Montag, 18.12.2017

Fazit | Beitrag vom 03.12.2017

Berliner Theaterchefs diskutieren"Ensemble-Theater" - ein Kampfbegriff?

Von Susanne Burkhardt

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"Volksbühne" steht am 30.08.2017 in Berlin am frühen Abend auf der Außenfassade über dem Haupteingang zum Theater Volksbühne.  (picture alliance / Paul Zinken/dpa)
Berliner Volksbühnen-Problematik überschattet Ensemble-Diskussion (picture alliance / Paul Zinken/dpa)

Was ist ein Ensemble-Theater? Über diese Frage diskutierten in Berlin die acht führenden Hauptstadt-Theaterleiter. Das Prinzip des Ensemble- und Repertoiretheaters ist nur in der deutschsprachigen Theaterlandschaft zu finden - aber wie ist es um dieses Prinzip bestellt?

Es ist ein schwieriges Unterfangen: Zwei Stunden – 8 Theaterleiter – und dieser eine Begriff – der längst zum Kampfbegriff geworden ist in Berlin: Das Ensemble-Theater. Natürlich hat fast jeder der anwesenden Theatervertreter aufgrund der Struktur und Möglichkeiten des eigenen Hauses etwas anderes dabei im Kopf – weshalb es in der Diskussion– wie Gorki-Leiterin Shermin Langhoff bemängelte, beim Vergleichen von Äpfeln und Birnen blieb. Für Oliver Reese – den neuen Chef des Berliner Ensembles, ist entscheidend:

"...dass der Ensemblebegriff sich zentral darüber definiert, dass man ein fester Schauspieler mit einem festem Vertrag ist."

Der neue Intendant des Berliner Ensembles, Oliver Reese, steht am 30. Mai 2017 neben dem Schriftzug des Berliner Ensembles. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Oliver Reese ist Intendant des Berliner Ensembles (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)Thomas Ostermeier (Deutschlandradio / Jana Demnitz)Thomas Ostermeier, Regisseur und Künstlerischer Leiter der Schaubühne Berlin (Deutschlandradio / Jana Demnitz)

Thomas Ostermeier – Schaubühnenchef – geht es beim Ensemble auch um Utopien, um Mitbestimmung – und etwas...

"...was durch ein langjähriges Zusammenspiel eine ästhetische Sprache ausprägt im besten Fall neu erfindet."

Mitbestimmung - derzeit wieder viel diskutiert – ist am Grips-Theater, seit 48 Jahren gelebtes Modell. Das Kinder- und Jugendtheater an der Parkaue dagegen versteht Ensemble vor allem als künsterischen Schutzraum.

Grips Theater in Berlin (imago stock&people)Grips Theater in Berlin (imago stock&people)Theater an der Parkaue im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg.  (dpa / Manfred Krause)Theater an der Parkaue im Berliner Stadtbezirk Lichtenberg. (dpa / Manfred Krause)

Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters sieht im Ensemble-Begriff auch Aspekte, die schwer zu greifen sind:

"Entscheidend ist, glaube ich, die Frage, die eher nur auf der Gefühlsebene beantwortet werden kann, ob ein Ensemble den Eindruck hat, es wäre eine Gemeinschaft, eine Gruppe, es würde gehört, es wäre wichtig."

Ulrich Khuon, Intendant am Deutschen Theater (dpa / picture alliance / Bernd von Jutrczenka)Ulrich Khuon, Intendant am Deutschen Theater (dpa / picture alliance / Bernd von Jutrczenka)Die Intendantin des Berliner Theaters Hebbel am Ufer (HAU), Annemie Vanackere. (David von Becker)Die Intendantin des Berliner Theaters Hebbel am Ufer (HAU), Annemie Vanackere. (David von Becker)

Das freie Produktionshaus Hebbel am Ufer unter Annemie Vanackere, arbeitet mit immer wiederkehrenden freien Gruppen und Kollektiven – beansprucht den Begriff Ensemble daher nicht zwingend für sich. Anders das Gorki-Theater, wo die Schauspieler zum Teil nur die Hälfte dessen verdienen, was die Kollegen der besser gestellten Bühnen bekommen. Hier stellt sich die Frage nach dem Ensemble existentiell.

Shermin Langhoff: "Wie können die sich das leisten, feste Ensemble-Mitglieder eines Theaters zu sein?"

Die Volksbühnen-Frage verdrängt die Ensemble-Diskussion

 Shermin Langhoff (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen) Shermin Langhoff, Intendantion des Gorki-Theaters (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Programmdirektorin der Volksbühne: Marietta Piekenbrock  (dpa / Britta Pedersen)Programmdirektorin der Volksbühne: Marietta Piekenbrock (dpa / Britta Pedersen)

Auch Marietta Piekenbrock,  frisch im Amt befindliche Programmdirektorin der Berliner Volksbühne, einem Haus ohne festem Ensemble, beschwört das Großartige des Ensemblegeistes. Nebenbei erwähnt sie allerdings, dass ihr der Repertoire-Gedanke deutlich näher läge. Nachdem also jeder der Anwesenden seinen Beitrag zur Definition des Ensemble-Begriffs geleistet hat – wird in der zweiten Hälfte der Veranstaltung deutlich, worum es an diesem Nachmittag wirklich geht:  die Volksbühne natürlich und das Versagen der Berliner Kulturpolitik.

Ein Thema, das Ulrich Khuon, als ruhig und höflich bekannt, so richtig in Rage bringen kann: 

"Und nun gibt’s in Berlin ne symbolische Diskussion, die gleichzeitig auch eine Umverteilungsdiskussion ist, und drittens ne Verlogenheitsdiskussion. Nämlich, dass da ein Systemwechsel stattfand, der aber so nicht benannt wurde. Man hätte ab der ersten Sekunde sagen müssen, Chris Dercon kommt mit nem neuen System. Und das wird diese ganze Volksbühne, diese Leute, die da gewohnt sind, Kostüme den Schauspielern hinterherzutragen, diese Bühnenbildner, die gewohnt sind, jeden Tag ein neues Bühnenbild aufzubauen, das braucht man alles nimmer – das wurde verschleiert von allen Seiten.  Und dadurch, dass das nicht offen diskutiert wurde, von einem Politiker, der im Grunde ein Spieler war und hat aber nicht mit offenen Karten gespielt. Und das finde ich ein Riesenproblem – das andere ist eine symbolische Diskussion wie wenn das Repertoire- und Ensemble-Theater untergehen würde in Deutschland, weil in der Volksbühne was anderes versucht wird."

Ein Treffen ohne Antworten

Und damit war man weg vom allgemeinen Ensemble-Diskurs und ganz bei der Volksbühne. Marietta Piekenbrock erregte Unmut, mit unglücklichen Formulierungen wie:

"Wir werden nicht ein 22 köpfiges Ensemble aufbauen, das ist in diesem Setting, das wir gewählt haben gar nicht möglich."

Betonte gleichzeitg dann wieder, man könne auch festanstellen, wenn das von den Künstlern gewünscht sei:  

"Wir erlauben uns, und das macht uns angreifbar, den großzügigen Umgang mit Zeit und dem prozesshaften Aufbau eines Ensembles."

Gern hätte man an dieser Stelle den Berliner Kultursenator gehört, mit klaren Äußerungen dazu, inwieweit die einst angekündigte Ensemble- und Repertoire-Verpflichtung der Volksbühne noch zum verbindlichen Auftrag des Dercon-Teams gehört – aber das war ja nicht das Thema.  

Und so erlebten wir eine typische Hauptstadt-Debatte, die, wie Ulrich Khuon richtig sagte, für die Theaterszene in Deutschland relativ wenig Bedeutung haben dürfte. Weiter diskutiert werden muss allerdings über das verantwortungslose Agieren der Berliner Kulturpolitik.

Hören Sie zu dem Thema ein Gespräch mit dem Theaterwissenschaftler Peter Marx:

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