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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.04.2016

Barrie Kosky inszeniert Verdis "Macbeth"Begeisterung für ein mörderisches Paar

Von Roger Cahn

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Der Australier Barrie Kosky (picture alliance / dpa - Thalia Engel)
Der Australier Barrie Kosky (picture alliance / dpa - Thalia Engel)

Barrie Koskys "Macbeth“-Inszenierung im Opernhaus Zürich ist ein einziger Albtraum - und genau das macht die Faszination aus. Weit weg von gewohnter Verdi-Ästhetik überrascht sie akustisch wie visuell.

Den Rahmen für diese Inszenierung schafft Klaus Grünberg mit seinem schwarzen Bühnenbild. Ein endloser Tunnel ohne Licht am Ende, vorne im Focus hell beleuchtet ein weisser Raum mit zwei Stühlen: das Wohnzimmer des Ehepaars Macbeth.

Barrie Kosky konzentriert die ganze Oper auf die Perspektive dieser beiden machtgierigen Menschen. Ein sich offensichtlich liebendes Ehepaar. Er ein Schwächling, sie eine starke Frau, die weiß, wie sie ihren Gatten auf Trab bringt. Ist dieser einmal "auf Touren gebracht", hüte man sich vor ihm, denn er ist äußerst gefährlich!

Barrie Kosky wäre nicht Barrie Kosky, wenn es nicht auch verspielte Elemente auf der Bühne zu sehen gäbe. Allen voran ein Bewegungschor von Höllenwesen, die sowohl tot als auch lebendig, real und irreal, männlich und weiblich sind. Sie spielen die Hexen, Partygäste und am Ende die Würmer, die den toten Macbeth ins Grab ziehen.

Real oder irreal? Diese Frage stellt sich drei Stunden lang: Geschehen all die Grausamkeiten, die man zu sehen bekommt wirklich oder nur in der Fantasie der beiden Hauptfiguren als Ausgeburten ihrer Machtgier? Die Aufführung bleibt ein einziger Albtraum. Und genau das macht ihre Faszination aus.

Verdis Musik klingt unerwartet neu und schrill

Genauso analytisch wie Kosky inszeniert dirigiert Shooting-Star Teodor Currentzis. Italianità sucht man vergebens. Dafür klingt Verdis Musik unerwartet neu, schrill und teilweise gar schräg. Total auf Emotionen getrimmt.

Auf der Bühne steht ein Paar, das ungleicher nicht sein könnte: Tatiana Serjan mit stimmlichen Finessen, die sie zur gegenwärtig wohl gefragtesten Lady machen, schauspielerisch dafür eher wenig überzeugend – Markus Brück, ein hervorragender Schauspieler, der stimmlich allzu oft an seine Grenzen stösst.

Fazit: Verdi ohne Italianità – Zürich hat sich mit diesem "Macbeth" vom nördlichsten italienischen Opernhaus zum südlichsten Deutschen gewandelt.

"Macbeth"
Oper von Giuseppe Verdi
Musikalische Leitung: Teodor Currentzis
Inszenierung: Barrie Kosky
Zur Webseite des Opernhaus Zürich

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