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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.01.2010

BfS-Präsident rechnet mit über 1,5 Milliarden Euro für Asse-II-Schließung

König schließt Gefahr von Notfällen nicht aus

Wolfram König im Gespräch mit Nana Brink

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Die Schließung von Asse II könnte teuer werden. (AP)
Die Schließung von Asse II könnte teuer werden. (AP)

Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), erwartet Kosten von mehr als 1,5 Milliarden Euro für die Schließung des Atommülllagers Asse. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass es noch keine "belastbaren Schätzungen" gebe.

Nana Brink: Ich spreche jetzt mit Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz. Einen schönen guten Morgen, Herr König.

Wolfram König: Guten Morgen, Frau Brink.

Brink: Das Bundesamt ist ja auch der Betreiber des Atommüll-Lagers Asse. Sie haben die Bergung aller Fässer angekündigt. Wie realistisch ist das wirklich?

König: Wir haben, als wir das letztes Jahr übernommen haben, diese Anlage, eine Bedingung vorgefunden, die mit einer sicheren Endlagerung von radioaktiven Abfällen nicht vereinbar ist, und wir mussten unter den sehr schwierigen Bedingungen, die wir vorgefunden haben, die bestmögliche Lösung herausfinden, und dafür haben wir drei verschiedene Varianten geprüft.

Am Ende ist herausgekommen, nachvollziehbar in einem offenen und transparenten Verfahren, dass die Rückholung derzeit jedenfalls mit dem Kenntnisstand, den wir haben, die bestmögliche Lösung darstellt.

Brink: Was wissen Sie wirklich zuverlässig über den Zustand der Atommüll-Fässer?

König: Wir haben natürlich umfangreiche Daten hinsichtlich der Einlagerung, wie sie dokumentiert worden sind. Wir wissen aber auch, dass diese Dokumente nicht vollständig sind.

Das heißt, wir haben keine Dokumentationen in den 60er- und 70er-Jahren gehabt der Abfälle, wie wir sie heute für notwendig erachten. Das heißt, es gibt große Unsicherheiten, welche Stoffe wirklich in der Anlage liegen, und – das ist das zweite Problem – wir wissen nicht, in welchem Zustand die Fässer und die Abfälle in den einzelnen Kammern sind.

Das heißt, wir müssen zunächst uns einen genaueren Einblick verschaffen, wie diese Abfälle in den Kammern noch vorhanden sind, und daran wird sich dann messen lassen, wie lange wir brauchen und wie wir mit ferngesteuerten Werkzeugen diese Abfälle auch dann herausholen können, welche Schwierigkeiten damit verbunden sein können.

Brink: Aber was bedeutet das denn in der Endkonsequenz, wenn die Fässer zu marode sind? Verbleiben sie dann doch im Atomlager Asse?

König: Wir haben schon angenommen, dass die Fässer zerstört sind, dass sie zerfressen sind, dass wir mit Flüssigkeiten zu tun haben, aber der genaue Zustand, der ist natürlich nicht bekannt. Das können wir erst durch das repräsentative Öffnen von einzelnen Kammern dann erfahren, und dann wird eine Bewertung vorgenommen, wie das weitere Rückholverfahren aussieht.

Das Problem ist, dass wir gleichzeitig Standsicherheitsprobleme haben, und derzeit sagen die Experten, wir haben noch zehn Jahre Zeit hinsichtlich der Standsicherheit. Wir wollen diese Zeit verlängern, aber es ist eben nicht ausgemacht, dass wir die Zeit wirklich auch haben.

Wir können nicht ausschließen, dass wir letztendlich in dieser Phase mit Notfällen konfrontiert sind, insbesondere dass eben ein Wasserzufluss erfolgt, der so hoch ist, dass wir ihn nicht mehr beherrschen können, und dann können wir nur noch Notfallmaßnahmen ergreifen.

Brink: Wie sähen denn diese Notfallmaßnahmen aus?

König: Die Notfallmaßnahmen sehen so aus, dass wir zumindest versuchen, technische Barrieren aufzubauen, zwischen den eingelagerten Abfällen und Abfallkammern gezielte Flutungen vorzunehmen, damit nicht sozusagen das Einlaufen von Salzwasser noch mehr Schaden anrichtet. Auf jeden Fall ist mit diesen Maßnahmen nicht die Langzeitsicherheit zu gewährleisten, wie wir sie für notwendig erachten.

Brink: Das klingt ja, gelinde gesagt, ziemlich prekär. Viele Fässer liegen doch schon seit 40 Jahren dort.

König: Das ist richtig. Die liegen in Kammern, sehr unterschiedlich gestapelt, abgekippt. Schon beim Einlagern ist bekanntermaßen es zur Öffnung dieser Fässer gekommen.

Brink: Aber wieso reagieren Sie dann erst jetzt?

König: Na ja, wir haben nicht erst jetzt reagiert, sondern die Politik hat entschieden, dass der alte Betreiber abgelöst wird und wir seit einem Jahr die Zuständigkeit übertragen bekommen haben, und wir versuchen jetzt, systematisch diese Fehler der Vergangenheit aufzuarbeiten.

Aktiv seit einem Jahr wird das gesamte Bergwerk mit seinen Sicherheitsanforderungen verbessert für den laufenden Betrieb, und wir müssen parallel Pläne erarbeiten, wie wir für auch zukünftige Generationen die Sicherheiten gewährleisten können, und dieses wollen wir und können wir nach dem jetzigen Kenntnisstand nur durch die Rückholung der Abfälle.

Brink: Wo lagern Sie denn diese Fässer, die Sie aus dem Schacht, aus dem maroden Salzstock Asse herausholen? Im Gespräch ist ja der Schacht Konrad im nahegelegenen Salzgitter. Oder auch das geplante Endlager in Gorleben?

König: Zuerst müssen die Abfälle vermessen werden. Wir müssen dann sortieren. Es muss konditioniert werden, es muss neu verpackt werden, es muss die Sicherheit hergestellt werden, die wir an ein modernes Endlager zu stellen haben, und es gibt in Deutschland ein Endlager für derartige Stoffe: Das ist Konrad. Schacht Konrad wird derzeit ausgebaut. Bei Schacht Konrad sind alle die Sicherheitsnachweise erbracht worden, die für die Asse gefordert worden sind, nämlich vor einer Einlagerung nach Atomrecht die Sicherheitsnachweise zu erbringen.

Es ist jüngst noch mal durch Gerichtsbeschluss bestätigt worden das Verfahren. Wir haben hier das einzige gerichtsfeste Endlager, was auch nach dem aktuellen Stand des Wissens und der Technik eingerichtet wird. Aber – und das muss auch dazu gesagt werden – die Mengenbegrenzungen, die in der Genehmigung dort existieren, machen klar, dass nicht alle Abfälle aus der Asse eins zu eins ohne ein neues Genehmigungsverfahren nach Konrad gebracht werden können.

Brink: Wo kommen sie dann hin?

König: Sie müssen zunächst zwischengelagert werden. Das ist klar: Wir brauchen das Zwischenlager. Das ist geplant vor Ort, weil wir auch dort die Konditionierung der Abfälle vornehmen müssen. Dann, wenn das Endlager zur Verfügung steht, dann werden die Abfälle in so ein Endlager gebracht.

Brink: Was wird denn die Auslagerung der Fässer kosten? Haben Sie da schon einen Überblick?

König: Nein. Wir haben keine belastbaren Schätzungen. Wir können nur Analogieschlüsse vornehmen. Das Schließen von Morsleben – das ist auch ein Endlager aus der DDR-Zeit, was aber auch noch in der bundesrepublikanischen Zeit genutzt worden ist -, dort rechnen wir mit rund 1,5 Milliarden Euro für das Schließungsprojekt.

Hier wird es sicherlich beim Rückholen mehr sein in der Asse. Aber die Frage der Kosten war nicht Gegenstand des Abhebungsprozesses, sondern uns geht es darum, unter den schwierigen Bedingungen die größtmögliche Sicherheit für diese Anlage herzustellen, und da darf Geld jedenfalls nicht die entscheidende Rolle spielen.

Brink: Die Grünen haben ja schon gefordert, der baden-württembergische Energiekonzern EnBW müsste für die Auslagerung mitbezahlen. Wie sehen Sie das?

König: Ich glaube, dass es richtig ist, dass die Bundesregierung im Koalitionsvertrag festgelegt hat, dass man die Energieversorger mit heranziehen will für die Sanierung der Asse. Hier sind Lasten vorhanden, die aus der Nutzung der Kernenergie entstanden sind.

Es ist rechtlich zurzeit nicht möglich, unmittelbar die Betreiber von solchen Anlagen heranzuholen für die Kostenerstattung, aber ich glaube, dass es zumindest eine moralische Verpflichtung gibt, und ich glaube, dass der Weg, den die Bundesregierung jetzt gehen wird, der richtige ist, nämlich über Verhandlungen die Energieversorger mit heranzuziehen für diesen sehr hohen Beitrag für die Sanierung der Asse.

Brink: Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, und wir sprachen über die Bergung des Atommülls im Lager Asse. Vielen Dank für das Gespräch.

König: Auf Wiederhören.

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