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Religionen / Archiv | Beitrag vom 16.11.2014

Begegnung der ProphetenJesus trifft Mohammed

Der Komponist Erhan Sanri hat eine muslimische Kantate erschaffen

Von Arne Reul

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Ein Kruzifix in Oberschwaben (M. C. Hurek / dpa / picture alliance)
Ein Kruzifix in Oberschwaben (M. C. Hurek / dpa / picture alliance)

Eine Kantate mit Texten aus dem Koran - geht das überhaupt? Strenggläubige Moslems wollen doch nichts hören von Musik. Aber davon hat sich der Komponist Erhan Sanri nicht schrecken lassen - und die Kantate "Begegnung der Propheten" geschaffen.

Der Chor Berliner Cappella und der Ölberg-Chor der evangelischen Emmaus-Kirchengemeinde in Berlin trafen sich in den vergangenen Wochen häufig zu intensiven Proben. Sie haben gemeinsam ein Werk einstudiert, das ein musikalisches Novum darstellt: Es handelt sich um eine muslimische Kantate – ihr Titel: "Begegnung der Propheten". Komponiert wurde die Kantate von dem in Hamburg lebenden türkischstämmigen Komponisten Erhan Sanri. Jetzt wird sie in der Berliner Philharmonie uraufgeführt. Die Brisanz des Vorhabens ist dem Komponisten durchaus bewusst.

Erhan Sanri: "Kantate und muslimisch – irgendwie beißt sich das ein bisschen. Aber genau das habe ich ja gewollt, bzw. ich wollte keinen beißen, ich wollte einfach nur eine Versöhnung haben, wenn Sie so wollen. Ich wollte den Muslimen das Recht geben, auch eine Kantate schreiben zu dürfen, was ist denn so schlimm daran! Das darf doch nicht ein Vorrecht sein von Christen, dass nur die das dürfen! Und deswegen: Muslimische Kantate."

Erhan Sanri verwendet für seine Kantate Texte aus dem Koran, indem er verschiedene Suren zu einer eigenen Dramaturgie zusammenführt. Streng genommen gelten die Worte des Koran als so heilig, dass sie eigentlich nicht gesungen werden dürften. Eine Vertonung mit großem Chor, Solisten und Orchestern sprengt da jeglichen Rahmen.

Aus dem multikulturell geprägten Kreuzberg

Auf der anderen Seite ist für den Gläubigen das kunstvolle Rezitieren der poetischen Suren genauso wichtig wie der Koran selbst. Sein anmutiger Vortrag lässt sich als ein ästhetisches Erleben deuten, als ein Akt der Offenbarung, der den Zuhörer zugleich von der Schönheit Gottes überzeugen soll. Ein solcher melodischer Vortrag wiederum lässt die Grenze zur Musik verschwimmen.

Erhan Sanri möchte mit seiner ganz eigen konzipierten muslimischen Kantate niemanden vor den Kopf stoßen. Für die Zusammenstellung der Texte hat er deshalb eng mit dem anerkannten Islamforscher Hartmut Bobzin zusammengearbeitet. Zudem verwendet der Komponist unter anderem Bobzins deutsche Übersetzung des Korans, deren Vertonung theologisch unverfänglicher erscheint als die arabischen Originaltexte.

Bemerkenswert ist allerdings, dass auch ein evangelischer Kirchenchor sich an der Uraufführung dieser muslimischen Kantate beteiligt. Für den Kantor Ingo Schulz, der den Ölbergchor leitet, ist die religiöse Offenheit Teil des Selbstverständnisses seiner Gemeinde, die im multikulturell geprägten Kreuzberg beheimatet ist. Solche und ähnliche religionsübergreifenden Projekte macht man nicht zum ersten Mal.

Ingo Schulz: "Wir haben da eigentlich in dieser Gemeinde relativ wenig Berührungsängste, auch in unseren Konzertprogrammen: Wir haben aufgeführt das 'African Sanctus' von David Fanshawe, wo eine ganz spannende Konstellation gleich im 2. Satz ist: Ein Kyrie singt parallel zum Muezzin. Also der Muezzin aus Kairo kommt vom Tonband und der Chor singt live a cappella ein Kyrie dazu, was wunderbar zusammen klingt."

Koran blickt auf Jesus und Moses

Die Kantate "Begegnung der Propheten" besteht aus drei großen Teilen. Sie sind Mohammed, Jesus und Mose gewidmet. Bereits durch den Titel wird die muslimische Lesart der Protagonisten deutlich, denn für einen Christen gilt Jesus als der Sohn Gottes und nicht nur als einer seiner Propheten.
Unter den Sängerinnen und Sängern des Kirchenchores führte dies zu einer intensiven Diskussion über einzelne Textpassagen.

Erhan Sanri: "Nach dem Stück: Jesus gleicht Adam, ist ja meine 'Nicht-Kreuzigungs-Fuge' – 'Sie haben Jesus nicht getötet – Sie haben ihn nicht gekreuzigt'. Und das könnte ich mir vorstellen, dass das für Christen ein bisschen hart ist."

Für einen Moslem ist Jesus nicht gekreuzigt worden, dies verbietet allein schon seine Stellung als Prophet. Gerade solche kontroversen Stellen fordern zum Dialog auf. Gleichzeitig wissen Christen häufig nicht einmal, welche bedeutende Rolle Jesus im Islam einnimmt.

Der Propheten-Status von Jesus, Mohammed und Mose im Koran kann also auch als ein die Religionen verbindendes Element angesehen werden. Daraus ergibt sich, so Kerstin Behnke, die Leiterin der Berliner Cappella, von der zugleich die Initiative für das Auftragswerk kam, die Chance einer gegenseitigen Anerkennung.

Kerstin Behnke: "Der Koran blickt ja zurück auf die vorherigen Propheten: Jesus, Moses. Genauso verläuft es in unserem Stück: Wir haben zuerst Mohammed, der die Offenbarungen empfängt, dann einen Abschnitt über Jesus und dann den letzten Abschnitt über Moses. Und damit würdigt er ja letztendlich diese beiden Vorgänger-Religionen. Und das wiederum entspricht dem Gedanken des Konzertes: Weil in dem Moment, wo wir diese Koraninhalte in einen bürgerlichen Konzertsaal stellen, versuchen wir wiederum, den Islam zu würdigen."

Musik als Metapher für Glaubensdialog

Diese Würdigung ist auch mit musikalischen Elementen ins Werk gesetzt. Neben dem Chor und dem Instrumentarium eines klassischen Orchesters erklingen typisch arabische Instrumente.

Erhan Sanri: "Diese orientalischen Instrumente, die spielen eine wichtige Rolle bei mir. Die haben auch gewisse Freiheiten. Das macht die Sache wirklich sehr authentisch, finde ich. Darauf bin ich auch sehr, sehr stolz."

Kerstin Behnke: "Diese Extra-Instrumente sind jetzt arabische Instrumente: eine Flöte und eine Laute – ein Nay und ein Oud. Und die sind traditionell improvisierende Instrumente. Und jetzt haben wir unsere Musiker, die werden ganz genau hinhören müssen, wie das klingt, um überhaupt zusammen spielen zu können."

Wenn man so will, dient hier die Musik als Metapher für einen Glaubensdialog. Das Konzert kann an diesen Stellen nur gelingen, wenn man intensiv aufeinander hört. Jeder Spieler und Sänger muss in diesen Teilen quasi die Chance haben, seine musikalischen Standpunkte zu äußern, er muss sich aber gleichzeitig mit den anderen in Beziehung setzen.

Die Uraufführung der Kantate "Begegnung der Propheten" heute Abend in der Berliner Philharmonie, einem der repräsentativsten Konzerthäuser Deutschlands, könnte also auch einen Dialog in Gang setzen, der durch ein besseres gegenseitiges Verstehen Brücken zwischen den Religionen baut. Der Komponist Erhan Sanri betont, dass er jeden Glauben respektiert. Er selbst kommt aus einem muslimischen Elternhaus, in dem Toleranz immer einen großen Stellenwert besaß.

Erhan Sanri: "So wie mir meine Eltern immer wieder gesagt haben – das Typische für den muslimischen Glauben ist, dass man das duldet, wenn neben einem ein Jude ist, und neben einem ein Christ ist. Also, dass man nichts gegen die hat. Und so etwas sollte man eigentlich wieder anstreben."

 

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