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Länderreport | Beitrag vom 04.04.2017

Berlin-Neukölln Brennpunkt-Schule auf dem Weg zum "Turnaround"

Von Susanne Arlt

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Eine Lehrerin unterrichtet Migrantenkinder in Deutsch (imago/Sämmer)
Schuldirektor: "Nicht die Kinder sind die Falschen." (imago/Sämmer)

Viel Unterrichtsausfall, schlechte Abschlüsse und hohe Abbruchquoten – das kennzeichnete die Silberstein-Schule in Berlin-Neukölln. Seit drei Jahren partizipiert sie am sogenannten Turnaround-Programm. Es gibt neue Regeln – auch auf dem Schulhof.

Die Silberstein-Grundschule liegt direkt an den Gleisen zwischen den S-Bahnhöfen Herrmannstraße und Neukölln. Zwei Berliner Brennpunkte. Letzterer gilt als Hotspot der Drogenszene. Ein schwieriges Quartier, aus dem viele lieber wegziehen, sofern sie es sich leisten können. Diese Entwicklung bekommen auch die Schulen in dem Bezirk zu spüren. Viele Kinder sprechen zu Hause Arabisch, Türkisch, Serbisch oder Russisch.

Der Eingang der Silberstein-Grundschule liegt auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise. Ein imposanter Backsteinbau aus der Gründerzeit mit einem hohen Giebel in der Mitte. Das Eingangsportal ist verschlossen, der Hausmeister bittet freundlich hinein. Im Erdgeschoss riecht es nach frischem Putz. Ein Blick durch ein Fenster auf der Rückseite des Gebäudes zeigt, was sich in den vergangenen drei Jahren alles getan hat.

"Wir hatten da wo vorher das Geländer ist, einen Zaun, der die Schule begrenzt hat. Da war also richtig Güterbahnhof, Gleise."

Jetzt sieht man dort einen modernen Schulhof, der sich auf zwei Etagen erstreckt. Es gibt einen Spielplatz mit Klettergerüst und Trampolins, Kinder üben auf Skateboards ihr Gleichgewicht zu halten oder düsen auf Rollern über den Pausenhof.

"Das ist der Gedanke des gebundenen Ganztages, dass man Erholung mit Lernen verbindet, um Lernen effizienter zu gestalten."

Seit einem Jahr ist Sergej Afonin neuer Leiter an der Silberstein-Grundschule. Wie neun andere Berliner Schulen partizipiert sie von dem Pilotprojekt School-Turnaround. Die Robert-Bosch-Stiftung und die Berliner Bildungsverwaltung haben es entwickelt, um Brennpunktschulen wieder auf die Beine zu helfen. Die sieben integrierten Sekundarschulen und drei Grundschulen hatten ähnliche Probleme: ein schlechtes Schulmanagement, viel Unterrichtsausfall, eine geringe Lernbereitschaft der Schüler, somit schlechte Abschlüsse und hohe Abbruchquoten. Als der 45-Jährige die Leitung im vergangenen Jahr kommissarisch übernahm, war sein erster Eindruck:

"Deprimierend. Das Kollegium war traumatisiert von dem, was vorher war. Denn das Kollegium hatte sich Mühe gegeben, aber diese positive Entwicklung ist irgendwie nicht nach außen gedrungen. So einen Eindruck hatte ich."

Was vorher war, lässt sich wie folgt zusammenfassen. Gleich zwei Mal war die Silberstein-Grundschule bei der Schulinspektion durchgefallen. Die Prüfer attestierten ihr einen großen Bedarf bei der Unterrichtsentwicklung, methodische und didaktische Defizite. Unter den Schülern gab es interkulturellen Streit, das Lehrer-Kollegium war sich uneins, wie es mit den Herausforderungen umgehen sollte. Die damalige Schulleiterin gab schließlich entnervt auf und ließ sich versetzen.

"Mir war das von Anfang an klar, dass man das alleine auf gar keinen Fall schafft. Deswegen war auch wichtig, hier Mitstreiter zu gewinnen, das Kollegium zu überzeugen, auch mit Herrn Pagel als Hausmeister und einer neuen Konrektorin und mit einer neuen Sekretärin das alles in die Wege zu setzen, das war klar."

Obwohl die Schule schon knapp drei Jahre vom Turnaround- Programm partizipiert, war von einer Wandlung bislang nicht viel zu spüren. Mit Sergej Afonin scheint sich das zu ändern. Das haben auch die Kinder mitbekommen.

Neue Regeln in der Schule

"Damals hat sich wirklich fast jedes Kind irgendwie geprügelt, mit den Lehrern diskutiert oder wollte halt gar nicht mehr auf die Lehrer hören. Einfach respektlos waren die damals." 

 ... sagt der zehn Jahre alte Amrum. Ihm gefallen die neuen Regeln, die der Direktor eingeführt hat. Lehrer und Kinder teilen sich zum Beispiel die Pausenhofaufsicht. Jede Klasse ist mal dran, erzählt seine Schulkameradin Roweida:

"Und am Ende der Hofpause bleiben mindestens drei oder vier Kinder und die sollen dann den Hof säubern, damit es sauber bleibt. (...) Es gibt noch zwei neue Regeln. Man muss, bevor man das Schulgebäude betritt, alle Mützen und Käppis ausziehen. Die Lehrer finden halt, dass es dann zeigt, ja ich bin der Boss, weil ich ein Käppi habe."

Nach anfänglicher Skepsis konnte Sergej Afonin auch die meisten Lehrer überzeugen. Zu Beginn des neuen Schuljahrs ließ er sogenannte Kulturfächer einführen, an denen die Schüler freiwillig teilnehmen können. Dort werden sie zwei Mal pro Woche in der Sprache und Kultur ihrer Eltern unterrichtet. Ein mutiger Schritt. Viele von ihnen beherrschen weder die deutsche Grammatik noch die deutsche Rechtschreibung. 98 Prozent der Schüler kommen aus Familien, die einen Migrationshintergrund haben. Sind Kulturfächer auf Arabisch und Polnisch da nicht kontraproduktiv? Sergej Afonin schüttelt vehement den Kopf. Sie stärken das Selbstbewusstsein der Schüler, verteidigt er sein Konzept:

"Deutsch ist extrem wichtig für unsere Schülerschaft. Aber auch die eigene Herkunftssprache darf man nicht vergessen, denn dadurch bekommen die Schüler mehr Anerkennung und fühlen sich hier respektvoll behandelt. Keine Assimilation im Sinne ich vergesse meins und tue nur so wie das in Deutschland erwartet wird oder verlangt wird. Sondern das Eigene stärken, aber auch meinen Nachbarn kennen oder das Land, wo man lebt."

Neben Arabisch, Polnisch, Englisch und Spanisch sollen demnächst Bulgarisch, Rumänisch und Serbisch dazukommen. Grundlage dieses Konzeptes sind seine Erfahrungen als Lehrer an einer Europaschule. Die Hälfte des Unterrichts findet dort nicht auf Deutsch, sondern auf Englisch, Französisch, Türkisch oder Russisch statt. Die Eltern sehen dort Mehrsprachigkeit als etwas Positives an. Denselben Effekt wünscht sich Sergej Afonin für seine Schüler. Sein Prinzip: die Heterogenität der Kinder zu akzeptieren. Was vielleicht auch mit seiner eigenen Migrationserfahrung zu tun hat. Der studierte Literaturwissenschaftler stammt aus Russland:

"An den Kindern liegt es nie. Nicht, dass Kinder nicht schwierig wären, aber der Grundgedanke, mit dem wir hier an das ganze Turnaround-Programm herangehen, nicht die Kinder sind die Falschen, die leider nicht zur Schule passen. Sondern wir müssen versuchen, Schule und Unterricht so auszurichten, dass er für die Kinder passt, die wir haben. Und wenn das Kinder sind mit 98 Prozent nicht-deutscher Herkunftssprache, dann muss eben jeder Unterricht, Sprachunterricht sein. Und wenn es Kinder sind, die zu einem großen Prozentsatz aus bildungsfernen Elternhäusern kommen, dann hat die Schule eben eine besondere Verantwortung, das, was die Elternhäuser nicht nachbessern können, in der Schule anzubieten."

Hannelore Trageser leitet das Turnaround-Programm der Robert-Bosch-Stiftung. Eine Million Euro wurde in das Projekt investiert, 800.000 Euro kommen von der Bosch-Stiftung, der Rest von der Berliner Bildungsverwaltung. Eine Bilanz will die Leiterin erst zum Ende des Programms gemeinsam mit der Bildungsverwaltung im Sommer ziehen. Doch schon jetzt ist klar. Hinter jeder erfolgreichen Schulumkehr steht eine gute Leitung. Sie allein reiche aber nicht aus, führt Hannelore Trageser weiter aus. Für einen echten Turnaround braucht man das gesamte Kollegium. In Teams zu arbeiten, sei für viele Lehrer leider noch nicht Usus.

"Das müssen sie aber. Weil man mit diesem Gedanken, ich stehe alleine vor einer sehr differenzierten, sehr schwierigen, mir persönlich auch meiner Bildungsbiografie sehr fremden Schülerschaft gegenüber, das werde ich alleine nicht in der Weise produktiv bewältigen können, dass da ein strahlender Unterricht mit tollen Ergebnissen jeden Tag rauskommt. Dazu brauche ich die Teamarbeit mit anderen Kollegen."

Den Teilnehmern des Programms hat sie darum empfohlen, Klassenteams zu bilden. Lehrer bräuchten Feedback. Antworten auf ihre Fragen, wie sie den Unterricht besser gestalten können. Darum wurde jeder Schule ein erfahrener Pädagoge an die Seite gestellt. Niemanden von der Schulaufsicht, sondern ehemalige Schulleiter. Sie sollen helfen, die vier Kernziele zu erreichen, die mit den Schulen vereinbart wurden.

"Verbesserung im Schulmanagement, Verbesserung im Schulklima, Verbesserung in der Unterrichtsqualität, Verbesserung in den Lernleistungen, die am Ende rauskommen."

Wie sie ihre Ziele erreichen, obliege den Schulen, sagt Hannelore Trageser, die selber 35 Jahre lang unterrichtet hat. Sie lobt vor allem die Lehrer, die innerhalb des Turnaround-Projekts bei den sogenannten "kollegialen Unterrichtshospitationen" mitmachen. Sie besuchen sich gegenseitig im Unterricht, um zu sehen, wie sich ihre Schüler beim Kollegen verhalten.

"Die Schulen sind sehr unterschiedlich auf dem Weg, sehr unterschiedlich weit und die Ziele sind auch unterschiedlich, aber dieses gemeinsame Grundverständnis, es geht um die Lernprozesse der Kinder, und die sollen wir so unterstützen und gestalten, dass die möglichst erfolgreich verlaufen, das ist bei allen angekommen."

Fußball-, Back- und Film-AG

Zurück nach Nord-Neukölln. Nach der sechsten Unterrichtsstunde, der Pflicht sozusagen, folgt die Kür. Neben den sprachlichen Kulturfächern und einer Lernförderung können Silberstein-Schüler immer nachmittags bei 70 Arbeitsgemeinschaften mitmachen. Es gibt zum Beispiel eine Fußball-AG, eine Back-AG, eine Film AG, eine Kunst AG und einen Chor. Loreto Zamora leitet ihn gemeinsam mit ihrem Kollegen am Klavier. Die gebürtige Chilenin findet es wunderbar, dass die Schule ihrer Tochter diesen kreativen Nachmittagsunterricht bietet:

"Nein, ich kannte das bislang nicht, aber ich finde es gut, dass ich mich als Mutter hier engagieren kann. Als mich die Schule fragte, habe ich darum keine Sekunde gezögert. Außerdem hatte die Schule keinen Chor, da lag es doch auf der Hand, einen zu gründen. Und so ist es geschehen."

Die zehn Jahre alte Teuta hielt anfangs nichts von dem Nachmittagsunterricht. Das hat sich aber inzwischen geändert:

"Weil ich eingesehen habe, dass Kinder nicht nur am Fernseher am Nachmittag sitzen sollen, sondern auch was machen sollen."

Schulleiter Sergej Afonin schaut zufrieden. Bei fast allen Schülern und Eltern kommt sein Konzept gut an. Zumindest an einer AG müssen sich die 285 Kinder beteiligen. Die meisten nähmen aber an zwei oder drei AGs teil, sagt der Schulleiter ein bisschen stolz. Er sei gern in Neukölln, betont er. Wer hier hierarchisch auftritt, der kommt in dem Bezirk nicht weiter. Früher gab es einen Elternsprechtag, jetzt Elternsprechwochen. Damit den Eltern genügend Zeit bleibt, sich mit Hilfe von Dolmetschern ausführlich über die Entwicklung ihrer Kinder zu informieren, sagt Afonin. Für den Direktor ist der Turnaround an seiner Schule so gut wie geschafft.

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