Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
 

Dienstag, 12.12.2017

Konzert / Archiv | Beitrag vom 17.08.2017

BBC PromsLustvoll ins Vergangene tauchen

Aus der Royal Albert Hall, London

Der finnische Komponist Esa-Pekka Salonen. (picture alliance / dpa / Vesa Moilanen)
Dirigent des Abends: Esa-Pekka Salonen. (picture alliance / dpa / Vesa Moilanen)

Letztlich sind alle Künstler Traditionalisten, denn völlig voraussetzungslos arbeitet keiner. Die Werke von Strawinsky und Adams in diesem BBC-Proms-Konzert gewinnen aber sogar eine fast familiäre Nähe zum Überlieferten.

Wobei es noch einmal etwas anderes ist, ob der altersmild gewordene Ex-Klangrevoluzzer Igor Strawinsky 1956 die anspruchsvolle Kontrapunktik eines Bachschen Orgel-Spätwerkes anders einfärbt und vielleicht auch ein wenig ent-liturgisiert, indem er sie für  Chor und Orchester umschreibt; oder ob John Adams, in seinen frühen Jahren ein Vertreter der Minimal Music, es 1999 zum Erlebnis werden lässt, wie sich deren reduzierte und über lange Zeiträume stetig wiederholte Klangformeln aufs Beste mit einer weit entfalteten spätromantischen Entwicklungsharmonik à la Bruckner oder Sibelius verbinden lassen.

Das suggestive Ergebnis dessen, die über drei Sätze und fast eine Stunde ausgespannte "Naïve and Sentimental Music" (was sich auf eine der kunsttheoretischen Schriften Friedrich Schillers bezieht) bildet den Zielpunkt dieses Abends. Die Tatsache, dass dafür eine noch nicht einmal zwanzig Jahre alte Komposition zum Einsatz kommt, könnte schon allein alle Klischees über die BBC Proms als Schauplatz leicht käuflicher und tendenziell anspruchsloser Klassik-Vergnügungen widerlegen. Man darf eben eine lockere äußere Veranstaltungsform, für die die sommerlichen Londoner Konzerte fraglos eine Vorreiterrolle spielten, nicht mit inhaltlicher Flachheit verwechseln. Für die Hardcore-Kulinariker indessen hat Esa-Pekka Salonen – seinerzeit Uraufführungs-Dirigent des Adams-Werkes und seitdem ein gleichermaßen kompetenter wie begeisterter Werber für diese Musik – auch noch etwas mitgebracht: Maurice Ravels sinnlich glitzernde "Shéhérazade"-Gesänge dürften mit Marianne Crebassa zum puren Ohrenschmaus werden.


BBC Proms

Royal Albert Hall London

Aufzeichnung vom 02.08.2017


Johann Sebastian Bach/Igor Strawinsky

Choral-Variationen über "Vom Himmel hoch” BWV 769 für Chor und Orchester


Maurice Ravel

"Shéhérazade", Drei Gedichte für Sopran und Orchester


John Adams

"Naïve and Sentimental Music” für Orchester


Marianne Crebassa, Mezzosopran

Philharmonia Voices

Philharmonia Orchestra

Leitung: Esa-Pekka Salonen

Konzert

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur