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Dienstag, 12.12.2017

Im Gespräch | Beitrag vom 07.10.2017

Betreuung am LimitWie kann Pflege besser werden?

Moderation: Matthias Hanselmann

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Altenheimbewohner und Altenpflegerin (Sebastian Willnow/ dpa-Zentralbild)
Eine ganz persönliche Betreuung ist nur in wenigen Pflegeheimen möglich. (Sebastian Willnow/ dpa-Zentralbild)

Die meisten Menschen möchten alt werden – alt sein will dagegen kaum jemand. In Deutschland leben knapp drei Millionen Pflegebedürftige, und die Zahl wird noch erheblich steigen. Wir diskutieren darüber, wie sich die Situation der Pflegebedürftigen und der Mitarbeiter verbessern lässt.

Einer Prognose des Bundesgesundheitsministeriums zufolge werden im Jahr 2050 mehr als 4,3 Millionen Menschen betroffen sein. Jeder Zehnte in Deutschland wäre dann älter als 80 Jahre. Bis dahin muss sich viel ändern in der Pflege: bereits heute herrscht ein großer Personalmangel, die Klagen über schlecht geführte Heime häufen sich. Bis 2030, so der Deutsche Pflegerat, werden 300.000 Pflegekräfte fehlen, davon allein 200.000 in der Altenpflege.

Verletzte Menschenwürde

"Die Würde von pflegebedürftigen Menschen wird jeden Tag verletzt", sagt Armin Rieger, Leiter eines privaten Pflegeheimes in Augsburg. Der 59-Jährige ist ein Quereinsteiger in der Branche: er war zunächst Polizist, wollte dann als Inverstor Geld mit der Pflege verdienen. Durch seine Erfahrungen in der Branche wurde er zu einem vehementen Kritiker unseres Pflegesystems. Gefälschte Abrechnungen, manipulierte Dienstpläne, Einsatz von unqualifiziertem Personal – dies alles sei an der Tagesordnung.

"Ich musste feststellen, dass es schwierig bis unmöglich war, mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Personalschlüssel eine gute und menschenwürdige Pflege zu gewährleisten."

Über die Missstände hat er ein Buch geschrieben: "Der Pflegeaufstand – Ein Heimleiter entlarvt unser krankes System".

Pflege als Chefsache der Regierung

"Der Pflegebereich hat seine Unschuld verloren", sagt Prof. Dr. Stefan Görres, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Public Health und Pflegeforschung (IPP) an der Universität Bremen.

"Die künftige Regierung muss die Pflege mehr zur Chefsache machen. Es ist ein wichtiges Thema, weil die Pflege Ausdruck dessen ist, wie eine Gesellschaft human aufgestellt ist. Es ist auch eine Kulturfrage: Wie geht eine Gesellschaft mit dem Thema um? Wie geht sie mit älteren Menschen um?"

Dafür müsse sich aber das Renommee der Pflegeberufe ändern. Sie stünden nicht oben in der "Hitparade der Berufe", zum einen wegen der hohen psychischen und physischen Belastung, aber auch wegen der zu geringen Bezahlung.

Der Pflegewissenschaftler setzt auch auf Vorbeugung:

"Wir brauchen mehr Prävention, um die Phase, in der die Menschen pflegebedürftig sind, nach hinten zu verschieben. Und das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern, dass die Menschen gesünder leben – und das nicht erst im Alter. Das ist ein Bereich, den wir sträflich vernachlässigt haben. Und wenn wir nicht überrollt werden wollen, müssen wir mehr investieren."

Am Limit – Wie kann Pflege besser werden? Darüber diskutiert Matthias Hanselmann am Samstag von 9:05 Uhr bis 11 Uhr mit Armin Rieger und Stefan Görres. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de – sowie auf Facebook und Twitter.

Mehr zum Thema

Die Schattenseiten der Pflege - Wenn Patienten aggressiv werden
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 06.10.2017)

Was brauchen die Menschen in Deutschland wirklich? - Das sagt die Altenpflegerin
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 23.09.2017)

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