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Montag, 18.12.2017

Kompressor | Beitrag vom 05.12.2017

Beobachtung durch den VerfassungsschutzEine Fotografin "schießt" zurück

Von Swantje Unterberg

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Fotoband "Shooting Back" (Deutschlandfunk Kultur/Swantje Unterberg)
Der Fotoband "Shooting Back" der Fotografin Marily Stroux. (Deutschlandfunk Kultur/Swantje Unterberg)

Mit ihren Fotos von Polizeieinsätzen wie dem Castortransport ist Marily Stroux in Zeitungen, Ausstellungen – und in einer Akte des Verfassungsschutzes gelandet. Jetzt antwortet die Fotojournalistin mit dem Bildband "Shooting Back" auf die jahrelange Bespitzelung.

Rex Gildo vor dem Eingangsportal der Roten Flora, breites Zahnpastalächeln, umringt von jungen Punkern: eine Hamburger Bildikone, geschossen von Fotografin Marily Stroux. Vielleicht wurde der Schlagersänger anschließend auch überwacht, scherzt sie:

"Genauso wie die ganzen Alten, die vom Altersheim zum Besuch kamen in der Roten Flora und Tee tranken und so."

Marily Stroux, 67, gebürtige Griechin und seit Jahrzehnten in Hamburg als Fotojournalistin aktiv, wird überwacht. Das weiß sie, weil sie im vergangenen Jahr Post vom Verfassungsschutz bekommen hat:

"In diesem Brief sind lauter Termine, also 31 Termine, die mir vorgeworfen werden, und die Begründung sein sollen, dass ich eine gefährliche Linksextremistin bin. Wir haben gelacht und dann war ich geschockt und wie das so ist. Und dann habe ich irgendwann gedacht, das behalte ich nicht für mich, sondern ich mach daraus das, was ich gut kann, und mach ein Buchprojekt daraus."

28 Jahre Bespitzelung

Nach einem Jahr Arbeit in verschiedenen Archiven liegt das Schwarz-Weiß-Bändchen im Format 22 Mal 22 vor ihr: "Shooting Back. Eine fotografische Antwort auf 28 Jahre Bespitzelung." Jeden einzelnen Termin hat Stroux überprüft. Meist wird ihr vorgeworfen, an einer Protestaktion "teilgenommen" zu haben. Einen Satz sagt sie beim Durchblättern der Broschüre deshalb besonders häufig.

"Ich hab nicht teilgenommen, ich habe das fotografiert, aber insofern war ich dabei."

Jedem der Vorwürfe stellt sie ihre Fotos gegenüber, ergänzt durch bebilderte Zeitungsartikel, meist aus der taz, für die sie viele Jahre gearbeitet hat.

"Das ist auch noch ein Beweis dazu, dass es journalistisch gemacht wurde."

Fotoband "Shooting Back" (Deutschlandfunk Kultur/Swantje Unterberg)Auszug aus dem Fotoband "Shooting Back" der Fotografin Marily Stroux.  (Deutschlandfunk Kultur/Swantje Unterberg)
Das dünne Bändchen wirkt selbst ein bisschen wie eine linksradikale Broschüre: Die Vorwürfe sind wie bei einem Bekennerschreiben aus dem Originalbrief ausgeschnitten und eingeklebt. Der umfangreiche Begleittext, in dem Stroux den Kontext zum jeweiligen Termin liefert, ist an der Schreibmaschine verfasst. In Grammatik und Rechtschreibung gibt es Dutzende Fehler.

"Das ist richtige Absicht, ja. Ich wollte auf keinen Fall, dass es aussieht wie ein schön grafikgemachtes Büchlein."

Stroux liefert damit selbst wieder eine Rahmung für ihr Werk. Denn klar ist: Sie versteht sich nicht als neutrale Fotojournalistin. 

"Ich finde es total wichtig zu zeigen, wo man steht und von wo aus man berichtet. Ich sag dann ´embedded to the human right` oder ´Kein Mensch ist Illegal`, was mir wichtig ist."

Warum wurde die Journalistin bespitzelt?

Warum Stroux in das Raster des Verfassungsschutzes geriet, ist unklar. Journalisten gibt die Behörde zu einzelnen Fällen keine Auskunft. Und Stroux selbst hat nur Auszüge aus ihrer Akte bekommen. Der erste bekannte Eintrag stammt aus den 80-ern. Da hatte sie sich im Initiativkreis Hafenstraße für den Erhalt der besetzten Häuser eingesetzt.

"Da waren Jugendrichter, Pastoren, Gewerkschafter, Rechtsanwältinnen, was du willst, und halt Fotojournalistinnen, und das einem vorzuwerfen, ist sehr witzig."

Die Fotografin Marily Stroux (Deutschlandfunk Kultur/Swantje Unterberg)Die Fotografin Marily Stroux blättert durch den Ordner, den sie zu den Vorwürfen des Verfassungsschutzes angelegt hat. (Deutschlandfunk Kultur/Swantje Unterberg)
Besonders grotesk ist der Vorwurf 13, vom 1. Juni 2007. Da hatte Stroux dagegen geklagt, dass ihr beim G8-Gipfel in Heiligendamm die Akkreditierung verweigert wurde – mit Erfolg: 

"Es wird mir vorgeworfenen, dass das Gericht mir recht gegeben hat. Das ist auch ein richtig brisanter Vorwurf, finde ich."

Ab 2008 häufen sich die Einträge gegen Stroux. Unter anderem wird ihr vorgeworfen, sich "mehrfach an internen Treffen der autonomen Szene beteiligt" zu haben. Die Anschuldigung kontrastiert Stroux mit Bildern aus dem Inneren der Roten Flora: Einer Seniorenrunde beim Kaffeeklatsch, zwei Tanzenden bei einer Theateraufführung, einem reich dekorierten Tisch in der sogenannten Volxküche. Oder eben dem Schlagersänger Rex Gildo.

Stroux selber wird laut einem jüngeren Brief des Verfassungsschutzes noch immer überwacht. Sie klagt, doch das Verfahren zieht sich. Dank ihrem Buch "Shooting Back" denke sie aber kaum noch daran:

"Ich hab das gemacht, was ich machen wollte: Das zurückgegeben."

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