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Samstag, 16.12.2017

Buchkritik | Beitrag vom 12.10.2017

Bachtyar Ali: "Die Stadt der weißen Musiker"Manifest für die Kraft der Poesie

Von Stefan Weidner

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Die Stadt der weißen Musiker: ein Roman über Literatur und Musik, Dichtung und Wahrheit angesichts einer unmenschlichen Welt (Deutschlandradio / Daniel Cil Brecher / Unionsverlag)
Die Stadt der weißen Musiker: ein Roman über Literatur und Musik, Dichtung und Wahrheit angesichts einer unmenschlichen Welt (Deutschlandradio / Daniel Cil Brecher / Unionsverlag)

Der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali hat ein neues Buch vorgelegt: "Die Stadt der weißen Musiker". Das Urteil unseres Rezensenten Stefan Weidner ist euphorisch. Sein Fazit: Bachtyar Ali ist eine Ausnahmeerscheinung im zeitgenössischen Literaturbetrieb.

Wie ein Phönix aus der Asche der Vergessenheit im Exil ist der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali im letzten Jahr mit seinem Roman "Der letzte Granatapfel" im deutschsprachigen Raum zu plötzlicher Bekanntheit aufgestiegen. Das Buch schildert die Suche eines aus der Verbannung entlassenen Vaters nach seinem Sohn und ist zugleich eine Reise durch die versehrten Seelenlandschaften Kurdistans, durch ein von Krieg, Bürgerkrieg und Diktatur zerstörtes Land. Bachtyar Ali gelang, woran viele Autoren aus Krisenregionen scheitern: Die Gewalt zu schildern, ohne ihrer Ästhetik zu erliegen oder sentimental zu klingen.

Kurdischer Doktor Faustus

 "Die Stadt der weißen Musiker" hat alle Qualitäten des Vorgängerromans und bestätigt den Eindruck, dass es sich bei Bachtyar Ali um eine Ausnahmeerscheinung in der zeitgenössischen Literatur handelt, ein Autor, dessen Ecken, Kanten und erzählerische Verrücktheiten von keinem Literaturbetrieb abgeschliffen worden sind, und der sich um die Erwartungen und Lesegewohnheiten zumal des westlichen Publikums nicht schert. Will man das Buch mit einem Werk der deutschen Literatur vergleichen, so fällt einem nur Thomas Manns "Doktor Faustus" ein. Aber wie anders, wie viel lebendiger und zugleich trauriger ist dieser kurdische Doktor Faustus!

Die Stadt der weißen Musiker ist ein Künstlerroman, ein Roman über Literatur und Musik, Dichtung und Wahrheit angesichts einer unmenschlichen Welt. Aber es ist auch ein Roman über die Liebe, die Gerechtigkeit, ein Epitaph für die Opfer der kurdischen Kriege und ein Manifest für die Kraft der Poesie und des Lebens.

Das Leben des einfachen Flötenspielers

Der Autor Ali Scharafiar, das Alter Eego von Bachtyar Ali, wird damit beauftragt, das Leben von Dschaladati Kotr aufzuzeichnen, einem einfachen Flötenspieler, der im Lauf seines Lebens zu einem Mythos geworden ist. Das Buch wird, kapitelweise abwechselnd, von Dschaladati und von Ali Scharafiar erzählt. Und natürlich streiten sich die beiden darüber, wie diese Geschichte am besten zu erzählen ist, wahr und nüchtern oder bedeutungsvoll und poetisch.

Von den Häschern Saddam Husseins beinah umgebracht, wird Dschaladati ausgerechnet von einem der schlimmsten Mörder gerettet. Und fast gelingt es diesem auch, mit Hilfe des Flötenspielers seine Taten zu sühnen. Die Reise im Kopf des Mörders und der Privatprozess, in dem alle überlebenden Opfer ihren Henker richten sollen, zählt zu den bewegendsten Szenen des Buchs und ist eine Lektion über die Möglichkeiten von Versöhnung.

Dem Tod von der Schippe gesprungen

Dem Tod von der Schippe gesprungen, stellt sich heraus, dass Dschaladiti Kotr in der Lage ist, zwischen den Sphären von Leben und Tod, Jenseits und Diesseits, idealer und wirklicher Welt, Poesie und Realität hin und her zu wechseln. Er ist zugleich Phönix und Pan, ein Nichts und ein Erlöser, ein mythisches Zwischenwesen, dabei so realistisch geschildert, dass diese Erkenntnis erst langsam im Leser – und in Dschaladati selbst – heranreift.

Bachtyar Ali ist ein Erzähler, der mit allen Wassern gewaschen ist: Denen der Literatur und Literaturtheorie der Moderne, aber auch denen aus der ältesten, mythischen Quelle aller Literatur, dem Bedürfnis, Geschichten zu erzählen, um Geschichte zu erzählen, Sinn zu stiften. "Lange bevor der Mensch Politik betrieben hat, hat er Geschichten erzählt. Lange bevor er Städte gründete und Imperien errichtete, war er ein erzählendes Wesen."

Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker
Aus dem Sorani von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe
Unionsverlag Zürich 2017
425 Seiten, 26,00 Euro

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