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Konzert / Archiv | Beitrag vom 06.06.2018

Begegnungen mit dem Komponisten und Theologen Dieter Schnebel (2/5)„Keiner weiß, was Musik ist, aber alle wissen, was sie nicht ist.“

Experimentelle Musik und kritische Theologie / Kritische Musik und experimentelle Theologie

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Der Komponist und Theologe Dieter Schnebel (Carolin Naujocks)
Der Komponist und Theologe Dieter Schnebel (Carolin Naujocks)

Am Pfingstsonntag 2018 starb Dieter Schnebel im Alter von 88 Jahren. Zwischen November und Februar 2018 war er für eine Gesprächsreihe zu Gast im Deutschlandfunk Kultur. Diese "Begegnungen mit Dieter Schnebel" sind nun zum Vermächtnis geworden.

Für den Komponisten und Theologen Dieter Schnebel war Kunst kein abgeschlossenes Produkt. Er verstand sie vielmehr als Prozess, bei dem es auf den statu nascendi ankommt. Mit dieser Haltung ist er zu dem großen experimentell arbeitenden Komponisten des 20. Jahrhunderts geworden.

Zwei Lehrer habe er gehabt, ohne je eine Kompositionsstunde bei Ihnen genossen zu haben: Karlheinz Stockhausen und John Cage. Tief im seriellen Denken verwurzelt – das in den Nachkriegsjahren einen ästhetischen Neuanfang garantieren sollte – hat sich Dieter Schnebels Komponieren nicht allein auf das rationale Organisieren akustischer Messgrößen (Tonhöhe, Dauer, Lautstärke) beschränkt. Vielmehr hat er früh schon das serielle Strukturieren auf komplexere Zusammenhänge, auf dynamische Prozesse, ausgeweitet. Immer sind diese Vorgänge konkret, denn "Klangvorgänge" stehen bei Dieter Schnebel für "Lebensvorgänge". 

Und weil echte Lebensvorgänge nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar und fühlbar sind, ist Dieter Schnebels experimentelle Musik konsequenterweise beim Visuellen, beim Theater angekommen. Doch erzählt dieses Theater keine traditionellen Geschichten, denn was sich dort ereignet, sind die Klangvorgänge selbst.

In den inzwischen über 70 Jahren kompositorischer Arbeit hat Dieter Schnebel ein schier unüberschaubares Werk geschaffen, das zugleich akribisch strukturiert ist: da gibt es Phonetische Musik, Sichtbare Musik, Organische Musik, Psychoanalytische Musik, Experimentelles Theater usf. mit vielen Ableitungen und Seitenlinien, z.B. Zeichen-Sprache und Schau-Stücke.

Die unerwarteten Beziehungen, die aus diesem systematisch-experimentellen Vorgehen resultieren, machen das ebenso überraschende wie befreiende Moment seiner Musik aus. Denn Dieter Schnebels Komponieren bedeutet immer auch einen Emanzipationsprozess.

In fünf Gesprächen berichtet Dieter Schnebel von seinem Leben zwischen experimenteller Musik und kritischer Theologie, von den tragischen und komischen Seiten des Lebens.

Die heutige, zweite Sendung handelt von den Widersprüchen zwischen Kirchenalltag und  Experimenteller Musikszene, von der "Glossolalie", einem experimentellen Stück für Stimme, Text und Szene mit dem Dieter Schnebel berühmt geworden ist, von seinen allerersten Fluxus-Erfahrungen zu Beginn der 60er Jahre, von "Schulmusik" und davon, dass es auch eine Musik zum Sehen geben kann.

Als der Begriff „Fluxus“ 1962 bei den Wiesbadener Konzerten erstmals in die Öffentlichkeit gelangte, tauchte er in Kombination mit der Bezeichnung „Neueste Musik“ auf. (Carolin Naujocks)Plakat zu den Fluxus-Konzerten Wiesbaden, 1962 (Carolin Naujocks)

Begegnungen mit dem Komponisten und Theologen Dieter Schnebel (2/5)

Pfarrdienst vs. Experimentelle Musik, Karlheinz Stockhausen, John Cage, Fluxus, Sichtbare Musik
Carolin Naujocks im Gespräch mit Dieter Schnebel
(Teil 3 am 13. Juni 2018)

Mit Ausschnitten aus folgenden Kompositionen:


Dieter Schnebel

"Glossolalie"(1959-60)
für 2-4 Sprecher und 2-4 Instrumentalisten
Vokale und instrumentale Aktionen auf einer Bühne und im Raum

Gisela Saur-Kontarsky, Sprechstimme
Hans G Helms, Sprechstimme
Eduard Wollitz, Sprechstimme
Ursula Burghart-Kagel, Sprechstimme
Annemarie Bohne, Instrumente
Christoph Caskel, Instrumente
Aloys Kontarsky, Instrumente
Leitung: Mauricio Kagel     


Dieter Schnebel

"Glossolalie 94" (1959-60, rev.1961, rev.1994)
Vom "ensemble recherche" 1994 erarbeitete Neufassung für 2 Sprechstimmen und 5 Instrumente

Liliana Heimberg, Sprechstimme
Stephen Lind, Sprechstimme
ensemble recherche, Freiburg


Dieter Schnebel

"Compositio" für Orchester
aus: Versuch I-IV (1953-54/1964-65)

Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken
Leitung: Hans Zender


George Brecht
"Incidental Music" (Publikumsreaktionen)

David Tudor bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik Darmstadt, 1961


John Cage
"The perilous night" (1943-44)
Suite für präpariertes Klavier

Grete Sultan, Klavier


Dieter Schnebel
"anschläge-ausschläge" (1965-66)
Szenische Variationen für 3 Instrumentalisten

Beatrix Wüthrich-Mathez, Flöte
Regula Häuser, Violoncello
Susanne Baltensberger, Cembalo


Dieter Schnebel
"Zahlen für (mit) Münzen"
aus: Schulmusik, Erfahrungen II 1 (1985)
für 4 Ausführende oder 4 Gruppen

Arbeitsgemeinschaft Neue Musik Karlsruhe
Leitung: Alexander Schwan


Dieter Schnebel
"ki-no"
Nachtmusik für Projektoren und Hörer (1963-1967, rev. 1972)
für 1 Sprecher, Schlagzeug, Tonband und 2-4 Diaprojektoren

Realisation: Josef Anton Riedl (Klangreihung)


Dieter Schnebel
"Choralvorspiele I" (1966, 1968/69)
für Orgel, Nebeninstrumente und Tonband
Aus: "Für Stimmen (... missa est)"

Gerd Zacher, Orgel
Juan Allende-Blin, Nebeninstrumente
Hans Martin Balz, Nebeninstrumente
John McCaughey, Nebeninstrumente
Giusepe G. Englert, Tonband-Aussteuerung
Leopold Keijsers, Tonband-Aussteuerung
Timothy Albrecht, Tonband-Aussteuerung
Ingrid Urbasch, Reporter-Mikrophon
Albrecht Dümling, Registrant
Interpreten-Ensemble Darmstadt, Posaunenchor
Leitung: Johann Walter Scharf

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