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Religionen | Beitrag vom 08.10.2017

Auszeit für GeistlicheDer Pfarrer braucht 'ne Pause

Von Christian Röther

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Der Pastor Jürgen Bade aus der Lüneburger Heide. (Deutschlandradio - Christian Röther)
Der Pastor Jürgen Bade aus der Lüneburger Heide. (Deutschlandradio - Christian Röther)

Pfarrer sind häufig rund um die Uhr im Dienst. Die Verwaltungsaufgaben sind gewachsen, Gemeinden werden zusammengelegt. Manche leiden unter Erschöpfung, anderen machen private Krise zu schaffen. In einem Kloster in der Nähe von Hannover können überlastete Pfarrer eine Auszeit nehmen.

Bienenbüttel, ein Dorf in der Lüneburger Heide mit 2000 Einwohnern. Direkt an einen kleinen Bach grenzt das Pfarrhaus von Jürgen Bade. Daneben ein großer Garten mit Bäumen, Bänken und Blumen. Nebenan die Backsteinkirche und das Gemeindehaus aus Fachwerk. Doch in dieser so beschaulich anmutenden Idylle ist gelegentlich die Hölle los.

Bade: "Wenn hier ein Schlüssel fehlt oder die Leute kommen nicht rein, dann klingeln sie immer an der Tür. Alle Durchreisenden kommen. Im letzten Jahr waren alleine 168 Pilger hier, die am Pfarrhaus geklingelt haben, wollten irgendwas. Wir sind dann eher ein öffentliches Haus."

Jürgen Bade ist seit über 15 Jahren evangelischer Pastor in Bienenbüttel – lange Zeit als alleinerziehender Vater mit drei Kindern.

Bade: "Alle drei Kinder haben gesagt: Papa, das ist manchmal auch ein bisschen anstrengend, auch richtig blöd, dass immer Leute da sind, auch am Sonntagmorgen."

Röther: "Aber Sie erzählen das jetzt eher mit einem Lächeln."

Bade: "Also ich finde, es gehört dazu, man muss glaube ich als öffentliche Person diese Rolle annehmen. Und aber auch dafür sorgen, dass man sich abgrenzen kann."

Viele Pflichten und private Umbrüche

Im Kloster Barsinghausen können Pfarrer sich sechs Wochen lang erholen. (Deutschlandradio - Christian Röther)Im Kloster Barsinghausen können Pfarrer sich sechs Wochen lang erholen. (Deutschlandradio - Christian Röther)

Jürgen Bade wirkt, als könnte ihn nichts so leicht aus der Ruhe bringen. Kurz vorm Ruhestand hat er noch jede Menge Ideen. Aber die vergangenen Jahre waren nicht immer so leicht, wie es jetzt scheint. Die vielen Pflichten, Termine und die eigenen Ansprüche wurden zur Belastung. Dazu kamen private Umbrüche. Alle drei Kinder sind zum Studieren weggezogen.

"Eine Erschöpfung auch. Ich wollte nicht einfach irgendwann aufhören, sondern ich wollte ganz gerne vorher die Möglichkeit haben, die Dinge, die vielleicht noch zu klären sind, auch zu klären. Sowohl beruflich als auch privat. Eine Geschichte aus meiner eigenen Vergangenheit – wie es zur Trennung kam, das nochmal genauer anzugucken. Und dafür Zeit zu haben."

Also machte sich Jürgen Bade auf den Weg ins Kloster Barsinghausen, westlich von Hannover. Über acht Jahrhunderte alt, liegt es am Stadtrand mit Blick auf die Wälder des Deisters. Hier hat das Haus Inspiratio seinen Sitz.

Depenbrock: "Das Haus Inspiratio ist eine Einrichtung, die Pastoren und kirchlichen Mitarbeitern die Möglichkeit gibt, sich mal für sechs Wochen aus dem Dienst zurückzuziehen, wieder Kraft zu sammeln, neue Orientierung zu finden, sich zu erholen in Krisensituationen. Und sie werden dabei begleitet von einem Team von Fachleuten."

Erschöpfung oder Schicksalsschläge

Guido Depenbrock leitet dieses Team. Er ist evangelischer Pfarrer und psychologischer Berater. Unterstützt wird er unter anderem von der Psychologin Meike Kohzer.

"Es kommen Menschen zu uns, die sich im Laufe der Jahre sehr verausgabt haben und merken, da muss was passieren. Ich muss etwas verändern, um meinen Job, meinen Dienst noch weiter gut tun zu können. Es gibt Menschen, da spielt das Thema Erschöpfung im Berufsleben gar nicht so eine große Rolle. Da geht es um private, persönliche Schicksalsschläge, Krisen oder auch chronische Belastungen. Und es kommen auch Menschen zu uns in Krisen- und Konfliktsituationen, auch beruflicherseits."

Seit drei Jahren gibt es das Haus Inspiratio. Finanziert wird es von drei evangelischen Landeskirchen. Nötig geworden ist diese Einrichtung nicht zuletzt, weil die Anforderungen an Geistliche gestiegen sind, sagt Guido Depenbrock, der selbst lange Zeit Gemeindepastor war: die Verwaltungsaufgaben sind gewachsen, Gemeinden werden zusammengelegt.

"Und auch die eigentlichen Dienste, Gottesdienste und Begleitung von Menschen in Lebenssituationen – bei Beerdigungen oder Hochzeiten – die sind oft viel individueller. Also die Menschen haben sehr individuelle Vorstellungen und Wünsche davon, wie das für sie laufen soll. Also das ist mit viel mehr Aufwand verbunden als sage ich mal vor einer oder zwei Generationen."

"Die Anforderungen nehmen zu. Also die Leute haben eine größere Erwartung, die von Kirche was wollen."

Bestätigt auch Jürgen Bade.

"Also ich erlebe das einmal den hohen Erwartungsdruck von außen, von den Gemeindegliedern auch, immer Zeit zu haben. Aber auch der eigene Anspruch an die Arbeit. Das gut zu machen und es allen recht zu machen."

Gelegentlich hängt Bade ein Schild ans Pfarrhaus: "Pastor ist im Urlaub." Dann hat er drinnen seine Ruhe. Eine Maßnahme, wie sie auch Guido Depenbrock empfiehlt: Pfarrer sollten klare Grenzen ziehen.

"Der Mensch hat eben auch nur begrenzt die Möglichkeit, sich einzulassen auf andere und braucht deshalb auch diese Phasen des Rückzugs. Und die sind relativ schwer zu finden mittlerweile für Gemeindepastoren insbesondere."

Also sollten Pfarrer öfter mal sagen: "Nein, jetzt nicht."

"Auch auf die Gefahr hin, dass sie Leute enttäuschen und frustrieren. Wer auf Dauer gesund in diesem Beruf arbeiten will, muss das auch können. Auch aushalten, dass Leute hinterher unzufrieden sind mit ihm."

Außerdem helfe es, sagt Guido Depenbrock, entspannter mit der Institution Kirche umzugehen, sie nicht als perfekten Ort voll Harmonie zu sehen. Dann würden Konflikte nicht so schwer wiegen.

"Also das Bild, was ich mir von der Kirche gemacht habe und von meiner Rolle in der Kirche muss auch nochmal ein Stück reflektiert werden und vielleicht auch entidealisiert werden."

Gäste sind "überdurchschnittlich selbstreflektiert"

Im Haus Inspiratio bekommen Pfarrer und andere kirchliche Mitarbeiter psychologische und geistliche Beratung. Sie können zu den Stundengebeten gehen, im Garten mit anpacken oder kreativ werden, erklärt Psychologin Meike Kohzer.

"Ich würde auch sagen, dass unsere Gäste überdurchschnittlich selbstreflektiert sind. Das muss ihnen nicht immer und grundsätzlich zum Vorteil gereichen. Wir stehen ja gerade hier vor der Töpferei. Für Menschen, die sehr viel über den Verstand machen, über die Reflexion, ist es erst mal eine etwas verunsichernde, aber dann auch hilfreiche Bereicherung über andere Zugangskanäle, wie zum Beispiel die Kreativität oder die Körperarbeit, in Kontakt mit ihren Gefühlen zu kommen."

Bei Pastor Jürgen Bade aus der Lüneburger Heide hat die Auszeit im Kloster so auch zu einer wichtigen privaten Entscheidung beigetragen:

"Ich habe nochmal geheiratet jetzt. Das war eben auch eine gute Erfahrung, nachdem die Kinder aus dem Haus waren. Wir kannten uns schon länger, aber jetzt haben wir im letzten Jahr diesen Schritt gemacht. Das war gut."

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