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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 29.05.2012

Beobachtungen eines Fauns

Vor 100 Jahren wurde Vaslav Nijinskijs Ballett "L'Après-midi d'un Faune" uraufgeführt

Von Vera Schneider

Vaslav Nijinskij sollte als "Gott des Tanzes" in die  Ballettgeschichte eingehen (AP Archiv)
Vaslav Nijinskij sollte als "Gott des Tanzes" in die Ballettgeschichte eingehen (AP Archiv)

Es war ein skandalträchtiger Abend im Théatre du Châtelet: Vaslav Nijinskij verstörte mit der Premiere seines Balletts "Nachmittag eines Fauns" das Pariser Publikum zutiefst. Tumultartige Szenen waren die Folge. Heute gilt das Stück nach der Musik von Claude Debussy als Meilenstein der Moderne.

"Le faune: Ces nymphes, je veux les perpétuer.
Si clair, Leur incarnat léger qu’il voltige dans l’air
Assoupi de sommeils touffus."

"Ich bin überzeugt, daß mir alle Leser des Figaro, die gestern im Châtelet waren, zustimmen werden, wenn ich gegen diese öffentliche Zurschaustellung sehr spezieller Art protestiere! [...] Ein plumper Faun mit vulgären Bewegungen [...] und schwerfälligen, geschmacklosen Gesten wurde uns geboten. [...] Diese animalische Gegenständlichkeit wird das echte Publikum niemals akzeptieren."

Hier echauffiert sich kein Geringerer als Gaston Calmette, Direktor der Pariser Zeitung Le Figaro. Er hatte am 29. Mai 1912 eine Premiere der Ballets Russes besucht, einer Compagnie unter russischer Leitung, die seit einigen Jahren in Paris Furore machte. Aufgeführt wurde L'Après-midi d'un Faune, ein knapp zehnminütiges Tanzstück nach der Musik von Claude Debussy. Den Faun gab ein junger Mann, der als "Gott des Tanzes" in die Ballettgeschichte eingehen sollte: Vaslav Nijinskij, ein polnischstämmiger, in Sankt Petersburg klassisch ausgebildeter Tänzer am Beginn seiner Weltkarriere. Impresario Sergej Diaghilew hatte ihm erstmals auch die Choreografie überlassen, obwohl die Truppe gegen Nijinskijs Perfektionismus rebellierte. Diaghilew erhoffte sich davon neue künsterische Impulse für die Ballets Russes - und bewies einen sicheren Instinkt.

An jenem Abend in Paris löste Der Nachmittag eines Fauns jedoch erst einmal einen Tumult aus: Tosender Beifall mischte sich mit Pfiffen und Schmährufen. Der Bildhauer Auguste Rodin applaudierte im Stehen; am nächsten Tag schrieb er im Le Matin:

"Da gibt es kein Tanzen, keine Sprünge mehr, nur noch Haltungen und Gesten [...]: Er räkelt sich, stützt sich auf die Ellenbogen, läuft in gebückter Haltung, richtet sich auf, geht vorwärts und weicht zurück mit mal langsamen, mal eckigen Bewegungen. […] Seine Schönheit reicht an die antiker Fresken und Bildhauerei heran."

Die Presseschlacht lockte Scharen von Besuchern ins Théatre du Châtelet. Bis zu zehn Zugaben verlangte das Publikum. Wer in der Pariser Gesellschaft mitreden wollte, musste den Faun gesehen haben.

Was passiert da eigentlich auf der Bühne? Ein Faun beobachtet von seinem Hügel aus sieben Nymphen. Als er neugierig zu ihnen heruntersteigt, fliehen sie. Nur die größte von ihnen bleibt und neckt ihn. Dann flieht auch sie und verliert dabei ihren Schleier. Der Faun nimmt ihn mit auf seine Anhöhe und streckt sich zärtlich auf ihm aus. Kurz sieht man seine Hand unter den Bauch gleiten. Der Vorhang fällt.

Claude Debussy hatte sich zu seinem Prélude à l'après-midi d'un faune von einem Gedicht inspirieren lassen: Stéphane Mallarmés Nachmittag eines Fauns, ein Meisterstück des Symbolismus, hier gelesen von Klaus Kinski.

"Und immer wieder nimmt mein Herz
die Flöte auf
und zieht die Töne aus dem Holz.
Besingt mit einem nie gespielten Lied den Schwanenhals, den weißen Mädchenstolz. Besinge sie, mein Zwillingsrohr!"

Während der Arbeit an der Choreografie verbrachte Nijinskij viel Zeit in der Antikensammlung des Louvre. Dort studierte er die Posen der Figuren auf den Vasen und Basreliefs. Neunzig Proben waren nötig, um seine Vision eines lebenden Freskos auf die Bühne zu bringen. Für die Rolle der Großen Nymphe wurde Lydia Nelidova aus Moskau engagiert. Ida Rubinstein, Nijinskijs Wunschbesetzung, hatte abgelehnt:

"In meiner Rolle gab es keine einzige natürliche Bewegung, kein einziger normaler Schritt auf der Bühne war vorgesehen. Zeigten Kopf und Beine nach rechts, war der Körper nach links gewendet. Nijinskij wollte das Unmögliche."

Zum Skandalerfolg des Balletts trug auch das hautenge fleischfarbene Trikot mit den dunkelbraunen Tupfen bei, das Bühnenbildner Léon Bakst für den Faun entworfen hatte. Der Dichter und Maler Jean Cocteau genoss diesen Anblick:

"Ein unvergeßliches Schauspiel, das uns in heiliger Betroffenheit erstarren lässt."

Mit L'Après-midi d'un Faune gelang den Ballets Russes der Anschluss an die Avantgarde. Das Ballett gilt als Referenzwerk der künstlerischen Moderne; viele Wiederaufnahmen, etwa mit dem kongenialen Rudolf Nurejew, zeugen von seiner Zeitlosigkeit. Doch was der verliebte Faun mit dem Schleier treibt, kann heute niemanden mehr erschüttern.

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