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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 23.01.2017

Beginn der Ära TrumpMit Shakespeare gegen Trump

Von Mathias Greffrath

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William Shakespeare als Wachsfigur (picture alliance / dpa / Foto: Jens Kalaene)
Die neue Wachsfigur des englischen Lyrikers William Shakespeare aus dem Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds wird am 29.10.2015 in Berlin im Ballhaus Berlin vorgestellt. (picture alliance / dpa / Foto: Jens Kalaene)

Wir reiben uns noch immer die Augen! Der neue König hat den Thron bestiegen. Seine Kumpane und seine Familie sind in Position gebracht, die Rivalen liegen im Staub. Wie kann man das begreifen? Vielleicht mit Shakespeare?

"Sie müssen wirklich nicht jahrelang Shakespeare studieren, aber wenn Sie ein paar von seinen Sachen kennen, so dem Inhalt nach, kann Ihnen das nützlich sein beim Dealen mit Leuten, die rundum gebildet sind." Das steht in einem der Ratgeberbücher, die Donald Trump unter seinem Namen hat schreiben lassen. Sie tragen Titel wie "Denk Groß und tritt die anderen in den Arsch" und die Ratschläge darin lauten "Zaudern Sie nicht. Zielen Sie auf die Halsschlagader" oder "Rache tut gut".

Ein Verschnitt aus Falstaff und Hamlet

Und wo hätte Shakespeare angesetzt am Freitag? Hätte er nicht aus dem Moment, als der Mann mit der Clownsfrisur im langen Gang zur Tribüne auf dem Kapitol kurz in die Kamera feixte, einen komischen Monolog gemacht, über Sein und Schein? So einen Verschnitt aus Falstaff und Hamlet? "Ich hab das nicht gewollt, ich wollt doch nur Reklame machen für meine verschuldete Firma, anderthalb Milliarden, und jetzt muss ich regieren. Muss ich? Kann ich? Kann ich. Doch was?"

Und dann die Haupt- und Staatsaktion, ein gefundenes Fressen für den Königsdramendichter. Wie der ergraute Senator die Zivile Religion beschwört: "Bewahrt die Institutionen, sie schützen uns. Wir alle sind das Volk, auch Muslims und Migranten, Behinderte und Schwule, wir alle sind Amerika. Uns hat der neue Präsident zu dienen."

"Seht so schwört ein Usurpator!"

Worauf der aufsteht, seinen Schwur zu leisten, und dann - und allen stockt, in Shakespeares Fassung jedenfalls, der Atem - die Hand nicht auf die Bibel legt, die schon Lincoln diente. "Seht auf die Hand", kommt von den Rängen ein entsetzter Ruf. "Seht auf die Linke. Seht, so schwört ein Usurpator. Er schwört nicht auf die Republik, er schwört auf die Familienbibel. Und Frau und Kinder umringen ihn und triumphieren mit. Er stellt sich über die Nation."

Und dann, nach diesem Sakrileg an der zivilen Religion, beleidigt er sie: alle, die auf der Tribüne stehen: Sie hätten das Land verkrüppelt, ans Ausland verkauft, Fettlebe gemacht und Feste gefeiert, während das Volk darbte. Das Volk, das er nun retten wird.

Und hätte Shakespeare zu diesen aufgeblasenen Tönen nicht zwei Typen aus dem Volk in Knittelversen den Einzug der Ministertruppe kommentieren lassen: "Da kommt ja Privatschul-Bildungs-Betsy, die wird jetzt dafür sorgen, dass nur noch die was lernen, die es brauchen. Ein Hoch dem Minister für Niedriglöhne, er macht die Hamburger billiger. Und endlich haben wir 'nen Kriegsminister, dem's Spaß macht, böse Menschen zu erschießen. Und ist, wer selbst mit Spekulieren reich geworden, als Wirtschaftsminister nicht recht ideal besetzt?"

"Schaut schaut, das lassen sie mit sich machen!"

Und hätte dann, bei Shakespeare, auf der Tribüne nicht einer wenigstens widersprochen - oder wären nicht alle gegangen? Und hätte, so wie sie blieben und gute Mienen machten, der Shakespeare-Trump nicht laut gedacht: Schaut schaut, das lassen sie mit sich machen. Dann kann ich auch noch anderes riskieren.

"Wie konnte es geschehen, dass ein mächtiges Land von einem Psychopathen regiert wird?" Das sei, so schrieb der Shakespeare-Kenner Stephen Greenblatt, das eigentliche Thema der Tragödie von Richard III. Nicht Richard ist das Thema: das unsichere, wütende, ungeliebte, Kind mit seiner unersättlichen Gier nach Anerkennung - oder Vernichtung derer, die ihn verachten. "Wie konnte es geschehen?"

Das schlimme Schauspiel grimmig genießen

Dass Richard ein Schurke war, war allen offensichtlich, so klar es ist, dass Trump ein Lügner, ein Narzist, ein Bankrotteur und ein Rassist ist. Die Tragödie ist, dass, die es wussten, ihn zugelassen haben. Weil sie selbst das Volk vergessen hatten, weil sie glaubten, es werde schon so schlimm nicht kommen, weil sie mit ihm noch reicher werden wollen - oder, und vielleicht das schlimmste: weil etwas in ihnen - und auch in uns - dies schlimme Schauspiel grimmig genießen lässt. Die Vulgarität, die Brutalität, die unverstellte Gier der Herren dieser Welt. Das schafft doch Klarheit, wenn sie auch im Offenen regieren, die neuen Feudalen, die ihre Kinder gleich mitbringen in die Regierung. Und als erste Amtshandlung den Tag ihre Krönung zum Nationalen Feiertag erklären.

Und Shakespeare? Der würde jetzt sagen: politische Feuilletons sind angesichts dieser Art von Machtergreifung sicher nicht das rechte Genre der Gegenwehr.

Der Publizist Mathias GreffrathDer Publizist Mathias Greffrath auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2007.

Mathias Greffrath, Soziologe und Journalist, Jahrgang 1945, arbeitet für DIE ZEIT, die taz und ARD-Anstalten über die kulturellen und sozialen Folgen der Globalisierung, die Zukunft der Aufklärung und über Theater. Letzte Veröffentlichungen u.a.: "Montaigne – Leben in Zwischenzeiten" und das Theaterstück "Windows – oder müssen wir uns Bill Gates als einen glücklichen Menschen vorstellen?". Greffrath lebt in Berlin.

Politisches Feuilleton

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