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Kompressor | Beitrag vom 15.10.2014

Ausstellung und Radio-SerieNachhilfe für die Briten

British Museum und BBC wollen Deutschland-Bild korrigeren

Von Walter Bohnacker

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Eingangsportal des British Museum in London (dpa / picture alliance / Daniel Kalker)
Im British Museum ist deutsche Geschichte zu erleben. (dpa / picture alliance / Daniel Kalker)

Luther-Bibel, VW-Käfer, Meissener Porzellan: Drei von rund 200 Exponaten, die das British Museum in London in der Ausstellung "Germany: Memories of a Nation" zeigt. Die BBC sendet parallel dazu eine 30-teilige Serie über deutsche Geschichte.

Fünfzehn Minuten deutsche Geschichte und deutsche Kultur: sechs Wochen lang, Montag bis Freitag, morgens ab Viertel vor zehn. So viel Germany gab's schon lange nicht mehr im britischen Hörfunk, noch dazu an einem Stück! Ende September ging's los – auf BBC Radio Four.

Am Mikrofon des 30-Teilers sitzt der prominenteste und angesehenste Museumschef der Insel; die Sendereihe war seine Idee, und er schrieb auch die Texte: British-Museum-Direktor Neil MacGregor.

Schon in der ersten Folge macht er klar, wie weit der Bogen sich spannen lässt, geografisch und thematisch: von Kaliningrad, dem ehemals preußischen Königsberg, bis nach Straßburg - hier die Stadt Immanuel Kants, dort die Heimat des "Tristan"-Dichters Gottfried und der Studienort des jungen Goethe.

Der Museumsmann kooperiert immer mal wieder mit der BBC. 2000 – da war er noch Direktor der Nationalgalerie – dozierte MacGregor in einer TV-Dokumentation über Christus-Darstellungen in der Malerei. Danach kamen zwei längere Hörfunkserien: eine über Shakespeare und eine über die Welt - "A History of the World in 100 Objects".

Objekte sind auch der Aufhänger für sein jüngstes Doppelprojekt: die Deutschstunden im Hörfunk und - parallel dazu - die Schau, die morgen im Britischen Museum eröffnet. Radiokolleg und Ausstellung laufen unter demselben Titel: "Germany: Memories of a Nation". Als Anlass dienten zwei aktuelle Jahrestage: 100 Jahre Erster Weltkrieg und 25 Jahre Mauerfall. Hier wie dort, so MacGregor beim Pressetermin im Museum, gehe es ihm um ein möglichst facettenreiches Deutschlandbild jenseits der Stereotypen und Klischees.

Geht es auch – ein Stück weit – um ein Korrektiv zum angestaubten Deutschland-Image vieler seiner Landsleute? Ja, absolut!

Neil MacGregor: "Die meisten Briten lernen von der deutschen Geschichte nur die zwölf schwarzen Jahre, in der Schule oder sogar in der Universität. Und das heißt, dass sie die längere, größere Geschichte Deutschlands nicht kennen und – vielleicht noch wichtiger – die Geschichte Deutschlands seit 1945 nicht kennen. Und das war für uns also die Idee mit dem fünfundzwanzigsten Jahr des Mauerfalls, von diesem neuen deutschen Staat zu sprechen und über diese unbekannte, wenig bekannte Geschichte ein bisschen zu berichten."

"Memories of a Nation" – der Titel signalisiert, worum es hier vor allem geht: um das kollektive Gedächtnis des neuen deutschen Einheitsstaats. Rund 200 Exponate versammelt die Ausstellung: Kunst- und Kulturschätze und identitätsstiftende Artefakte und Symbole. Diese befördern die Erinnerungsarbeit und sollen als Wegweiser beim Rundgang durch einige Höhen und Tiefen deutscher Geschichte dienen.

Kein Gesamtbild deutscher Kulturgeschichte

Vielem, worauf MacGregor im Hörfunk näher eingeht, begegnet man hier wieder: der Luther- und der Gutenberg-Bibel; Erstausgaben des "Werther" und des "Faust"; dem Goethe in der Campagna-Porträt von Tischbein – eine Leihgabe des Städelmuseums; den Kupferstichen und Holzschnitten von Dürer; der Schnitzkunst Tilman Riemenschneiders; Porzellan aus Meissen; einem Eisernen Kreuz von 1813; einem Selbstporträt von Käthe Kollwitz; und einer Nachbildung von Barlachs Bronzeengel "Der Schwebende" aus dem Dom in Güstrow.

Und im Kontrast dazu dann dies: Banknoten aus Nazi-Deutschland mit aufgedruckter antisemitischer Propaganda; ein Miniaturmodell des Bahnhofs Friedrichstraße aus der Werkstatt der Stasi, die damit ihre Grenzbeamten für Überwachungsaufgaben schulte; ein Nasstaucheranzug als Beleg für eine gescheiterte Republikflucht über die Ostsee; und "Jedem das Seine" – die zynische SS-Parole am Tor zum KZ-Buchenwald, entworfen von einem Lagerinsassen, der als Bauhaus-Schüler inhaftiert war.

Natürlich summieren die Exponate sich allenfalls zu einem Torso und nie und nimmer zu einem Gesamtbild deutscher und deutsch-deutscher Kulturgeschichte. Was vor allem fehlt sind: Musik und Philosophie und das Kapitel Deutschland im Exil.

"Germany: Memories of a Nation" – "Ist das die perfekte Hörfunkreihe?" fragt das Wochenmagazin "New Statesman". Gut möglich. Die Ausstellung liefert zwar Anschauungsmaterial in Fülle, aber aus ihren Einzelteilen wird kein narratives Ganzes. Für das, was MacGregor im Radio bietet, ist sie kein Ersatz.

Im "Guardian" schrieb Neil MacGregor anlässlich seiner BBC-Reihe: "Deutschland ist der europäische Staat, den wir Briten unbedingt verstehen müssen, wenn wir uns ein Bild machen wollen von Europa und der Welt." Ein Satz, der – nach dem letzten Stand der Dinge – sicher nur die wenigsten seiner Landsleute so richtig überzeugt. Aber hier schrieb eben ein Museumsdirektor, bei dem sowieso die Welt jeden Tag ein- und ausgeht.

Neil MacGregor: //"Der Zweck des British Museum, das Ziel des British Museum ist immer gewesen, den Besuchern die Möglichkeit anzubieten, die Welt zu verstehen. Und es ist jetzt unmöglich, die heutige Welt ohne Deutschland oder das heutige Deutschland zu verstehen.

Und daher ist es meines Erachtens sehr wichtig, jetzt vom heutigen Deutschland zu sprechen und vor allem von diesem Dialog zwischen Deutschland und seiner eigenen Geschichte. In Deutschland spricht man immer von der Geschichte, weil man an die Zukunft denkt. Das ist eine ganz wichtige und interessante deutsche Besonderheit."//

Mehr zum Thema:

Völkerverständigung durch Kunst (Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 13.10.2014)

Fazit

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