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Studio 9 | Beitrag vom 21.12.2015

Besuch beim BNDBye-bye Pullach

Von Michael Götschenberg

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BND in Pullach (picture alliance / dpa / Foto: Stephan Jansen)
Die Einfahrt zum Gelände des Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach im Landkreis München (Bayern). (picture alliance / dpa / Foto: Stephan Jansen)

Jahrzehntelang wurden vom bayerischen Pullach aus die inneren und äußeren Feinde ausspioniert. Die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes liegt abgeschieden in einer ehemaligen NS-Mustersiedlung. Ein Besuch vor Ort ist wie eine Zeitreise in den Kalten Krieg.

BND-Zentrale in Pullach. Es ist ein kalter, klarer Herbsttag. Ausweiskontrolle am Haupttor in der Heilmannstraße. Handys müssen ins Schließfach - vor allem solche mit Kamerafunktion. Durch zwei schmale Drehkreuze gelangt man auf das abgeschirmte und rundum gesicherte Gelände. Nach ein paar Minuten Fußweg erscheint ein großes weißes Gebäude im Stil eines Herrenhauses.

Hier residierte einst Martin Bormann, einer der engsten Vertrauten von Adolf Hitler.

Es war das Haupthaus einer NS-Mustersiedlung.

"Diese Siedlung hier, die Bormann-Siedlung auch genannt oder  Rudolf-Hess-Siedlung, entstand in den 30er-Jahren als Parteisiedlung der NS-Elite",

erklärt der BND-eigene Historiker Bodo Hechelhammer.

In den großzügigen Ein- und Zweifamilienhäusern haben heute BND-Mitarbeiter ihre Büros.

"Im weiteren Verlauf des Zweiten Weltkriegs kam eine weitere Funktion hinzu, nämlich entstand hier auf dem Gelände eins der Führer-Hauptquartiere, das Führer-Hauptquartier Siegfried. Wir haben hier also große Bunkeranlagen, mit dem Führerbunker Hagen, auf dem Gelände."

Die Organisation Gehlen

Nach dem Ende des Krieges siedelten die Amerikaner hier eine Geheimorganisation an: die Organisation Gehlen – benannt nach Reinhard Gehlen, in der Wehrmacht Chef der Abteilung Fremde Heere Ost: ihre Aufgabe war es, die sowjetischen Truppen auszuspionieren. Gehlen hatte sich den Amerikanern angeboten – mit Erfolg: und machte für sie, was er vorher für die Wehrmacht getan hatte.Ein 

Die NS-Vergangenheit von Einigen in der Organisation Gehlen interessierte seinerzeit nicht. Reinhard Gehlen selbst wurde 1956 erster Präsident des neu gegründeten Bundesnachrichtendienstes. Sein Büro bezog er dort, wo einst Martin Bormann residierte.

"Aufgrund seines Dienst- oder Decknamens, Dr. Schneider, nannte man es umgangssprachlich das Doktor-Haus. Und erst nach der Ära Gehlen hat sich eingebürgert, dass es so genannt wurde, wie es noch heute heißt, Präsidentenhaus. Weil der Präsident des Bundesnachrichtendienstes hier in diesem Haus, im ehemaligen Schlafzimmer von Martin Bormann, sein Büro hat."

Im Erdgeschoss des Präsidentenhauses befinden sich mehrere repräsentative Säle.

Als wäre der Kalte Krieg gerade erst vorbei

Im Raum Bismarck scheint es, als sei die Zeit stehen geblieben. Ein Bismarck-Porträt gibt dem Raum seinen Namen. In der Bücherwand stehen die gebundenen Ausgaben des Spiegel bis 1969, daneben Lenins gesammelte Werke auf Russisch und eine sowjetische Enzyklopädie. Als wäre der Kalte Krieg gerade erst vorbei. Am Tisch in der Mitte des Raumes nimmt ein BND-Spion Platz. Er hat sich zu einem Interview bereit erklärt – eine absolute Ausnahme. Sein Name bleibt geheim – nennen wir ihn Günter. 1989, mit Ende 20, bewarb sich Günter beim BND – aus Neugier und auch ein wenig Abenteuerlust.

"Also ich hatte keine präzisen Vorstellungen sondern war neugierig. Was ja auch für die Arbeit im Dienst keine schlechte Voraussetzung ist, wie ich heute aus der Rückschau sagen würde."

Das Geschäft der Spionage musste er von der Pike auf lernen.

"Jemanden observieren, einen Treff konspirativ organisieren, das ganze Drumherum so zu planen, dass nach Außen nichts sichtbar wird, Sicherheitsüberlegungen einzuplanen, Quellen-Führungen zu optimieren – also ich saß da und hab gedacht, hoffentlich geht das gut, schaffst du das, und dann kam man allmählich rein."

Günter war jahrzehntelang im operativen Geschäft – zuständig vor allem für die Spionage in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die gehörte auch nach der Wende und dem Untergang der DDR, dem früheren Hauptgegner, zum Kerngeschäft des BND. Heute wieder mehr denn je: im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine liefert der BND Lagebilder und Analysen – unverzichtbar für eine Kanzlerin, die als Vermittlerin zwischen Moskau und Kiew unterwegs ist.

"Für mich waren das Inhalte, bei denen ich dachte: wow, das hat mit dem zu tun, was du morgens in der Zeitung liest. Und manchmal weiß ich es einfach besser als das, was in der Zeitung steht – manchmal."

Günter hat nie bereut, zum BND gegangen zu sein. Dass er aus seinem Job ein Geheimnis machen muss, auch Freunden gegenüber, hat ihn nie belastet.

"Wenn man gesagt hat, ich bin bei der Bundesvermögensverwaltung, das klang so langweilig, dass die meisten vielleicht noch gesagt haben: Hat der Bund überhaupt noch Vermögen? Und dann war’s gut."

Büros ohne Namensschild

Wer über das Gelände in Pullach geht, kommt vorbei an zahlreichen Gebäuden, die nicht verraten, was sich in ihnen befindet. Kein Büro darin hat ein Namensschild. Selbst eine Putzfrau könnte für einen anderen Geheimdienst arbeiten, erklärt ein BND-Mitarbeiter.

Graues Schild mit blauer Aufschrift "Bundesnachrichtendienst" vor einer grauen Mauer und blauem Himmel (dpa/picture alliance/Stephan Jansen)BND-Zentrale in Pullach (dpa/picture alliance/Stephan Jansen)

Neben der Bunkeranlage Hagen geht es die Treppe hinunter – am Ende eines unterirdischen Ganges befindet sich eine Stahltür. Dahinter befindet sich der Schießstand. Vier Männer trainieren das Schießen mit Pistolen – ausschließlich zur Selbstverteidigung, betont der BND. Für den Einsatz in Krisenländern dennoch ein Muss. Der BND ist überall dort, wo auch deutsche Soldaten hingeschickt werden.

Ein paar Häuser weiter befinden sich die Labore des BND – hier werden Substanzen untersucht oder auch produziert: wie etwa Geheimtinte. Seitdem der BND in Ländern wie Afghanistan operiere, heißt es, könne die sehr nützlich sein.

Wer jedoch glaubt, der BND arbeite nur mit Spionage-Gimmicks aus den 60ern, der täuscht sich gewaltig. Einige hundert Meter weiter surrt die Kühlung für das modernste Gebäude auf dem Areal: weiß, ummantelt von einem feinen Gitternetz – hier stehen die Server der Technischen Aufklärung. Die Abteilung des BND, die im Zuge des NSA-Skandals selbst in Verruf geraten ist. Bei aller Kritik an der Abhörpraxis des BND: ohne Überwachung von Kommunikation geht nichts beim Kampf gegen internationalen Terrorismus, gegen Organisierte Kriminalität und Drogenhandel.

Mit Einbruch der Dunkelheit übernehmen die Hunde die Sicherung des Areals. BND-Mitarbeiter sind angehalten, die Wache zu informieren, wenn sie sich im Dunkeln auf dem Gelände bewegen. Das versäumt niemand – den Hunden möchte man im Dunkeln nicht begegnen.

Ihre Tage sind jedoch gezählt. In absehbarer Zeit wird der BND nach Berlin umziehen – sollte der Neubau in der Chausseestraße in Berlin Mitte irgendwann einmal fertig werden. Mit der Abgeschiedenheit von Pullach ist es dann vorbei.

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