantorowicz in seinem Hotelzimmer zusammengetragen hatte. Schriften von Heinrich Heine bis Heinrich Mann ebenso wie historische und andere wissenschaftliche Werke, besonders zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Bis zu 20.000 Bände, dazu Zeitungsausschnitte und Flugblätter - gesammelt auf zwei Etagen am Boulevard Arago 65 im 13. Pariser Arrondissement, die durch die Vermittlung französischer Unterstützer gemietet werden konnten.

Die Bibliothek, von einem Dutzend ehrenamtlicher Mitarbeiter geführt, war täglich geöffnet von 15 Uhr bis 18 Uhr. Es gab Lesungen, Konzerte, Theateraufführungen – und eine Heizung. Das beschaulich in einem Garten gelegene Künstlerhaus "Cité fleurie" wurde damit zu einer Anlaufstelle für die Exilanten, denen der Kontakt zu ihrer Sprache und Kultur abgeschnitten war.

Lion Feuchtwanger, Mit-Gründer der Freiheitsbibliothek, erinnerte sich später:

"Im Übrigen bin ich deutscher Schriftsteller und wenn ich deutsche Bücher lese, habe ich das Gefühl, ich unterhalte mich mit dem Autor."

Als im September 1939 offiziell der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich beginnt, wird die Bibliothek von der französischen Polizei geschlossen, die Bestände werden konfisziert. Die deutschen Exilanten werden – absurderweise, denn alle waren ja Hitler-Gegner – als "unerwünschte Ausländer" verhaftet. Kantorowicz kommt mit Lion Feuchtwanger, Walter Benjamin und vielen anderen in das Internierungslager "Les Milles" in der Provence. Beim Einmarsch der deutschen Truppen in Paris 1940 wird die Bibliothek vermutlich zerstört. Ein kleiner Teil der Bücher vom Boulevard Arago sollte später in den Beständen der französischen Nationalbibliothek auftauchen.

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