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Buchkritik | Beitrag vom 04.05.2018

Barbara: "Aber nicht in diesem Ton, Freundchen!"Pfiffige Kommentare zur Rettung der Welt

Von Eva Hepper

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Buchcover "Aber nicht in diesem Ton, Freundchen!" von Barbara (Verlag Bastei Lübbe / imago)
Buchcover "Aber nicht in diesem Ton, Freundchen!" von Barbara (Verlag Bastei Lübbe / imago)

Mal albern, mal tiefgründig: Mit minimalen Eingriffen ergänzt die Street-Art-Künstlerin Barbara den deutschen Schilderwald. "Aber nicht in diesem Ton, Freundchen!" heißt der dritte Band ihrer originellsten Streiche.

Ihre Wirkungsstätte ist der öffentliche Raum, und ihre Liebe gilt dem deutschen Schilderwald, ganz besonders Verbotsschildern. "Betreten verboten", "Bekleben verboten", "Eltern haften für ihre Kinder" – solche Tafeln versteht Barbara gerade zu als Einladung zur Intervention. Tatsächlich ist die Streetart-Künstlerin seit Jahren um keinen Kommentar verlegen.

Intelligente und witzige Konter

Mit minimalen Eingriffen – mit Ergänzungen, Randnotizen, Applikationen und Überklebungen – kontert Barbara intelligent und witzig, was laut Schild untersagt ist. Etwa wenn sie direkt darunter klebt: "Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle", "Hurra, ich klebe noch" oder "Aber nicht in diesem Ton, Freundchen!".

Der letzte dieser pfiffigen Sätze ist zugleich der Titel ihres neuen Fotobuches, das abschließende einer Trilogie, die die originellsten Eingriffe im Stadtraum dokumentiert. "Make love great again", der Spruch auf einem roten herzförmigen Schild, direkt auf den ersten Seiten zu finden, könnte das Motto dieser Publikation sein.

Von aktuellen politischen Turbulenzen geprägt

Denn Barbaras Kommentare sind von den politischen und gesellschaftlichen Turbulenzen der letzten zwei Jahre beeinflusst: der Wahl Donald Trumps, dem Erstarken der AfD, den Hass-Posts im Internet und der Flüchtlingsproblematik.

So klebt die Aktionistin etwa auf einem Fußgängerschild Spruchblasen neben die Figuren: "Woher kommst du, Mustafa?", steht in der einen. "Aus meiner Mama", in der anderen. Der Hinweis auf "spielende Kinder" zeigt statt der Piktogramme die Köpfe von Trump und Kim Jong Un mit Raketen in den Händen und auf dem Container steht: "Braune Flaschen müssen in den Altglascontainer, nicht in den Bundestag."

Sexistische Werbung, Verbote jeder Art, Wahlplakate, Straßenschilder, Hinweistafeln – nichts davon ist vor Barbaras Eingriffen und Umdeutungen sicher. Künstlerische Originalität und hintergründiger Humor sind ihre Waffen ebenso gegen politisch simple Parolen wie gegen deutsche Schildermanie und den normalen Alltagswahnsinn.

Zu einer Warnung vor Chemtrails klebt sie: "Man muss den Aluhut hin und wieder abnehmen, damit das Gehirn etwas frische Luft bekommt." Und das Graffito "Fick die Polizei" befragt sie: "Und wenn die Polizei nur kuscheln möchte?"

Mal albern, mal tiefgründig

Barbara ist mal albern, mal tiefgründig, und die Leserinnen und Leser kommen aus dem Lachen kaum heraus. Nicht jeder Satz auf diesen 144 Seiten sitzt perfekt, aber die Trefferquote ist hoch. So wundert es nicht, dass die Künstlerin, die ihre Identität übrigens wie Kollege Banksy geheim hält, eine gigantische Fangemeinde hat.

2016 erhielt sie den Grimme Online Award, und fast eine Million Menschen folgen ihr mittlerweile auf Facebook und Instagram. Dort wurden allerdings – Verbote überall –jüngst Bilder gelöscht. Etwa das Hinweisschild auf Bodenwellen, denen Barbara ein kunterbuntes Bikinioberteil verpasst hatte. Humor ist eben so eine Sache, und die Mission der Künstlerin wohl noch lange nicht erfüllt: "Mir ist schon klar, dass ich die Welt nicht retten kann, aber ich möchte es trotzdem versuchen". Viel Erfolg!

Barbara: "Aber nicht in diesem Ton, Freundchen!"
Bastei Lübbe Verlag, Köln 2018
144 Seiten, 14,00 Euro

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