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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 30.10.2017

Bahnfahren in IndienGefährlich, günstig und wie Kino

Von Margarete Blümel

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Retter bergen Menschen aus einem verunglückten Zug in Andhra Pradesh, Indien. (STRINGER / AFP)
Retter bergen im Januar 2017 Menschen aus einem verunglückten Zug im indischen Andhra Pradesh. (STRINGER / AFP)

Jeden Tag sterben im Schnitt 40 Menschen bei Bahnfahrten in Indien. Verspätungen dauern auch mal einen Tag. Deshalb will Premier Modi mit Milliarden modernisieren: Alles schneller und moderner - nur die Tickets sollen spottbillig bleiben wie bisher.

Ein ganz gewöhnlicher Mittwochabend an Neu-Delhis Hauptbahnhof. Frauen in goldflirrenden, bodenlangen Saris ziehen auf dem Weg zum Bahnsteig Handkoffer und Kleinkinder hinter sich her. Während ihre Männer die Träger der schweren Metallkisten befehligen, auf ihren Smartphones die aktuelle Abfahrtzeit des Zuges abrufen und mit einer abwehrenden Handbewegung hier und einer Kopfnuss dort die Bettler in Schach halten.

Kinder sitzen um ihre Mutter auf dem Boden eines Bahnsteiges in Neu-Delhi. Sie tragen keine Schuhe. (Margarete Blümel)Kinder sitzen um ihre Mutter auf dem Boden eines Bahnsteiges in Neu-Delhi. (Margarete Blümel)

Auf den Bahnsteigen haben sich die Wartenden so gut es geht, häuslich eingerichtet. Väter, Mütter, Kinder kauern auf dem Boden, essen, dösen, unterhalten sich oder schauen gemeinsam auf dem Laptop einen Bollywoodfilm.

In Decken gehüllte Großmütter, die zu schlafen scheinen, öffnen urplötzlich ein Auge, sobald jemand allzu nahe vorbeigeht und ziehen die Kühlboxen mit dem Reiseproviant näher zu sich heran. Ein zahnloser Fakir mit nacktem Oberkörper reckt sich, schaut kurz in die Runde, lüftet den Deckel des Korbs, in dem sich seine Kobra zusammengerollt hat und schließt das Behältnis wieder.

Auf einem Bahnsteig der indischen Hauptstadt Neu-Delhi schieben sich viele Menschen am Gleis entlang. (Margarete Blümel)Auf einem Bahnsteig der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. (Margarete Blümel)

Shashanka Nanda bahnt sich seinen Weg durch diese Szenerie. Beinahe stolpert er über den kleinen Jungen, der sich im Schlaf aus der Umarmung der Mutter herausgerollt hat. Und nur wenige Schritte weiter muss er einen Haken schlagen, um dem Träger auszuweichen, der mit zwei Koffern und einem Paket auf dem Kopf auf ihn zu schwankt.

1,3 Millionen Mitarbeiter hat Indian Railways

Shashanka Nanda ist 31 Jahre alt, Unternehmensberater und Administrator des "Indian Railways Fan Club". Mehr als achttausend Mitglieder gehören dieser Vereinigung der indischen Eisenbahnfreunde an. Es sind passionierte Bahnreisende, die alles, was indische Züge betrifft, mit großem Interesse verfolgen.

"Es sind die Größe und die Komplexität unserer indischen Eisenbahn, die sie so faszinierend macht. Denken Sie nur mal an den 'Vivek Express' – ein Zug, der beinahe vier Tage unterwegs ist, um vom Nordosten bis an die Südspitze des Landes, nach Kanyakumari, zu gelangen. Das ist die längste Zugreise, die man hierzulande zurücklegen kann. Indian Railways befördert jeden Tag Millionen von Menschen. Und außerdem sind viele meiner Landsleute bei der Bahn beschäftigt und verdienen so ihren Lebensunterhalt."

Etwa 23 Millionen Menschen sind täglich in indischen Zügen unterwegs. Indian Railways ist das wichtigste Verkehrsmittel und zugleich der bedeutendste Arbeitgeber des Landes. Auf der Gehaltsliste des Staatsbetriebes stehen 1,3 Millionen Menschen.

Zwei dieser Arbeitnehmer laufen gerade am Zug nach Mumbai entlang, in den der Bahnfan und Unternehmensberater Shashanka Nanda einsteigen will. Es sind die beiden Schaffner, die durch eine Gasse von Reisenden schreiten, um zu klären, wie viele Restplätze es noch im Zug gibt und wer eine der begehrten Einzelliegen im "AC-Sleeper", dem klimatisierten Schlafwagen, erhalten wird.

Shashanka Nanda hat sein Ticket schon online gebucht und widmet sich jetzt seinem Handy. Online diskutiert er hitzig in seiner Gruppe für Eisenbahnfreunde.

"Neue Züge, das Serviceangebot, Fahrpläne, die Technik, Dieselmotoren, Dampfloks oder was die Politik in Sachen Eisenbahn so plant. Alles, was nur irgend mit Indian Railways zu tun hat, steht in unserem Fanclub zur Debatte."

Da die indische Regierung nun dabei ist, die langfristig angelegte Modernisierung der Eisenbahn anzugehen, ist dieses Thema zum Dauerbrenner avanciert.

Wann werden die von Premierminister Modi angekündigten Hochgeschwindigkeitszüge über indische Schienen schnellen? Wo werden die Trassen für die "high speed trains" errichtet? Oder – kommen die neuen Züge gar nicht auf die Schiene? Wird die Magnetschwebebahn in Indien Einzug halten? Stimmt es, dass Indian Railways privatisiert wird? Wenn ja – was bedeutet das dann für den Service und die 1,3 Millionen Mitarbeiter?

Von Korruption ist kaum noch die Rede

Zuvor spielte lange Zeit auch das Thema Korruption immer wieder eine Rolle. Die Bestechlichkeit von Schaffnern zum Beispiel, die kurzfristig freigewordene Plätze gegen Aufpreis an Meistbietende vergeben haben sollen. Doch davon ist inzwischen kaum noch die Rede - in Zeiten von Smartphones und sozialen Medien kämen solche schwarzen Schafe wohl auch nicht mehr ungeschoren davon.

Die beiden Schaffner, die sich vor Shashanka Nandas Zug um die Verteilung der Resttickets kümmern, müssen sich allerdings einiges anhören. Es geht um Geschäftstermine, die platzen werden, um ein Tempelritual, das dem Mondkalender gemäß nur übermorgen durchgeführt werden kann und um todkranke Verwandte, die nun vergeblich warten werden – von unlauteren Methoden ist jedoch keine Rede.

Der eine der beiden Schaffner hebt beschwichtigend die rechte Hand. Sein Kollege schließt hinter dem heftig schwitzenden letzten Fahrgast die Tür. Und der Expresszug nach Mumbai setzt sich in Bewegung. Nur zwölf Minuten zu spät. Ein Rekord!

"Ich fliege zwar auch innerhalb des Landes. Aber wenn irgend möglich, nehme ich einen Nachtzug. Dann ziehe ich mich abends auf meine Liege zurück und am nächsten Morgen wird mir dann das Frühstück serviert. Also diese Nachtzüge sind schon prima! Einziges Manko – sie sind oft einfach zu langsam!"

Sagt Razi Aquil, der Passagier, der soeben das letzte Restticket erstanden hat und nun zufrieden den ersten von drei scharfgewürzten Teigkringeln aus der Papiertüte hervorholt.

Zugreisende in Indien - 2 Fahrgäste sitzen an der offenen Tür - es sieht gefährlich aus. (Margarete Blümel)Zugreisende in Indien - jeden Tag sterben bei Bahnfahrten im Land 40 Menschen. (Margarete Blümel)

Gerade bei Langstreckenzügen machen die Kunden häufig die Erfahrung, dass die Pünktlichkeit doch sehr zu wünschen übrig lässt. Selbst der als besonders schnell eingestufte Expresszug, der von Bangalore im Süden Indiens knapp 2500 km bis nach Assam fährt, tanzt hin und wieder ziemlich aus der Reihe. Umso mehr sorgte es für Verwunderung bei den Reisenden, die auf halber Strecke zustiegen, als der Expresszug neulich scheinbar so pünktlich wie noch nie war, erzählt Shashanka Nanda.

"Die Leute wunderten sich zunächst wirklich sehr – bis einer von ihnen herausfand, dass es genau andersherum war: Dieser Zug war einen ganzen Tag zu spät!"

Mit 137 Milliarden US-Dollar die Bahn modernisieren

Bereits bei seinem Amtsantritt im Mai 2014 hatte Premierminister Narendra Modi seinen Landsleuten die Runderneuerung der indischen Eisenbahn versprochen. Nun will er 137 Milliarden US-Dollar investieren, damit die indische Bevölkerung ihr riesiges Land auch weiterhin kostengünstig bereisen kann.
 
"Meine Großmutter lebt in der Nähe von Madras, etwa 2000 Kilometer von hier. Wenn meine Eltern, mein Bruder und ich uns auf den Weg machen, dann kostet uns das 1. Klasse im Moment insgesamt gerade einmal 16.000 Rupien – hin und zurück, im klimatisierten Waggon."

16.000 Rupien für die ganze Familie – das sind pro Person etwa 60 Euro für eine dreitägige Bahnfahrt mit Mahlzeiten, Sitzplatz und Schlafliege. Und noch günstiger wird es für die Reisenden außerhalb der 1. Klasse. Sie zahlen nur einen Bruchteil, um an die selben Ziele zu gelangen. Allerdings fahren sie in heißen, stickigen, völlig überfüllten Abteilen, wo Übermüdete auf dem Boden Schlaf suchen oder sogar in den Gepäcknetzen liegen.

Seit langem subventioniert die Regierung die Tickets, damit auch schlechter gestellte Inder mit der Bahn verreisen können, um ihre Verwandten wieder zu sehen, einen Pilgerort aufzusuchen oder sich in einer der Metropolen um einen Job zu bemühen.

Premierminister Modi hatte schon bei Amtsantritt versprochen, dass dies auch nach der Modernisierung so bleiben werde. Mehr noch: In Zukunft sollen Zugreisen komfortabler, schneller und vor allem sicherer werden als bisher. Der Zugreisende Razi Aquil begrüßt das sehr.
 
"Sicherheit, das ist ein Thema, das Priorität haben sollte. Denn ein Zugunglück kann hier bei uns wirklich verheerende Ausmaße annehmen."

Jeden Tag sterben 40 Menschen bei Bahnfahrten

Etwa die Hälfte des indischen Schienennetzes stammt noch aus der britischen Kolonialzeit: Das sind alte, immer wieder ausgebesserte Schienenstränge, auf denen es häufig zu schweren Unfällen kommt. Pro Tag sterben durchschnittlich 40 Menschen in Indien bei Bahnfahrten. Immer wieder ist dabei auch schierer Leichtsinn im Spiel, meint Bahn-Fan Shashanka Nanda.

"Die Leute sind manchmal nicht ganz unschuldig daran, wenn ihnen etwas passiert. Einige Passagiere hängen sich während der Fahrt bei geöffneter Zugtür nach draußen oder sie klettern aufs Dach des Zuges und machen es sich da gemütlich. Hinzukommt, dass manche Menschen die Gewohnheit haben, nicht vor Bahnübergängen zu halten."

"Ich muss aber doch sagen, dass kaum mehr als ein Prozent der Unfälle, die auf den Strecken passieren, auf menschliches Versagen zurückzuführen sind."

Betont Manesh Pratap Singh, der seit dreißig Jahren als Lokführer für Indian Railways tätig ist.

Bei einem Zugunglück in Indien sind mehr als 90 Menschen ums Leben gekommen. (AFP)Bei einem Zugunglück in Indien sind im November 2016 mehr als 90 Menschen ums Leben gekommen. (AFP)
 "Die meisten Unfälle haben mit mangelhafter Wartung und mit technischen Problemen zu tun. Oder mit Sabotage – Terrorismus spielt hierzulande ja leider eine große Rolle."
 
Anschläge im Schienenverkehr sind in Indien weit verbreitet: Mal werden Teile des Gleisnetzes entfernt, dann wieder legen die oft religiös motivierten Separatisten Feuer in den Zügen. Oder sie platzieren ferngesteuerte Bomben in Streckenbereichen, die mit höherer Geschwindigkeit befahren werden.
 
Beim Anschlag einer maoistischen Splittergruppe auf einen Expresszug vor sieben Jahren zum Beispiel entgleisten alle dreizehn Waggons. Nachdem schließlich auch noch ein entgegenkommender Güterzug in die Unfallstelle fuhr, starben 148 Menschen, mehr als 200 wurden verletzt.

Lokführer klagen über Lärmpegel von 130 Dezibel

Aber auch der Arbeitsalltag der Lokführer hat es in sich, wie Manesh Pratap Singh erzählt. Trotz Außentemperaturen im Sommer von 50 Grad in vielen Landesteilen hat er keine Klimaanlage in seiner Kabine. Und eine Heizung für den Winter und die Fahrten durch die Bergregionen gibt es auch nicht.

Nun, da die Modernisierungspläne der Regierung Gestalt anzunehmen scheinen, hoffen Indiens Lokführer darauf, dass sich damit auch ihr Arbeitsumfeld positiv verändern wird. Angesprochen haben ihre Gewerkschaftsvertreter die Thematik oft genug. Auch die Lärmbelästigung, der die Männer ausgesetzt sind.
 
"Warum man so lange braucht, um dringend notwendige Schutzmaßnahmen umzusetzen, ist mir ein Rätsel. Wir Lokomotivführer müssen einen Lärmpegel von 130 Dezibel hinnehmen. Dabei ist doch hinlänglich bekannt, dass alles, was über 80 Dezibel hinausgeht, enorm schädlich ist."
 
Ob diese Klagen der Lokführer bald Gehör finden werden?

So oder so ist die Modernisierung der indischen Eisenbahn eine Mammut-Aufgabe. Nicht zuletzt, weil Indien kaum Erfahrungen mit der Planung und dem Bau von Schienensystemen hat. Der Bahnbauingenieur Rajiv Gupta ist Mitglied der Planungskommission von Indian Railways. Er wirbt um Verständnis für die Verzögerungen des groß angekündigten Milliarden-Programms von Premier Modi.

"Indien ist so riesig, dass Deutschland einer unserer Bundesstaaten sein könnte. Hier leben mehr als eine Milliarde Menschen! Und es ist nicht so, dass es uns an Fertigkeiten oder an Talent fehlen würde. Aber wir müssen unser Budget nochmals aufstocken. Und wir brauchen mehr Zeit!"

Immerhin: In den vergangenen drei Jahren wurden bereits 16.500 neue Schienenkilometer verlegt. Außerdem wurden auf den wichtigsten Strecken Korridore für den Gütertransport gebaut, damit der Personenverkehr hier besser und häufiger fließen kann. Aber das wird nicht genügen: Auf den alten Strecken können Hochgeschwindigkeitszüge nicht fahren. In den kommenden Jahren soll daher der Bau neuer Trassen im Vordergrund stehen, sagt Bahn-Ingenieur Gupta.

"Wir haben ja auch schon ein paar neue Züge auf die Gleise gebracht – vollelektronische Modelle, die deutlich schneller sind als ihre Vorgänger. Nur – das reicht nicht. Da haben wir noch einiges an Nachholbedarf."

"Das Beste auf diesem Planeten"

24 Stunden hat Shashanka Nandas Zug für die knapp 1400 Kilometer von Delhi nach Mumbai gebraucht. Der Bahnfan und Unternehmensberater ist kurz vorm Ziel. Auf seiner Liege hat er gut geschlafen, bis der Zugbegleiter ihm das Frühstück gebracht hat. Der Tag verging mit Dösen, Lesen oder Gesprächen mit dem Reisenachbarn. Vor allem aber hat Shashanka Nanda den Blick aus dem Zugfenster genossen. So wie jetzt, wo der Zug sich durch die Vorstadt-Slums von Mumbai zwängt.

Dort stehen windschiefe Hütten – vor denen ein paar Kinder mit einer Blechbüchse Fußball spielen. Daneben, ganz, als sei sie allein auf der Welt, massiert eine junge Frau Strähne für Strähne Öl in ihr langes, dichtes Haar. Zwei Männer in weißen Hüfttüchern gehen mit Wasserbehältern in den Händen aufs freie Feld hinter dem Slum, um ihre Notdurft zu verrichten.

Drei Inderinnen in traditionellen Saris laufen auf einer Straße in Bangalore an einer Heiligen Kuh vorbei. (picture alliance / dpa )Drei Inderinnen in traditionellen Saris laufen auf einer Straße in Bangalore an einer abgemagerten Kuh vorbei. (picture alliance / dpa )

Zwei bis aufs Skelett abgemagerte Kühe staksen zu einem Tümpel. Und dazu weht eine indische Flagge im Abendwind, die mit der privaten Botschaft bekritzelt ist: "I love my India".

"Eine Zugfahrt durch Indien – das ist das Beste, was Sie auf diesem Planeten finden können. Sie schauen von Ihrem Fensterplatz aus nach draußen und wundern sich darüber, was da so alles vor sich geht. Nirgendwo ist dies eindringlicher illustriert als in indischen Zügen! Sie müssen sich nur für 100 oder 200 Rupien ein Ticket kaufen und schon haben Sie Ihre ganz persönliche Kinovorführung. Gestochen scharf. Einfach optimal. Wie schon gesagt: Besser können Sie das nicht bekommen."

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