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Freitag, 15.12.2017

Lesart | Beitrag vom 16.10.2017

Ayelet Gundar-Goshen: "Lügnerin"Der süße Geschmack der Lüge

Von Sigrid Brinkmann

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Cover "Lügnerin" von Ayelet Gundar-Goshen (Kein & Aber Verlag / dpa / Combo: Deutschlandradio)
Cover "Lügnerin" von Ayelet Gundar-Goshen (Kein & Aber Verlag / dpa / Combo: Deutschlandradio)

Als die junge Nuphar von einem älteren Mann beleidigt und bedrängt wird, eilen ihr Soldatinnen zu Hilfe und glauben, der Mann habe das Mädchen sexuell bedrängt. Nuphar bejaht dies und bereut ihre Lüge nicht, denn sie beschert ihr die lang ersehnte Aufmerksamkeit.

In ihrem Beruf als Psychologin macht Ayelet Gundar-Goshen immer wieder die Erfahrung, dass Menschen, die durch beleidigende Worte herabgesetzt oder lächerlich gemacht wurden, diese noch Jahre später exakt wiedergeben können. Es stört die 35 Jahre alte Autorin erheblich, dass die israelische Gesellschaft verbale Grobheiten leichtfertig als Ausdruck unverstellter Direktheit toleriert. Deshalb hat sie einen Fall konstruiert, in dem ein einziges Wort das Leben zweier Menschen schlagartig verändert.

Die Protagonistin ihres Romans ist Nuphar, ein junges Mädchen, das in einer Tel Aviver Eisdiele jobbt. Fehlende Anmut macht es geradezu unsichtbar. Als der gehemmte, einsame Teenager die nachlässig formulierte Bestellung eines alternden Schlagerstars korrigiert, stößt dieser Worte aus, "die ins Fleisch schneiden" sollen. Er rät Nuphar, sich gefälligst die Augenbrauen zu zupfen, bevor sie unter Menschen gehe.

Und einen vernichtenden Schlag versetzt er ihr, als er lauthals bezweifelt, dass überhaupt jemand Lust habe, "ein Kalbsauge wie sie zu ficken". Das Mädchen rennt vom Tresen weg, der eitle Sänger setzt ihm nach. In einem Hinterhof stößt Nuphar einen gellenden Schrei des Abscheus und der Wut aus.

Endlich Aufmerksamkeit - dank einer Lüge

Passanten eilen herbei, mitfühlende junge Soldatinnen – gewohnt, in einem immer wieder als äußerst sexistisch beschriebenen Umfeld zu dienen – sind zur Stelle und reden dem Mädchen ein, was sie zu sehen glauben. Der Sänger muss versucht haben, die Minderjährige sexuell zu belästigen.

Nuphars geflüstertes "Ja" bringt den pöbelnden Mann in Untersuchungshaft und beschert ihr jene Aufmerksamkeit, die sie bis dahin im Alltag entbehrt hatte.

Es geht in diesem Roman um die Macht der Worte, um Anklagen und Geständnisse, um die Versuchung, zu lügen und die Schwierigkeit, zur Wahrheit zurück zu finden. Ayelet Gundar-Goshen besitzt eine geschulte, scharfe Beobachtungsgabe. Sie schildert, wie der neue Status als "Medienprinzessin" die sozialen Beziehungen des Teenagers neu definiert, und sie erspürt, wie ihre Protagonistin Geschmack an der Manipulation der Wirklichkeit findet.

Die Geschichte wirft zwangsläufig moralische Fragen auf: Müssen Eltern, die an der Glaubwürdigkeit eines behaupteten Vorfalls zu zweifeln beginnen, ihr Kind verpflichten, die Wahrheit zu sagen? Kann man es zu einem Geständnis zwingen? Wo beginnt die Mitschuld?

Ayelet Gundar-Goshens Erzählhaltung ist von einem tiefen Wissen um menschliche Verletzbarkeiten geprägt. Mit jeder Schwäche entdeckt sie auch Stärken ihrer Figuren. Klug war es, einen weiteren Fall zu konstruieren, in dem eine alte Frau wegen einer erfundenen Zeitzeugenschaft Gewissenskonflikte durchlebt.

Am Erfinden von Geschichten reifen

Ihr Geständnis stößt auf taube Ohren. Das Gegenüber will sich von der Wahrheit nicht erschüttern lassen, weil es entschieden hat, der Gegenwart zu vertrauen und Menschen zu verzeihen, bevor diese darum bitten.

Dass die Autorin ihren Roman mit einer Eloge auf das "wahrlügende" Potential von Fiktionen beschließt, hat etwas Vorhersehbares. Sie ist aber deshalb nicht minder passend oder gar unwahr.

Die junge, zur Wahrheit gezwungene Lügnerin reift am Erfinden von Geschichten. Und der Autorin Gundar-Goshen bereitet das Schreiben von Romanen ganz offensichtlich großes Vergnügen.

Ayelet Gundar-Goshen: "Lügnerin"
aus dem Hebräischen von Helene Seidler
Kein & Aber, Zürich 2017
336 Seiten, 25,00 EUR

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