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Freitag, 15.12.2017

Die Reportage | Beitrag vom 08.10.2017

Besuch in BaljvineDas bosnische Dorf ohne Krieg

Von Diane Arapovic und Deana Mrkaja

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(Deutschlandradio/Arapovic/Mrkaja)
Baljvine - das bosnische Dorf, an dem der Krieg fast vorüber ging - hat heute noch 300 Einwohner. (Deutschlandradio/Arapovic/Mrkaja)

Vor 25 Jahren brach im ehemaligen Jugoslawien einer der blutigsten Bürgerkriege aus. Eigentlich müssten auch in dem bosnischen Dorf Baljvine Muslime und Serben bis aufs Messer verfeindet sein. Sind sie aber nicht - und waren es nie. Damals wie heute leben sie friedlich miteinander.

"Wow, was ist das hier? Ist das 'ne alte Burg?"

"Ne alte Festung."

"Guck mal die Kuh!! Ne Kuh, mitten auf der Straße."

"Aah, Vorsicht! Wo will die denn hin?"

Das sind wir, Diane und Deana, mitten in Bosnien auf einer Landstraße. Wir fahren hier gerade am Vrbas entlang, einem  Gebirgsfluss voller wilder Stromschnellen. Neben und teilweise über uns ragen meterhohe Felswände empor. Weit über uns ein strahlend blauer Himmel. Es ist August und das Autothermometer zeigt 39,5 Grad an.

Wir sind unterwegs nach Baljvine, um herauszufinden, ob es tatsächlich das Dorf ohne Krieg ist, von dem in einem bosnischen Fernsehbeitrag die Rede war. Laut Karte liegt es etwa 50 Kilometer südlich von Banja Luka, der Verwaltungshauptstadt der Republika Srpska. Mit dem Friedensvertrag von Dayton, der den Bürgerkrieg im Dezember 1995 beendete, entstanden zwei Teilstaaten innerhalb von Bosnien und Herzegowina - einer für die bosnischen Muslime und Kroaten: die sogenannte Föderation. Und einer für die bosnischen Serben: die Republika Srpska.

Tödliche Minen – auch 25 Jahre nach dem Krieg

Das Navi hat uns mittlerweile von der Landstraße am Fluß weggeführt und zwingt unser kleines Auto enge Serpentinen hoch zu fahren. Um uns herum nur Berge und Wälder. Kaum vorstellbar, dass hier oben noch Menschen wohnen. Am Straßenrand steht eine Karte, auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine Wanderkarte - aber diese hier warnt vor scharfen Minen in der Umgebung.

Kein Mensch auf der Straße. Dafür fallen uns in den Gärten kleine Häuschen auf, die aussehen wie Außentoiletten. Und das obwohl die meisten Häuser so wirken, als wären sie nicht älter als 20 Jahre. Ganz oben auf dem Berg, dem höchsten Punkt in der Umgebung, steht eine Kirche. Auf dem Kirchturmdach ragt das christlich-orthodoxe Kreuz in die Höhe und an einem Fahnenmast flattert die serbische Nationalflagge im heißen Wind.

Plötzlich sehen wir einen älteren Mann auf uns zukommen, in kurzen Hosen und Sandalen. Das braune, verschwitzte Hemd ist bis zu seinem stattlichen Bauchansatz aufgeknöpft. Der Mann heißt Ivo und will wissen, was wir hier machen. Wir sagen ihm, dass wir Radiojournalistinnen sind. Beim Stichwort Deutschland ist Ivo plötzlich nicht mehr zu halten.

"Tübingen, Reutlingen, Esslingen, Sindelfingen, Balingen..."

Oben leben die Serben, unten die Muslime

Ivo kennt sich in Süddeutschland offenbar gut aus. Mit 16 hat er Baljvine verlassen, um auf deutschen Baustellen zu arbeiten. In drei Monaten geht er in Rente, erzählt er uns und dann will er für immer in sein Heimatdorf zurückkehren. Und er vermutet auch richtig, warum wir - die Journalistinnen – hier her gekommen sind.

Oben leben die Serben, unten die Muslime, erklärt er uns. Und das hier sei  das einzige Dorf in ganz Bosnien und Herzegowina, in dem sich Serben und Muslime nicht bekriegt hätten. Bis heute leben sie in Frieden miteinander. Auf unsere Frage, warum das so sei, lädt er uns zu sich nach Hause ein: zu Kaffee und Schnaps.

Etwa 200 Meter unterhalb der Kirche empfängt uns Ivo in seinem Grillhaus. Ein gemauertes Ein-Raum-Häuschen mit Fenstern ohne Rahmen und Gläser, durch die man in Richtung Tal und somit auf den muslimischen Teil des Dorfes gucken kann. Auf der einen Seite des Raumes ist ein großer Steinofen angebracht, den Ivo selbst gebaut hat, groß genug um darin ein ganzes Spanferkel zu grillen. An dem langen Tisch in der Mitte des Raumes sitzen zwei Freunde von Ivo, Nachbarn aus dem serbischen Dorfteil, wie wir erfahren.

Dann wollen wir aber wissen, warum das hier das Dorf ohne Krieg sein soll. Der Mann, der uns als der Förster des Dorfes vorgestellt wurde, antwortet.

"Natürlich gab es hier auch Krieg, aber hier leben ja nur gute Menschen und die haben sich eben nicht bekriegt."

Und dann sagt er noch, dass er stolz sei auf diese Geschichte. Die Menschen hier würden sich einfach untereinander verstehen. Sie hätten immer gemeinsam gelebt, selbst während des Krieges. Hier habe nie jemand gefragt, wer was ist und das sei auch bis heute nicht wichtig.

Kaum zu glauben, denn im Rest des Landes bricht im Sommer 1992 der Bürgerkrieg aus. Und innerhalb von wenigen Wochen nehmen Truppen der bosnischen Serben bis zu 70 Prozent des Landes ein. Dörfer, in denen Muslime, Kroaten und Serben vorher gemeinsam lebten, werden ethnisch gesäubert. Im Klartext: vertrieben, deportiert oder auch getötet.

Auch in der nächst größeren Stadt - nur 20 Kilometer von Baljvine, werden mit dem Einmarsch der Armee der bosnischen Serben alle Muslime vertrieben. Und auch in Baljvine marschieren kurz darauf Soldaten ein und übernehmen die Kontrolle.

Zu Beginn des Krieges leben hier etwa 1200 Menschen, ungefähr die Hälfte sind Bosniaken, also bosnische Muslime. Ihr Schicksal liegt nun in den Händen der einmarschierenden Truppen. Und es entscheidet sich in einem Zusammentreffen zweier Menschen: Dem serbischen General, der damals in der Gegend die Befehlsgewalt hatte und dem ältesten Muslim im Dorf, der mittlerweile verstorben ist.

Gelebte Nachbarschaft 

Der serbische General fragte den alten Muslim, ob er und seinesgleichen ihren serbischen Nachbarn gegenüber loyal seien. Der Muslim bejahte. Dann fragte der General: Dürftest du jetzt einfach zu einem serbischen Nachbarn ins Haus gehen? Daraufhin antwortete der Muslim: Lass uns gehen! Der Muslim suchte das Haus eines serbischen Freundes auf. Beim Eintreten in das Haus rief der Serbe seinem Freund von weitem zu, er solle sich schon mal Rakija einschenken. Dann erst sah der Serbe den General und sie begrüßten sich. Der General war überrascht über das Verhältnis der beiden und sagte: Weder bist du Serbe, noch du Muslim! Von diesem Zeitpunkt an, ließen die Truppen der bosnischen Serben die Muslime in Baljivine in Ruhe.

Außerhalb der Dorfgrenzen geht der Krieg aber weiter. Für die Männer aus dem serbischen Teil Baljvines bedeutet das, jeden Tag an die Front zu gehen. Ivo erzählt uns von einer typischen Situation in Baljvine während des Krieges.

"Mein muslimischer Freund saß bei seinem serbischen Freund und hat mit ihm Bier getrunken, während der sich für den Krieg fertig gemacht hat, um an die Front zu gehen. Beim Abschied sagte er zu ihm 'Pass auf Deinen Kopf auf'."

Die Serben hätten Waffen gehabt, sagt Ivo, die Muslime nicht. Die Serben hätten die Muslime also innerhalb von 24 Stunden umbringen können, wenn sie das gewollt hätten - wollten sie aber nicht.

Plötzlich springt Ivo auf und läuft ans Fenster. Ein Traktor fährt am Haus vorbei, darauf zwei Männer in Arbeitsklamotten. Wie sich herausstellt, sitzen auf dem Traktor ein Serbe und ein Moslem aus dem Dorf. Sie sind gemeinsam unterwegs zum Holz hacken. Ivo ruft ihnen zu, dass sie ins Haus kommen sollen, weil wir - also Journalisten aus Deutschland - da sind. Er wolle uns zeigen, wie gut sich Serben und Muslime hier verstehen.

Die beiden Männer steigen von dem Fahrzeug herunter und kommen ins Haus. Für uns ziehen sie scherzhaft eine extra freundliche Begrüßungsshow ab. Sie laufen mit weit geöffneten Armen aufeinander zu, umarmen sich, klopfen sich auf die Schulter, Ivo bietet einem der beiden – offensichtlich dem Muslim - mit großer Geste einen Stuhl an.

Jeder beschützt jeden – aus Tradition

Ich frage in die Runde, warum sich ausgerechnet in diesem Dorf Serben und Muslime so gut verstehen. Dragan, der Ex-Soldat antwortet zuerst. Das sei ganz einfach, sagt er. Im Zweiten Weltkrieg hätten unsere Nachbarn sie beschützt und dann hätten die Serben die Muslime beschützt. Und Zahim, der Muslim vom Traktor, bekräftigt das.

"Sie haben immer wie Brüder gelebt, und diese Geschichte geht hundert Jahre zurück. Es hat nichts Aktuelles, also es hat sich nie auf den Bosnienkrieg bezogen, es geht um ne Tradition."

Die wichtigste Regel scheint für Zahim aber zu sein, dass es zwischen den Serben und Muslimen aus dem Dorf keine Ehen gebe. Niemals. Die anderen Männer stimmen ihm zu.

(Deutschlandradio/Arapovic/Mrkaja)Baljvine hat keine Wasserleitungen. Die Dorfbevölkerung improvisiert. (Deutschlandradio/Arapovic/Mrkaja)

Und dann muss Zahim wieder zurück an die Arbeit. Aber sie würden sich ja  morgen noch auf dem Kirchenfest wieder sehen, ruft Ivo ihm hinterher. Morgen gibt es nämlich ein großes Fest an der orthodoxen Kirche, wie uns Ivo erklärt, zu Ehren des Heiligen der Kirche. Und gesponsort von Ivo, dem Rückkehrer. Natürlich sind wir Journalistinnen auch eingeladen.

Kann das alles so passiert sein wie Ivo und seine Freunde es uns erzählt haben? Bislang hattet ihr ja – bis auf Zahim - nur die serbische Seite gehört …Was aber ist mit den anderen Muslimen im Dorf? Wie haben sie die Kriegszeit erlebt? Ist es auch für sie das Dorf ohne Krieg gewesen - ist es das bis heute?

Genau mit diesen Fragen sind wir am nächsten Tag gleich wieder nach Baljvine gefahren. Unser erstes Ziel: der Dorfladen im muslimischen Teil. Ivo hat uns am Vortrag noch erklärt, wo er genau ist, damit wir nicht schon wieder daran vorbei fahren. Der Laden versteckt sich in einer Seitenstraße und besteht aus einem Raum mit einer alten Verkaufstheke. Die Regale dahinter sind karg bestückt mit Konserven, Nudelpackungen, ein wenig Obst und Gemüse.

Vor dem Laden und gegenüber an der anderen Hauswand sitzen fünf, sechs Leute auf alten Holzbänken und Plastikstühlen im Schatten. Wie bereits am Vortag treffen wir auch heute keine jungen Dorfbewohner. Keiner hier vorm Laden scheint jünger als 50 zu sein. Vor manchen steht eine Bierflasche auf dem Boden.

Wir erfahren, dass die meisten Muslime während des Krieges im Dorf geblieben sind. Inmitten des serbischen Territoriums, besetzt von den Soldaten der bosnischen Serben. Während im Rest des Landes in vielen Orten Flucht und Vertreibung den Alltag bestimmen. Doch als sich im Sommer 1995, also rund dreieinhalb Jahre nach dem Auftritt des Generals in Baljvine der Kriegsverlauf ändert, bekommen das auch die Dorfbewohner zu spüren. An allen Fronten wird gekämpft.

In mehreren großangelegten militärischen Offensiven drängen Soldaten der kroatischen Armee die Truppen der bosnischen Serben zurück. Auf die Zivilbevölkerung wird wenig Rücksicht genommen. Wer nicht flieht, riskiert sein Leben.

"Die Granaten fielen die ganze Zeit und sie wären alle gestorben, wenn sie nicht gegangen wären."

Serbische Soldaten warnen alle Dorfbewohner

Zu Fuß sind sie den Berg hinunter zum Fluss. Es waren serbische Soldaten, die sie gewarnt und zum Fluss begleitet hätten, erzählt uns der Ladenbesitzer - und zwar alle Dorfbewohner, sowohl alle serbischen als auch alle muslimischen.

Die Soldaten brachten sie unter einer Brücke in Sicherheit. Drei oder vier Nächte hätten sie sich dort versteckt, so genau wisse er das nicht mehr. Dann seien Busse gekommen und hätten die Serben in serbisches Gebiet nach Banja Luka gebracht und die Muslime in Gebiete, die zu dieser Zeit wieder unter bosniakischer Kontrolle waren.

Wir wollen wissen, wann er wieder nach Baljvine zurückgekehrt ist und wie es dann weiterging. Ziemlich schnell nach Dayton, sagt er und meint damit den Friedensvertrag, der am 14. Dezember 1995 von den Vertretern der Konfliktparteien unter Aufsicht der USA und der EU unterzeichnet wurde. Das Dorf sei völlig zerstört gewesen, erinnert er sich. Aber er sei glücklich gewesen wieder zuhause zu sein und seine Nachbarn lebend wiederzusehen. 

Etwa hundert Meter vom Laden entfernt, steht die kleine Moschee des Dorfes. Wir wollen wissen, wann denn zum Gebet gerufen wird. Die Frage löst Erheiterung in der Runde aus. Gegen eins müsste das sein, sagt der gelbe Muslim. Aber wer gehe da schon hin, fragen die anderen. Der Hoca, falls wir Glück haben, sagt eine Frau. Aber eigentlich gehe nicht einmal er zuverlässig zum Gebet.

Hoca nennen sie hier den obersten Geistlichen im Dorf, den Imam der Moschee. Wir beschließen auch zu ihm zu gehen, um ihn zu fragen, welche Erklärung er dafür hat, dass sich die Menschen hier im Krieg nicht bekriegt haben.

Er sei erst seit sieben Jahren in Baljvine, erzählt uns der Prediger, aber seit er von der Geschichte dieses Dorfes erfahren habe, sei er sofort davon angetan gewesen. Denn diese Geschichte sei seit Jahrzehnten geprägt von Frieden, Nachbarschaft und Toleranz zwischen Serben und Muslimen. Das seien Menschen, sagt er, zwischen denen es keine Grenzen gebe.

Ein schwarzer glänzender BMW kommt angefahren und stoppt für einen Moment neben dem Haus. Ein Mann, ungefähr im gleichen Alter wie der Imam, lehnt sich aus dem Fenster und winkt.

Imam und Priester unterrichten beide in der Dorfschule

Man kann das, was sie da sagen, vielleicht am besten so übersetzen: "Na, alles klar Kollege, wie gehts?", darauf die Antwort vom Imam - ziemlich kumpelig: "Wo steckst du, du alter Bastard?" Und dann erklärt er uns, dass das sein Kollege gewesen sei - der Priester von der orthodoxen Kirche. Sein Kollege auch deshalb, weil sie beide in der gemeinsamen Dorfschule unterrichten. Jeder seine Religion. Die Begegnung eben sei doch ein perfektes Beispiel gewesen für das Verhältnis von Serben und Muslimen hier im Dorf, fügt er  hinzu.

(Deutschlandradio/Arapovic/Mrkaja)Unsere Autorinnen mit dem dorfältesten Muslim, Sefko Causevic, genannt "Hadschia". (Deutschlandradio/Arapovic/Mrkaja)

Ob das schon immer so war, wollen wir von ihm wissen, oder ob es einen bestimmten Grund dafür gibt, doch darauf hat er keine Antwort. Er empfiehlt uns aber mit dem ältesten Muslim im Dorf zu sprechen. Er nennt ihn Hadschia. Der sei schon fast 80 und könne uns sicher auch erzählen, wie es früher, in seiner Kindheit war.

Der stellt sich als Sefko Causevic vor, 76 Jahre alt. "Hadschia" nennen ihn aber seine Nachbarn aus dem Dorf. Wir nehmen im Schatten vor dem Haus Platz. Er sagt, das sei sogar mehr als die Wahrheit, was wir von den anderen Dorfbewohnern gehört hätten. Es gäbe eben noch Menschen mit Herz, mit Gefühl, die einander respektieren. Das sei schon im Ersten Weltkrieg so gewesen, dass man sich hier gegenseitig geholfen hätte und im Zweiten sowieso.

Und dann erzählt er uns eine Geschichte von seinem Vater aus dieser Zeit. Als sich die faschistischen kroatischen Milizionäre mit ihren Erzfeinden, den serbischen Cetniks brutale Kämpfe in der Region lieferten. Sein Vater hatte einen sehr guten serbischen Freund, erzählt er. Unten vor dem Dorf waren damals die Faschisten stationiert. Was bedeutete, dass die Serben nicht dorthin durften, sonst hätten sie sie umgebracht.

Unten am Fluss war aber auch die Mühle, um das Mehl zu mahlen, damit Brot gebacken werden konnte. Also hat sein Vater auch für seinen Freund das Mehl unten am Fluss gemahlen. Nach ein paar Monaten gingen die Faschisten und die Cetniks  kamen. Dann hat sich das Spielchen rumgedreht und der serbische Freund mahlte für seinen Vater das Mehl unten am Fluß.

Abhängigkeit durch Armut

Als ich frage, ob das hier das einzige Dorf sei, wo sich die Menschen schon immer so geholfen hätten, antwortet er: ganz sicher. Sein serbischer Freund Marko sage dazu immer: Vielleicht liegt es daran, dass es hier kein Wasser gibt.

Das ist uns ja bereits am Vortag aufgefallen. Fast jedes Haus hat im Garten eine Außentoilette. Es gibt in Baljvine keine Wasserleitungen und folglich auch kein fließend Wasser. Der Dorfälteste glaubt, dass die Leute früher viel abhängiger voneinander waren, weil alle arm waren. Heute dagegen leben nur noch 300 Menschen im Ort und viele Leute von hier in der Diaspora. Die hätten nicht mehr die Verbindung hierher und seien auch nicht mehr arm. Dafür seien sie zu bequem und zu luxuriös aufgewachsen.

Auch alle seine drei Kinder wohnen mitsamt seinen Enkeln im Ausland. Und die Jungen ziehen wie in den meisten anderen Dörfern in die großen Städte oder ganz ins Ausland, nach Deutschland, in die Schweiz oder nach Österreich. Dahin wo es Arbeit gibt.

Wir verabschieden uns vom Hadschia und seiner Frau. Das Dorffest oben auf dem Berg hat bereits angefangen und wir haben Ivo versprochen noch vorbei zu kommen. Wo es gestern menschenleer und still war, ist jetzt Volksfeststimmung. Bis hinunter ins Dorf parken die Autos am Straßenrand, viele davon mit deutschen, österreichischen und auch kroatischen Kennzeichen. Unter dem Festzelt sind lange Tische und Bänke aufgebaut. Da die Serben an diesem Tag fasten, gibt es kein Fleisch, dafür aber Fisch und Kartoffeln zu essen und jede Menge Bier und Rakija zu trinken.

Wir treffen Ivos Schwiegersohn, der in Österreich lebt, aber auch aus Baljvine stammt und fragen ihn welches religiöse Fest hier eigentlich genau gefeiert wird.

"Des is a Fest vom ganze Dorf, ein Dorffest."

"Und ist es irgendeinem Heiligen gewidmet? Welchem?"

"Ja, wie hoaßt der Feiertog nochemol …?"  

Was sie feiern, wissen weder Orthodoxe noch Muslime  

Auch seine Tischnachbarn sind sich nicht sicher, was hier eigentlich genau  gefeiert wird - obwohl die meisten bei der Andacht am Vormittag schon hier oben waren, nur eben nicht in der Kirche. Mit der Ausübung ihrer Religion scheinen es die orthodoxen Serben im Dorf ebenso wenig genau zu nehmen, wie ihre muslimischen Nachbarn, die die Gebetszeiten regelmäßig ausfallen lassen.

Dabei ist doch gerade die Religion das einzige Merkmal, was sie offiziell voneinander unterscheidet und sie zu der jeweiligen Ethnie gehören lässt. Der brutale Krieg vor 25 Jahren scheint vor dieser Tatsache noch absurder und viel unnötiger, als er sowieso schon war.

Auf der Bühne wird Cana beklatscht, eine bekannte serbischer Folklore-Sängerin. Ivo läuft in bester Laune von Gast zu Gast. Es wird getanzt, getrunken und gelacht. Wir entdecken auch Zahim, den Muslim vom Traktor unter den Feiernden. Ob noch mehr Muslime da sind, erkennen wir nicht. Es heisst, es seien schon einige da, andere kämen vielleicht noch.

Wieviele Muslime letztlich mit ihren serbischen Nachbarn an diesem heißen Sommertag feiern, ist auch nicht mehr wichtig. Denn dass wir das Dorf ohne Krieg gefunden haben - das Dorf in dem Serben und Muslime seit jeher friedlich nebeneinander wohnen - davon sind wir mittlerweile überzeugt.

 

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