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Interview / Archiv | Beitrag vom 02.11.2016

Autofreie Innenstädte Wie der Stadtraum attraktiver werden könnte

Steffen de Rudder im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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(Bernd Wüstneck/dpa (zu "Feinstaub-Belastung zu Jahresbeginn hoch - MV weniger gefährdet" vom 15)
Feinstaub, Lärm und Dreck - so sieht die Verkehrsrealität in vielen deutschen Städten aus: Das Auto hat Priorität. (Bernd Wüstneck/dpa (zu "Feinstaub-Belastung zu Jahresbeginn hoch - MV weniger gefährdet" vom 15)

Weniger Autoverkehr in Städten: Das ist etwa in Kopenhagen oder Utrecht längst Realität geworden. Doch in der "Autonation" Deutschland tue man sich schwer mit dem Abschied von der Bequemlichkeit, kritisiert Steffen de Rudder von der Bauhaus-Universität Weimar.

"Die Holländer sind uns 20 Jahre voraus", sagt Steffen de Rudder, Professor für Städtebau an der Fakultät Architektur und Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar. So werde in Utrecht gerade ein neuer Bahnhof gebaut, dort seien 12.500 Stellplätze für Fahrräder geplant:

"Das ist das größte Parkhaus für Fahrräder in der Welt. Und das ist mit einer Vergrößerungsoption auf das Doppelte geplant. Diese Parkgarage für Fahrräder befindet sich  direkt im Bahnhof, es ist integriert in eine dieser wunderbaren Fahrrad-Schnellstraßen, die in Dänemark und Holland schon gebaut werden. Das heißt, Sie fahren auf dem kürzesten, schnellsten Wege in dieses Parkhaus hinein."   

Eine Verminderung des Autoverkehrs würde auch zu einer Aufwertung des Stadtraums durch Platzgewinn führen, meint de Rudder. Dafür sei allerdings auch ein Abschied von der Bequemlichkeit notwendig, an die man sich mit der Benutzung des Autos schon lange  gewöhnt habe:

"Das Auto wird jetzt ersetzt – in Teilen zumindest - durch einen Haufen anderer Verkehrsmittel. Das Auto wird nicht ersetzt durch zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren oder öffentlichen Nahverkehr oder durch Verkehrsvermeidung. Sondern durch das Bündel von diesen ganzen Sachen. Und dadurch wird es etwas komplizierter, weil man zum Beispiel mehr umsteigen muss. Die Verkehrswissenschaftler sprechen von multimodaler Mobilität, die sozusagen das Auto ersetzt."

"Unsere Technikgeschichte ist eng mit dem Auto verbunden"

Für die große Bedeutung des Verkehrsmittels Auto in Deutschland gebe es eine Erklärung,  so de Rudder:

"Wir sind einfach das Autoland. Wir sind eine Autogesellschaft, eine Autonation. Unsere gesamte Kulturgeschichte, Technikgeschichte und Alltagsgeschichte ist so eng mit dem Auto verbunden, dass wir das eben nicht so einfach von heute auf morgen ändern können. Das ist in diesen kleinen Ländern Holland und Dänemark  anders, die haben beide keine Autoindustrie. Holland überhaupt nicht, Dänemark nur ganz wenig."


Das Interview im Wortlaut:  

Liliane von Billerbeck: Wir würden lieber Gutes und Besseres verkünden, allein, bekanntlich, die Welt, sie ist nicht so, zumindest nicht immer. Die Bundesumweltministerin hat ja, Sie haben es vielleicht in den Nachrichten gehört, mitgeteilt, dass Deutschland voraussichtlich die Klimaschutzziele bis 2020 verfehlt. Außerdem wird das Kabinett, die Runde der Bundesminister also, die Entscheidung über den Klimaschutzplan bis 2050 mal eben schlicht vertagen, und das vor der Klimakonferenz in Marrakesch nächste Woche.

Wir vertagen das Thema indes nicht, sondern fragen, was man denn tun könnte jenseits der größten Emissionsverursacher, der Industrie. Stadtverkehr produziert bekanntlich auch CO2. Wie wäre es also, wenn man die Autos aus der Stadt verbannt? Gibt es da noch andere Möglichkeiten? Die Fragen gehen jetzt an Steffen de Rudder. Er ist Professor für Städtebau an der Bauhaus-Universität Weimar, und seine These lautet, mehr Zu-Fuß-Gehen wäre der wichtigste Beitrag zur Verminderung des Autoverkehrs. Guten Morgen, Herr de Rudder!

Steffen de Rudder: Guten Morgen!

von Billerbeck: Die autogerechte Stadt war ja lange eine Grundvorstellung der Städteplaner. Vielleicht nicht so die beste Idee. Brauchen wir jetzt mehr Pläne für autofreie Städte?

de Rudder: Wir brauchen keine autofreien Städte. Wir brauchen alle möglichen anderen Verkehrsmittel, die eben nicht so viel CO2 emittieren. Und mein Fach, der Städtebau, für mein Fach ist eben das CO2 gar nicht das Wichtigste, für mein Fach ist der Stadtraum das Wichtigste, also das ist das, was mich interessiert. Natürlich ist das mit dem CO2 ganz richtig, der Hauptverursacher für CO2 ist Stromerzeugung. An zweiter Stelle mit 20 Prozent steht der Verkehr.

Insofern ist das für CO2 schon sehr wichtig, aber ich finde eben interessanter, wie wir das schaffen, dass wir wieder mehr Platz in den Städten haben, weil der Platz in der Stadt, das sind die Straßen und die Plätze, und die werden eben hauptsächlich von Autoverkehr eingenommen. Darum ist es für den Städtebau total interessant, wenn sich da was dreht, weil wir nämlich wieder mit mehr Platz in der Stadt umgehen können.

Einsatz vieler alternativer Verkehrsmittel

von Billerbeck: Wie ist das denn machbar, dass wir weniger Autos in der Stadt haben, die da rumstehen und vor allem rumfahren, und auch mehr Platz für uns alle, für andere Dinge haben?

de Rudder: Das Auto war ja die Superantwort für jede Transportfrage. Wenn man gesagt hat, ich will von da nach da, dann war die Antwort in den letzten zig Jahren immer: Nimm das Auto. Das Auto ist auch extrem bequem, und es ist immer verfügbar und man kommt überall damit hin und so weiter. Es ist im Grunde kaum zu schlagen, die Bequemlichkeit des Autos und die ganze Qualität, die das Auto hat, ist überragend.

Und das Auto wird jetzt ersetzt, in Teilen zumindest, durch einen Haufen anderer Verkehrsmittel. Also das Auto wird nicht ersetzt durch Zufußgehen oder Fahrradfahren oder öffentlichen Nahverkehr oder Verkehrsvermeidung, sondern durch das Bündel von diesen ganzen Sachen. Und dadurch wird es ein bisschen komplizierter, weil man zum Beispiel mehr umsteigen muss. Die Verkehrswissenschaftler sprechen von multimodaler Mobilität, die sozusagen das Auto ersetzt, was eben das bequemste und einfachste Verkehrsmittel ist, aber eben jetzt leider mit verschiedenen Nebenwirkungen verbunden ist, die wir nicht mehr haben wollen.

Pionierstadt Kopenhagen

von Billerbeck: Sie haben hier gerade eine Interviewerin, die genau der Vertreter einer solchen Fortbewegungsart ist. Ich fahre Fahrrad, ich habe kein Auto, ich nutze den öffentlichen Verkehr, steige natürlich dauernd um, aber wenn dann die Fahrstühle nicht funktionieren für mein Fahrrad, das sehr schwer ist, dann wird es schwierig. Da sehen Sie schon, der Stadtplaner hat da einiges zu tun. Erzählen Sie uns doch mal ein paar Beispiele, wo man das schon geschafft hat, wo man diese verschiedenen Punkte zusammengeknotet hat.

de Rudder: Ja, das ist das Interessante, dass wir gar nicht rumspinnen und fantasieren müssen, sondern dass es das alles schon gibt. Das Paradebeispiel, die Pionierstadt eines neuen Verkehrs ist Kopenhagen. In Holland gibt es auch mehrere Städte, insbesondere Groningen, Utrecht und Amsterdam, die da unheimlich weit sind. Wenn wir zum Beispiel an Utrecht denken, da wird gerade der Bahnhof komplett neu gebaut. Und zu diesem Bahnhofsneubau gehört die sensationelle Zahl von 12.500 Stellplätzen für Fahrräder.

In Utrecht entsteht das größte Parkhaus der Welt für Fahrräder

von Billerbeck: Wahnsinn. Das ist mehr als in Münster, glaube ich.

de Rudder: Ja, das ist das größte Parkhaus für Fahrräder in der Welt, und das ist mit einer Vergrößerungsoption auf das Doppelte geplant. Und diese Parkgarage für Fahrräder befindet sich direkt im Bahnhof, es ist integriert in eine dieser wunderbaren Fahrradschnellstraßen, die in Dänemark und Holland schon gebaut werden.

Das heißt, Sie fahren auf kürzestem Wege in dieses Parkhaus rein, da sind eben diese 12.500 Stellplätze, und kommen von da direkt mit mehreren Aufzügen und mit großen Treppen auf den Bahnsteig. Also das Umsteigen wird da total optimiert. Und das ist so was an einer Stelle, wo man dran erkennen kann, wenn man das als Problem ansieht und das ändern möchte, dann kann man unheimlich viel tun, und die Holländer sind uns da, na ja, sagen wir mal 20 Jahre voraus.

von Billerbeck: Holla. Woran liegt es, dass in Deutschland noch immer so viele Autos herumfahren? Es gibt ja Änderungen, also Berlin zum Beispiel, die Hauptstadt, da ist die Zahl der Autofahrer, Autobesitzer vor allen Dingen, gesunken. Viele Leute haben ihr Auto abgemeldet. Was muss man tun, um da eine Einstellungsänderung zu erreichen?

"Wir sind eine Auto-Gesellschaft und eine Auto-Nation"

de Rudder: Also die erste Frage war eben, warum ist das so? Das ist total einfach: Wir sind einfach das Autoland. Wir sind eine Auto-Gesellschaft, eine Auto-Nation. Unsere gesamte Geschichte, Kulturgeschichte, Technikgeschichte, Alltagsgeschichte ist so eng mit dem Auto verbunden, dass wir da nicht einfach so von heute auf morgen das ändern können. Das ist in diesen kleinen Ländern Holland und Dänemark anders. Die haben beide keine Autoindustrie – Dänemark überhaupt nicht, Holland ganz wenig. Da spielt das nicht so eine Rolle. Wie man das schafft, das zu ändern –

von Billerbeck: So viel Zeit haben wir wahrscheinlich gar nicht mehr, dass Sie das erklären könnten …

de Rudder: Ja, doch, es gibt so ein paar Sachen. Also wenn Sie zum Beispiel nach Kopenhagen fahren, sehen Sie, dass da so viele Leute Fahrrad fahren, dass das Stadtbild ganz anders aussieht. Die haben einen Anteil von Fahrradfahrten in der Stadt von über 40 Prozent. In unseren Städten sind es, also Berlin zum Beispiel, sind es, glaube ich, zwölf Prozent. Da können Sie sehen, was das für ein Riesenunterschied ist. Was man machen kann bei uns, das sind Pilotprojekte, und davon gibt es auch schon welche.

Fahrradschnellweg in Nordrhein-Westfalen

Es gibt zum Beispiel diesen Fahrradschnellweg in Nordrhein-Westfalen, der jetzt tatsächlich gebaut wird. Und immer, wenn so was gemacht wird, wenn so große Einzelaktionen, Pilotprojekte gestartet werden, dann sieht man, dass die Leute das nutzen. Es gibt eine interessante Umfrage vom Bundesumweltministerium über Umweltbewusstsein, da haben 82 Prozent der Leute gesagt, sie wünschen sich, dass wir von der autogerechten, von der autozentrierten Stadt wegkommen. Also, die meisten möchten das eigentlich, und es passiert aber eben noch nicht. Und man kann es starten nach meiner Meinung mit solchen Pilotprojekten, wo alle auf einmal sehen, hey, das funktioniert.

von Billerbeck: Und dann machen vielleicht doch alle mit und steigen um. Professor Steffen de Rudder war das, Stadtplaner an der Bauhaus-Universität Weimar, über die Möglichkeiten einer nicht mehr autozentrierten Stadt. Ich danke Ihnen!

de Rudder: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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