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Interview | Beitrag vom 13.07.2017

Bertelsmann-Studie zum Lehrermangel "Prognosen sind sozusagen eine Warnung"

Ewald Terhart im Gespräch mit Christine Watty

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Unterricht in einer 4. Klasse der Potsdamer Grundschule "Am Pappelhain". (dpa / Patrick Pleul)
Lehrerin vor einer Grundschulklasse - viele neue Schulbauten sind bis zum Jahr 2025 notwendig, um den neuen Prognosen stand zu halten. (dpa / Patrick Pleul)

Viele Schüler, aber keine Lehrer: In Deutschland gibt es nach einer neuen Studie im Jahr 2025 voraussichtlich eine Million mehr Schüler als vorausgesagt. Da sind Quer- und Seiteneinsteiger vermutlich gefragt. Sie müssten besonders gut qualifiziert werden, fordert der Pädagoge Ewald Terhart.

Christine Watty: Es ist ja eigentlich ganz klar: Kinder müssen irgendwann in die Schule. Doch was, wenn es keinen Platz für sie gibt? Das geht natürlich nicht, beschäftigt aber schon heute Eltern, die für die Zukunft oder auch ganz aktuell jetzt schon nicht mehr so einfach davon ausgehen können, dass die Schule in ihrem Einzugsgebiet Schulplätze vorrätig hält.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung verschärft sich die Situation in den nächsten Jahren sehr. Durch die steigenden Geburtenzahlen und die Zuwanderung sieht diese Studie voraus, dass die Zahl der Schüler im Jahr 2025 um eine Million über der Voraussage liegt. Eine Million, und für die werden Lehrer, aber eben auch Schulen und damit auch Gebäude gebraucht. Heinz-Peter Meininger ist der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, und er sagt dazu Folgendes:

40.000 bis 50.000 Lehrkräfte fehlen vermutlich

(Einspielung O-Ton)

Heinz-Peter Meininger: Wir brauchen nicht nur circa 40.000 bis 50.000 Lehrkräfte zusätzlich zum Ersatzbedarf, das muss man immer sagen, zusätzlich zum Ersatzbedarf bis 2030, sondern wir brauchen auch rund tausend Schulhausneubauten zusätzlich zum bereits geplanten Schulhausneubau beziehungsweise den geplanten Sanierungen und Renovierungen und Erweiterungen.

Watty: Jetzt haben wir noch ein paar Zahlen mehr, die so gebraucht und gefordert sind, und die Zeit drängt, wenn man der Prognose der Bertelsmann-Stiftung folgt. Ich spreche darüber mit Ewald Terhart, Pädagoge und Professor für Erziehungswissenschaft an der Westfälischen Universität. Guten Morgen, Herr Terhart!

Ewald Terhart: Guten Morgen, Frau Watty!

Watty: Haben Sie mit solchen Zahlen gerechnet, wie sie die Bertelsmann-Stiftung jetzt herausgebracht hat?

Terhart: In dieser Höhe waren die Zahlen doch überraschend, aber jeder, der das Schulsystem und auch die Bevölkerungsentwicklung kennt, wusste schon seit etwa zwei, drei Jahren, dass die Geburtenrate etwas hoch geht. Das führt dann automatisch in sechs Jahren zu höheren Zahlen in den Grundschulen. Außerdem muss natürlich die Entwicklung durch die Fluchtbewegungen, Migrationsbewegungen mit berücksichtigt werden. Insofern bin ich nur zum Teil überrascht.

Forderung nach Ausbau von Grundschulen

Watty: Da ist aber trotzdem ein Teil dabei, über den Sie dann also doch überrascht sind. Also Sie sind überrascht darüber, dass die Zahlen so hoch sind, aber haben es auch schon vorausgesehen. Wahrscheinlich haben Sie auch schon vorausgesehen, was jetzt natürlich gefordert wird, schnelle Investition in die Lehrerausbildung beispielsweise. Gehen Sie da mit?

Terhart: Zunächst mal ist es wichtig, dass im Grundschulbereich tatsächlich mehr Schulen gebaut werden. Und in den Städten, in denen die Bevölkerung wächst, dort ist auch schon zum Teil Vorsorge getroffen worden. So ist die Schulplanung in Münster darauf ausgerichtet, dass eben zusätzliche Grundschulen gebaut werden müssen.

Was die Lehrerbildung betrifft, da hat man es natürlich mit einem sehr schwerfälligen System zu tun, denn die Lehrer, die jetzt ihr Studium beginnen, die sind ja erst in fünf, sechs Jahren fertig ausgebildet, sodass die dann eigentlich ein bisschen zu spät kommen.

Man muss allerdings auch berücksichtigen bei diesen Prognosen: Die Bertelsmann-Studie hat die steigenden Geburten und auch die hohen Flüchtlingszahlen in die Zukunft, bis 2030, verlängert, also prognostiziert. Und das ist immer unsicher. Es kann auch sein, dass dieser Trend eben nicht eintritt und eine schwächere Steigerung der Schülerzahlen dann tatsächlich in den nächsten 15 Jahren eintritt.

Die Rolle von Quer- und Seiteneinsteigern

Watty: Die Bertelsmann-Stiftung sagt selbst auch, es ist natürlich keine akkurate Voraussage, sondern sie ist auch dazu da, um ein Überdenken und Handeln anzuregen. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann hilft das aber fast gar nichts mehr, denn tatsächlich liegt es ja auf der Hand: Die Lehrer, die jetzt anfangen zu studieren, die angehenden, die sind natürlich alle nicht so schnell fertig. Muss man dann über andere Lösungen nachdenken, über Quereinsteiger beispielsweise?

Terhart: Schon immer wird ein gewisser Teil der neueingestellten Lehrer als Quereinsteiger eingestellt, vor allen Dingen in den Mangelfächern, in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Jetzt ist es so, dass aufgrund der steigenden Zahl in den Grundschulen eben leider auch im Grundschulbereich Seiteneinsteiger eingestellt werden müssen.

In Berlin ist das ein ganz hoher Anteil aller Neueingestellten. Und da ist es ganz entscheidend, dass man hier auf deren Qualifikation achtet und möglichst hohe Qualifikationen einfordert beziehungsweise aufwendige Nachschulungsprogramme macht. Denn in der Grundschule wird eben die Grundlage für die gesamte Schularbeit gelegt. Und die Grundschüler verdienen wirklich bestens ausgebildete Lehrkräfte. Deshalb ist das so wichtig, diese Quereinsteiger, die man tatsächlich leider braucht, besonders gut zu qualifizieren.

Ein anderes Ding ist die Frage, für welches Lehramt sich nun Abiturienten entscheiden. Sie hören etwas von Lehrermangel und entscheiden sich dann für das Studium des Lehramts an Gymnasien. Aber da ist es so, das prognostiziert ja auch Bertelsmann, dass da nicht ein so großer Bedarf ist, vielleicht sogar irgendwann eine Überproduktion. Dies ist aber sehr schwer zu steuern. Hier müsste man eine sehr offene und aktuelle Informationspolitik in Richtung der Abiturienten betreiben.

Prognosen schwanken zwischen Überfüllung und Mangel an Schulen

Watty: Wenn man Ihnen zuhört und auch noch mal diese Zahlen vor sich hat, dann finde ich, fragt man sich schon, was läuft denn aber grundsätzlich in dieser ganzen Schulfrage schief? Denn die Dinge erschließen sich leicht. Auch was Sie begründen und wie die Wege der Lehrer gehen. Und die Leute, die in dem Schulsystem drin sind, die kennen auch die Zahlen, die sehen ja die Entwicklungen.

Wieso müssen immer solche Studien zu solchen Aufregungen und Diskussionen darüber überhaupt erst anregen? Oder übersehen wir, dass im Hintergrund schon ganz viel passiert und die Urschwierigkeiten unseres Schulsystems schon längst in Angriff genommen worden sind - ohne dass wir es merken?

Terhart: Es ist so, dass etwa dieser Wechsel von Überfüllung und Mangel im Lehramt seit dem 19. Jahrhundert auch historisch gesehen immer wieder aufgetreten ist. Es gab immer wieder warnende Prognosen vor einem Rückgang der Schülerzahlen. Auch Bertelsmann hat 2009 noch eine Studie veröffentlicht, in der sie vor einem massiven Schülerrückgang warnen.

Nun, 2017, sieht es eben ganz anders aus. Das geschieht, wenn man kurzfristige Trends, etwa die Steigerung der Geburtenquote, die leichte Steigerung, die in den letzten drei Jahren da ist, wenn man die bis 2030 verlängert, dann entsteht sozusagen eine solche Diskrepanz zwischen der bisherigen Prognose und der neuen Prognose.

Das liegt in der Natur der Sache, dass sich Prognosen sozusagen immer wieder wechselseitig korrigieren. Sie werden ja auch nicht gemacht, damit sie eintreten, sondern Prognosen werden gemacht in diesem Falle, damit sie nicht eintreten. Sie sind also sozusagen eine Warnung. Insofern liegt diese Prognose richtig, wenn sie nicht eintritt, wenn also die Warnung, die darin liegt, beherzigt wird von den Politikern und eben Maßnahmen getroffen werden.

Im Schulsystem ist es so, dass etwa die Gebäudeseite nur sehr schwer bewegt werden kann. Wenn Städte Baumaßnahmen im öffentlichen Sektor machen, dann dauert das immer Jahre. Es ist sehr schwer, dann kurzfristig Schulen aus dem Boden stampfen. Auf der Lehrerseite ist es so wie schon eben beschrieben, dass es sehr lange dauert, bis dann, wenn ein bestimmter Bedarf auftaucht, auch die vollständig ausgebildeten Lehrer in hinreichender Zahl zur Verfügung stehen.

Watty: Danke schön an Ewald Terhart. Ich habe das Gefühl, wir müssen uns im Jahr 2025 noch mal verabreden, um zu gucken, was mit der Prognose passiert ist, ob sie eingetreten ist oder nicht.

Terhart: So ist es.

Watty: Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität zur Bertelsmann-Studie, nach der bis zum Jahr 2025 oder im Jahr 2025 es eine Million mehr Schüler gibt als bisher vorausgesagt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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