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Mahlzeit | Beitrag vom 23.06.2017

Baby-led WeaningIst breifrei besser?

Von Udo Pollmer

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Ein Baby beißt in ein Stück Brokkoli, das es in seiner geballten Faust hält. (imago/ZUMA Press)
VIele Babys haben keine Lust auf Brei - soll man sie selbst entscheiden lassen, was sie essen? (imago/ZUMA Press)

Sollen Babys mitentscheiden dürfen, was sie essen, nachdem sie entwöhnt sind? Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt vor Nährstoffmangel. Udo Pollmer hingegen meint: Kinder brauchen vor allem eins: "unbefangene Freude am Essen".

Es gibt Dinge, die sind eigentlich ganz einfach – z.B. die Ernährung des Menschen. Doch wehe, es nähern sich Experten, dann wird's kompliziert. Mütter mit kleinen Kindern lassen sich besonders leicht verunsichern. Prompt ficht die Fachwelt Glaubenskriege um das korrekte Beifüttern aus.

Experten sehen ihre Deutungshoheit bedroht

Viele Eltern machen es ganz automatisch und ohne lange nachzudenken richtig: Spätestens beim zweiten Kind lassen sie den Nachwuchs beim Essen mitentscheiden. Babys ahmen gern ihre älteren Geschwister nach. Wenn sie etwas von anderen Tellern ergattern, sind sie glücklich. Damit das Ganze einen Namen hat, heißt das nun Baby-led Weaning - "eine vom Baby geführte schrittweise Entwöhnung von Säuglingsmilch zu fester Nahrung". Will sagen, das Kind wird nicht mehr nach Plan mit Brei und Lernlöffel bei Tisch gegängelt. Diese Gängelei führt oft genug zu Geschrei und Tränen, bis die entnervte Mutter irgendwann so klug wird, nachzugeben.

Ein Baby sitzt in einem Hochstuhl, hat einen Teller mit Gemüsestücken vor sich und sticht mit seiner Gabel in ein Stück Brokkoli. (imago/BE&W)Wenn Babys selbst aussuchen dürfen, was sie essen, endet das nicht automatisch in einer Katastrophe, sagt Udo Pollmer. (imago/BE&W)

Im Grunde ist das alles banal – doch nun sehen gewisse Berufsgruppen durch die kleinen Scheißer ihre Deutungshoheit bedroht. "Baby-led weaning kann schaden!" ruft der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. Kinder könnten dadurch nicht ausreichend Nährstoffe bekommen. Babys lesen keine Nährwerttabellen, woher sollen sie auch wissen, was sie essen müssen? Wo kommen wir hin, wenn alle so äßen wie Ärzte auch? Die essen sich satt mit dem, was sie mögen. Solcherart gestärkt arbeiten sie dann pauschale Ernährungspläne für kleine Individuen aus.

Säuglinge entwickeln früh unterschiedliche Vorlieben

Dabei hatten sich die Pädiater schon mal eine blutige Nase geholt: Anlass waren die Studien ihrer Kollegin Clara Davis aus Cleveland. Sie führte mit gerade abgestillten Säuglingen im Alter von 6 bis 9 Monaten Nahrungswahlversuche durch. Monatelang wurde akribisch notiert, was die Kinder aus freien Stücken auswählten und aßen. Diese Kinder gediehen besser, waren fitter, fröhlicher und aufgeweckter als jene, die in derselben Kinderstation vom Fachpersonal gefüttert wurden. Weil sich die Kollegen bloßgestellt fühlten, wurde Davis von ihnen einfach nicht mehr zitiert. Ihre Forschungen gerieten in Vergessenheit. Dabei zählen ihre Arbeiten zu den gründlichsten, die jemals durchgeführt wurden.

Ein Baby und seine große Schwester an einem gedeckten Esstisch. (picture alliance / dpa / Michael Baumgart)Babys ahmen beim Essen gern ihre älteren Geschwistern nach. (picture alliance / dpa / Michael Baumgart)

Ihre Experimente bestätigen, dass Säuglinge nach dem Abstillen ganz unterschiedliche Vorlieben entwickeln. Das eine Kind mochte Milchprodukte, - kein Wunder, das ist die erste natürliche Nahrung des Menschen, das nächste aß relativ viel Obst, was ebenso wenig erstaunte, denn es hatte wenig Magensäure, da kam ihm die Fruchtsäure zupass. Das nächste liebte fettes Fleisch, genauer gesagt Knochenmark. Bereits die Frühmenschen hatten sich von den abgenagten Knochen ernährt, die ihnen Raubtiere übrigließen. Sie lernten die Knochen mit Steinen aufzuschlagen und das Mark herauszusaugen.

Ernährungsfachleute würden in allen drei Fällen ihre Phrase von einer einseitigen, nicht ausgewogenen Ernährung bemühen. Doch die erfreulichen Ergebnisse von Clara Davis spiegeln die Unterschiede im Stoffwechsel von Menschen wider. Diese Binse bestätigte auch ein Vergleich der Ernährungsweisen von tausenden eineiigen Zwillingen mit denen von zweieiigen: Die Ernährungsvorlieben sind zu einem großen Teil genetisch vorgegeben.

Kinder profitieren von einem entspannten Verhältnis zum Essen

Das Baby-led weaning ist nicht gedacht, um durch eine Auswahl von Speisen, vor denen es Kleinkindern graust wie Brokkoli oder Kochfisch den Appetit zu verleiden - in der populären wie irrigen Annahme, damit den Nachwuchs zu verschlanken. Wenn das Baby Interesse am Essen zeigt, bereits einigermaßen sitzen kann und etwa sechs Monate alt ist, dann passt es. Am Gedeihen sehen Sie, ob Ihr Tun richtig ist. Nicht am Erfüllen von gesellschaftlichen oder ernährungstheoretischen Normen.

Mütter, die so handeln, haben meist selbst ein entspanntes Verhältnis zum Essen. Davon profitieren die Kinder. Andere Mütter brauchen Empfehlungen, um sich orientieren zu können. Das hilft ihnen, etwas mehr Sicherheit zu gewinnen.

Kinder brauchen vor allem eins: unbefangene Freude am Essen! Mahlzeit!

Quellen:

Davis C: Self selection of diet by newly weaned infants. American Journal of Diseases of Children 1928; 36: 651-679

Davis CM. Results of the self-selection of diets by young children. Canadian Medical Association Journal 1939; 41: 257-261

Teucher B et al: Dietary patterns and hertiability of food choice in a UK female twin cohort. Twin Research and Human Genetics 2007; 10: 734-748

Pollmer U: Woher kommen unsere Essvorlieben? Deutschlandfunk Kultur:  Mahlzeit, Beitrag vom 25.11.2007

Strauss S: Clara M. Davis and the wisdom of letting children choose their own diets. CMAJ. 2006; 175: 1199–1201

Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ): Kinder-und Jugendärzte: Baby-led Weaning kann schaden! Pressemeldung vom 29.03.2017

Neubauer K: Babynahrung: Fertigbrei enthält zu wenige Kalorien. Spiegel-Online vom 20.Sept. 2010

Brown A: Differences in eating behaviour, well-being and personality between mothers following baby-led vs. traditional weaning styles. Maternal & Child Nutrition 2016; 12: 826-837

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