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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 18.01.2015

AusbildungVerborgene Talente

Von Leila Knüppel

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Talent-Scout Suat Yilmaz unterhält sich am 03.12.2014 in Recklinghausen (Nordrhein-Westfalen) im Kuniberg-Berufskolleg mit einer Schülerin. (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)
Beratung für Talente: Scout Suat Yilmaz berät Schülerinnen und Schüler für ihren Bildungsweg. (dpa / picture alliance / Caroline Seidel)

Er hat einen Job, der in Deutschland einmalig ist: Suat Yilmaz ist Talente-Scout an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Er geht in die Schulen der Region und versucht, vor allem Jugendliche aus Arbeiterfamilien zu einem Studium zu motivieren. Er weiß aus eigener Erfahrung, worauf es beim Aufstieg aus schwierigen Umständen ankommt.

Lisa ist verzweifelt. Kerzengerade sitzt die 20-Jährige auf einem Bürostuhl, versucht Haltung zu bewahren und die Fragen von Suat Yilmaz zu beantworten.

Yilmaz: "Du hast die Ausbildung begonnen, aber sehr schnell festgestellt, dass das nichts für dich ist."

Lisa: "Ja, genau. Ich brauchte Geld, ich habe kein Bafög bekommen - und deswegen habe ich die begonnen."

Ein schüchternes Mädchen mit großen blauen Augen. Vor einem Jahr hat sie ein Glanz-Abitur von 1,2 hingelegt. Ihr stehen alle Möglichkeiten offen – und trotzdem wissen sie und ihre Mutter nicht mehr ein noch aus. In kürzester Zeit hat Lisa das Orientalistik-Studium geschmissen und nun eine Ausbildung zur Bürokauffrau abgebrochen.

Lisa: "Nach einem Monat habe ich gemerkt, dass der Beruf mir nicht liegt, und ich konnte mir auch nicht vorstellen, mein ganzes Leben lang im Büro zu sitzen und die Arbeit zu machen."

Nun sitzen Mutter und Tochter an dem kleinen, runden Konferenztischchen im Büro von Suat Yilmaz - und hoffen, dass er ihnen helfen kann, alles wieder ins Lot zu bringen.

Yilmaz: "Was bei dir natürlich eine große Rolle spielt, ist, du hast ein Super-Abi hingelegt. Was war das noch mal für ein Schnitt?"

Lisa: "1,2."

Yilmaz: "Also, die Wahrscheinlichkeit, dass du ein Studium, was zu dir passt, wo du Spaß dran hast, erfolgreich absolvierst, ist sehr hoch. Und wir müssen jetzt einen Zeitplan machen, was machen wir in der verbleibenden Zeit."

Yilmaz arbeitet an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen: als Talentförderer oder Talentscout. Der erste deutschlandweit. Er berät Jugendliche, die im deutschen Bildungssystem noch immer das Nachsehen haben: Kinder aus Arbeiterfamilien, aus Haushalten mit wenig Geld oder Schüler mit Migrationshintergrund.

Yilmaz: "Was willst du denn studieren? Du hast jetzt Journalistik in den Raum geworfen und auch Sozialwissenschaften, hast du auch erwähnt."

Lisa: "Und Sprachen."

Vermittelt werden ihm die Talente – wie er sie nennt – über Lehrer und Partnerschulen in der Region. Mittlerweile hat sich aber auch rumgesprochen, dass Yilmaz hilft. Und so kommen viele Eltern und Schüler auch einfach so vorbei, wie Lisa und ihre Mutter.

Yilmaz: "Das heißt, da müssen wir uns auch mal abstimmen: Was machen wir wann, wann schauen wir uns Vorlesungen an. Was ist mit einem Praktikum, wo kann ich das machen."

Während Yilmaz und Lisa Pläne schmieden, sagt Lisas Mutter kaum etwas. Sie wirkt von den Lebensplänen ihrer Tochter völlig überfordert.

Mutter: "Ich habe gar keine Ahnung vom Studium, wie lange, oder... Ich habe keine Ahnung. Ich bin selber nur mittelstandsmäßig berufstätig. Mit Studium habe ich noch nie was am Hut gehabt."

Yilmaz und Lisa tauschen am Ende des Gesprächs noch E-Mail-Adressen und Telefonnummern aus. Demnächst werden sie sich zusammen einige Vorlesungen anhören – Soziologie, Kommunikations- und Sprachwissenschaften. Die Abiturientin hat während des Gesprächs ganz rote Wangen bekommen.

Lisa: "Ich fühle mich schon frei. Im Moment kann ich vorausblicken und überlegen. Es ist eher so eine Orientierungsphase, würde ich sagen."

Zuhal gehört zu Yilmaz' Super-Talenten

Bei Bandnudeln in Sahnesauce in der Mensa erzählt Yilmaz, 39 Jahre alt, von seiner Arbeit, seiner Mission, begabten Schülern wie Lisa zum richtigen Studium zu verhelfen. Ob sie sich für ein Studium an der Westfälischen Hochschule oder an einer anderen Hochschule entscheiden, spielt dabei keine Rolle.

Seit über zwei Jahren macht Yilmaz den Job, hunderte Schüler hat er inzwischen beraten. Mache von ihnen begleitet er über viele Monate.

Yilmaz: "Wenn man im Umfeld keine Akademiker hat, wenn man im Umfeld keinen Erfolg sieht. Wenn weder Geschwister noch Nachbarn noch Verwandte erfolgreich sind, ja, wie soll man sich orientieren, wie soll man darauf kommen, dass man erfolgreich sein kann, dass es Wege gibt. Wie kann man das von einem 15-, 16-, 17-Jährigen erwarten?! "

Ist der smarte Sozialwissenschaftler erst einmal am reden, ist er kaum zu stoppen.

Yilmaz: "Man kann junge Menschen so motivieren, dass sie an sich glauben, an ihren Weg glauben."

Wie er da sitzt und - in weißem Hemd, mit grau melierten Haaren – sein Plädoyer für mehr Chancengleichheit im deutschen Bildungssystems hält, würde er auch gut in ein schickes Büro einer Unternehmensberatung passen – und nicht an den mit Nudelresten verschmierten Mensatisch.

Yilmaz: "Was wir oft erleben, ist, dass junge Menschen durch verzerrte Informationsverarbeitung oder durch gar keine Information oder durch halbe Information dort landen, wo sie nicht hingehören. Das führt nicht nur dazu, dass sie ein Studium abbrechen, was ja kostet, die Volkswirtschaft, das System kostet, und das ist ja auch für die jungen Menschen ein Misserfolg oft."

Nach dem Mittagessen schaut die 20-jährige Zuhal beim Talentscout vorbei, um mit ihm über ihre Studien-Bewerbungen zu sprechen –  in Business-Bluse, mit Handtasche und perfektem Make-up.

Yilmaz: "Zuhal, erzähl mal, bring mich mal auf den letzten Stand der Dinge."

Zuhal: "Am Dienstag ist die Deutschprüfung und Mittwoch der Bio-Leistungskurs."

Zuhal schreibt gerade an der Gesamtschule Horst in Gelsenkirchen ihr Abitur – eine der Partnerschulen des Talentförder-Programms.

Zuhal: "Am meisten habe ich eigentlich vor dem Bio-Leistungskurs Angst, weil da wirklich, wirklich sehr, sehr viele Themen sind, die wir beherrschen und anwenden müssen."

Seit der zwölften Klasse trifft sich die Schülerin regelmäßig mit Suat Yilmaz. Damals stellt er an ihrer Schule sein Talentförderprogramm vor.

Zuhal: "Ich wollte Medizin studieren, am Anfang. Das war halt immer mein Kindheitstraum. Und im Nachhinein haben wir gemerkt: Ja, mit dem NC wird es nichts. Ich bin nämlich nicht die Person, die durchgehend lernen kann oder sonst etwas."

Durch die regelmäßigen Treffen ist zwischen dem Sozialarbeiter und der Schülerin so etwas wie eine Freundschaft gewachsen. Zuhal gehört zu Yilmaz' Super-Talenten. Auch wenn sie keine Einser-Kandidatin ist.

Yilmaz: Es ist nicht nur die Topnote, wir wollen Persönlichkeiten entwickeln. Und Zuhal ist auf jeden Fall eine meiner Favoritinnen, ganz klar: zuverlässig - also, jetzt darf ich dich mal loben…"

Zuhal: "Ich werde ganz rot."

Zuhal streicht sich ihr schwarzes Haar aus dem Gesicht und grinst.

Zuhal: "Das streichelt mein Ego und stärkt auch mein Selbstvertrauen, wenn man so etwas hört. Dann denkt man sich, so, komm, das muss auch stimmen, was über dich gesagt wird - und dann gibt man sich noch ein bisschen mehr Mühe."

Mittlerweile interessiert Zuhal sich für Sozialwissenschaften oder Soziologie. Da ist der NC nicht ganz so hoch wie bei Medizin. Und außerdem hat das auch ihr Vorbild Suat Yilmaz studiert.

Yilmaz: "Was wir auch machen können: In Dortmund gibt es einen Professor, den ich auch kenne. Ich würde vorschlagen, entweder wir treffen ihn oder einen seiner Mitarbeiter, die in dem Bereich auch lehren."

Zuhal: "Das wäre ganz toll, dass ich so einen Einblick habe."

Yilmaz: "Da kriegen wir schon was hin."

Aus zwei Schulen und einer Ausbildung rausgeflogen

Yilmaz schließt sein Büro ab und hetzt zum Auto.

Zwar ist er an der Westfälischen Hochschule angestellt, aber meist ist der Talentscout unterwegs – um die Jugendlichen direkt an den Schulen und Berufskollegs zu beraten.

Jetzt geht es zum Emschertal-Berufskolleg in Herne – eine der Partnerschulen der Talentförderung. Dort trifft er sich mit zwei neuen Klienten, die ihm von einem Vertrauenslehrer vermittelt wurden: Robert und Simon. Beide schreiben demnächst ihr Abitur und haben Spitzen-Noten.

Während Yilmaz seinen Wagen Richtung Autobahn lenkt, erzählt er von seiner Schulzeit, seiner Lebensgeschichte.

Yilmaz: "Eltern: Arbeiter. Mein Vater Anfang der '70er nach Deutschland eingewandert. Wir ein bisschen später, '78, mit Mutter und Geschwistern. Ja, zu Hause hat man nicht Deutsch gesprochen."

Eine "klassische Zuwanderer-Biografie", sagt der Talentscout aus Gelsenkirchen.

Yilmaz: "War natürlich für mich nicht einfach am Anfang, in der Grundschule. Aber ich habe recht schnell den Bogen herausbekommen. Und war auch recht gut in der Grundschule. Dann eine Gymnasial-Empfehlung, und habe es dann auf dem Gymnasium nicht geschafft. Dann kam die Abschulung auf die Hauptschule. Das wundert mich bis heute, warum auf eine Hauptschule."

Yilmaz hat diese Geschichte schon oft erzählt, den Journalisten, die vorbeischauen, um über seine Talentförderung zu berichten – vor allen aber vielen der Jugendlichen, die er berät. Als er von seiner Abschulung auf die Hauptschule erzählt, gerät er trotzdem wieder ins Grübeln.

Yilmaz: "Meine Eltern wissen auch... wissen nicht, was passiert ist. Die können das nicht erklären. Also, die haben einfach gesagt, wenn der Lehrer das sagt, dann stimmt das. Die Lehrer werden es wissen, du gehörst auf die Schule, Feierabend."

Yilmaz ist am Berufskolleg angekommen, parkt, greift sich seine Tasche – und vergisst ganz das Happyend seiner Biografie zu erzählen: Er ist spät dran...

Letzte Abitur-Vorbereitungen am Berufskolleg in Herne: Simon und Robert tüfteln an dem Antrieb eines Ski-Liftes. Auf kariertes Papier haben sie mit Kugelschreiber eine Skizze gemalt: Zahnräder, Seile und vor allem jede Menge Pfeile, die zeigen sollen, in welche Richtung Schwer- und Zugkräfte wirken.

Die letzten Wochen haben die beiden Schüler sich täglich getroffen, für Mathe und Maschinenbau gelernt. Jetzt sitzen sie mit ihren Mitschülern und ihrem Lehrer ein letztes Mal in ihrem Klassenzimmer zusammen und gehen noch mal alles durch.

Simon: "Maschinenbau ist schon das Schlimmste. Mathe ist - glaube ich - einfacher, gefühlt zumindest. Maschinenbau ist schon das komplexeste, was wir machen."

Beide möchten beim Abitur ganz klar eine Eins vor dem Komma – und so wie es bisher in der Schule gelaufen ist, könnten sie das auch schaffen. Danach wollen sie studieren. Als erste aus der Familie. Deswegen hat ihr Lehrer sie auch für die Talentförderung von Suat Yilmaz empfohlen.

Robert: "Hätte ich eine Ausbildung gewollt, hätte ich eine bekommen, und einfach so mein Leben fortgesetzt. Aber ich wollte halt mein Abitur machen, um zu studieren, um eigentlich dann halt später die Freiheit zu haben, wo ich arbeiten will. Weil: Ich will garantiert nicht hier in Herne bleiben. Ich weiß auch noch nicht, ob ich in Deutschland bleiben will."

Robert ist der Lebhaftere von beiden, erzählt gerne – und antwortet nicht selten auch für seinen Freund gleich mit. Dass der eher schüchterne Simon schon 27 Jahre alt ist – und aus zwei Schulen und bei einer Ausbildung rausgeflogen ist, kann man sich kaum vorstellen.

Simon: "Weil ich dann nicht zur Schule gegangen bin, weil mir die - ja, die Notwendigkeit habe ich zu der Zeit nicht gesehen und dachte mir, ja, musst nicht hingehen. Die Noten liefen ja auch halbwegs, nur wurde ich wegen der Fehlzeiten zweimal von der Schule geschmissen, weil ich halt nicht im Unterricht war. Dann gab es da noch andere private Probleme, die ich nicht unbedingt ausbaldowern will."

Simon trägt einen langen, blonden Pferdeschwanz und hat ein rundes, rosiges Gesicht – er sieht nicht älter aus als seine Mitschüler, die neben ihm über den Ski-Lift diskutieren, Witze reißen oder die Abi-Party planen.

Was er studieren möchte, weiß Simon allerdings noch nicht. Auch deswegen möchte er gerne einmal mit Talentscout Yilmaz sprechen. Robert dagegen hat sich schon entschieden: Er möchte Maschinenbau-Ingenieur werden, ganz klar.

Yilmaz erzählt von der Möglichkeit eines Stipendiums

Etwas später am Tag: Seit einer Viertelstunde schon warten Robert und Simon auf Yilmaz, sitzen auf roten Plastikstühlen vor dem Erste-Hilfe-Zimmer und starren auf die kahlen Wände.Schließlich kommt der Talentscout doch noch den Schulflur entlang gehetzt.

Zurzeit habe er einfach jede Menge Termine, erzählt er, während er den Raum aufschließt und alle drei sich an den runden Tisch im schmucklosen Schulbüro setzen.

Dann beginnt Yilmaz, seinen Fragekatalog abzuarbeiten. Zuerst ist Simon dran.

Yilmaz: "Was ist dein Thema? Studium, Ausbildung, unklar?"

Simon: "Studium, auf jeden Fall. Ich würde am liebsten Lehramt studieren, Englisch und Religion. Nur wurde mir mehrfach auch von Lehrern hier an der Schule gesagt, dass da momentan ein Überschuss herrscht. Und deswegen tendiere ich auch mit zu Maschinenbau."

Yilmaz: "Da ist ja… dazwischen ist der Pazifik, wie kommt das."

Langsam versucht Yilmaz herauszubekommen, was Simon am Lehrer- oder Ingenieursberuf reizt.

Yilmaz: "Was ist dein erster Gedanke? Du sagst Englisch und Religion, das wäre so meine Leidenschaft? Habe ich dich da richtig verstanden?"

Simon: "Ja, vor allem Englisch. Ich brauche fürs Lehramt ein zweites Fach, und da liegt Religion nahe."

Seine Fragen sollen Denkanstöße geben. Denn die Studien-Entscheidung kann er Simon letztlich nicht abnehmen.

Yilmaz: "Okay, dann noch einmal eine Frage: Ist deine Leidenschaft Englisch, die englische Sprachen oder ist es der Beruf des Lehrers?"

Simon: "Die Leidenschaft geht eher Richtung Englisch, englische Sprache und Kultur auch - durchaus, ja."

Yilmaz: "Ich habe so ein bisschen Sorge, dass nicht das Lehramt dein Thema ist, sondern die Sprache, und dann wird man Lehrer und dann macht es keinen Spaß. Lehrer ist nämlich ein ganz schwieriger Beruf."

Simon lehnt sich im Stuhl zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. Er denkt beim Lehrerberuf eher an einen sicheren Job, bei dem man sich nicht übermäßig anstrengen muss, hat er seinem Freund Robert vorher erzählt. Aber das sagt er jetzt lieber mal nicht.

Yilmaz: "Wie ist das bei dir zu Hause? Was sagen deine Eltern? Eher Junge, lass das mit dem Studium."

Simon: "Nein."

Yilmaz: "Das ist super. Ist auch nicht immer der Fall. Es gibt auch Eltern, die sagen, Junge, mach doch erst mal deine Ausbildung. Ich habe auch nicht studiert, uns geht es ja gut, und so weiter."

Allerdings wird Simon sich sein Studium selbst verdienen müssen. Seine Mutter ist pensioniert, der Vater arbeitslos. Das Geld ist knapp. Yilmaz erzählt den beiden von den Möglichkeiten, sich auf ein Stipendium zu bewerben. Bei ihren Noten stehen die Chancen nicht schlecht.

Yilmaz: "Würdest du selber auf die Idee kommen, dich für ein Stipendium zu bewerben?"

Simon: "Nö."

Yilmaz: "Eigentlich bist du ein Kandidat dafür. Du übrigens auch, Robert."

Eigentlich hatte Simon vor, sich gleich nach dem Abitur einen Job zu suchen – im Supermarkt Regale einräumen oder Post austragen. Aber ein Stipendium! Jetzt hört Simon dem Talentscout richtig interessiert zu.

Yilmaz: "Gut Simon, dann würde ich sagen, herzlichen Dank und viel Erfolg…"

Yilmaz packt seinen Laptop ein und geht die schmucklosen Schulkorridore entlang zum Ausgang. Robert und Simon stehen noch ein Weilchen zusammen und unterhalten sich.

Und schließlich erzählt Simon doch noch, warum er zweimal von der Schule geflogen ist – und seine Ausbildung abgebrochen hat.

Simon: "Ich bin Cannabis-abhängig. Also, ich habe... Momentan bin ich seit viereinhalb Jahren, glaube ich, clean. Oder nee, fast fünf. Und ja, habe auch eine Therapie gemacht. Und dann wurde ich halt vom Arbeitsamt an die Schule verwiesen, dass ich hier noch eine Chance habe, mein Abi nachzumachen, um dann einen Start wieder ins Leben - sag' ich mal - zu haben."

Dem Talentscout will er davon lieber nichts erzählen.

Bessere Startbedingungen als ihr Vater

Yilmaz führt über den Campus seiner Hochschule in Gelsenkirchen. Mittlerweile hat der Talentförderer einige Kollegen an der Fachhochschule, die ihn unterstützen.

Yilmaz: "Hallo Robin! Das ist Robin, der Kollege, der das Thema duales Studium auch behandelt, gehört auch zu dem Themengebiet Talentförderung."

Gleich neben seinem Büro sitzt eine Beraterin, die in Sachen Stipendien weiterhilft, andere bieten Deutschkurse an – für alle Studenten, die ihre Rechtschreibung auf Vordermann bringen wollen.

Keine Frage: Yilmaz kann seine Mission gut verkaufen. Das Projekt wächst. Journalisten fast aller großen Zeitungen, etliche Fernsehsendern haben ihn schon besucht und berichtet.

Nun wolle die Regierung in Nordrhein-Westfalen dafür sorgen, dass es bald weitere Talentscouts im Land gibt, erzählt Yilmaz. Ein Vorzeigeprojekt. Der Talentscout führt durch die frisch umgebauten Seminarräume – er ist sichtlich stolz. Sogar die Schulministerin war schon bei ihm.

Der einstige Hauptschüler hat es geschafft. Dank eines einzigen Lehrers, der damals – zu Schulzeiten - sein Talent erkannte. Der Lehrer sprach mit den Eltern von Yilmaz.

Yilmaz: "Und das war der Wendepunkt: Dass dieser offizielle Vertreter des deutschen Systems sagt, hören sie mal zu, Herr Yilmaz, der Sohn, der ist zwar auf der Hauptschule, aber das ist keine Sackgasse, sondern, die Hauptschule kann auch ein Sprungbrett sein, um weiter zu kommen."

Und von dem Zeitpunkt an war die Unterstützung wieder da. Die war grandios. Und so kam ich dann zurück auf die Gesamtschule, habe mein Abitur gemacht, studiert, und so weiter. Und da müssen wir hin und sagen: Warum? Warum ist der Yilmaz durchgekommen? Warum sind 100.000 oder 10.000 Yilmaz' nicht durchgekommen? Und das müssen wir uns genau anschauen."

Zuhal schlägt ihr mit Post-its gespicktes Biobuch auf, neben ihr rücken acht andere Abiturienten ihre Stühle zurecht, holen Kulis und dicke Textmarker aus ihren Taschen. In dem Seminarraum an der Uni Essen treffen sich die Schüler regelmäßig zur Nachhilfe, um mit einer Biologie-Studentin für ihr Abi zu lernen. In wenigen Tagen ist es so weit – Zuhal muss ihre "Angstklausur" schreiben: Bio.

Zuhal: "Aufgeregt bin ich wirklich, wenn ich daran denke. Dann habe ich wirklich dieses Kribbeln im Bauch und denke, oh, oh, du weißt doch noch gar nichts."

Schüler 1: "Prädisposition ist doch das gleiche wie Präadaptation, oder?"

Zuhal: "Warum fragst du mich jetzt so etwas? Ich weiß es nicht."

Auch bei den anderen liegen die Nerven blank.

Schüler 2: "Ich habe echt ein Problem, ich krieg die Krise, ich kann nicht mehr schlafen, weil ich immer: Ich habe nichts im Kopf, auch wenn ich so viel gelernt habe. Neu formatierte Festplatte."

Die Nachhilfelehrerin – eine energische Bio-Studentin - versucht, alle zu beruhigen. Vorher kann sie kaum mit dem Unterricht beginnen.

Zuhals Eltern haben die Abiturientin während der letzten Monate Lernstress unterstützt. Und besonders ihrem Vater gefällt die Idee mit dem Studium.

Zuhal: "Der hat gesagt, ich unterstütze dich, solange du studieren willst, ich bin immer für dich da."

Sie weiß, dass sie sehr viel bessere Startbedingungen hat, als ihre Eltern – vor allem ihr Vater, der aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist.

Zuhal: "Er konnte die Sprache nicht, hat irgendwelche Aushilfsjobs gemacht, Zeitungen ausgetragen, ganz viele Jobs halt gehabt. Dann hat er sich gedacht, ok, ich mach mich selbständig. Und im Endeffekt ist es zum Import-Export gekommen. Ja, auf meinen Vater bin ich ganz stolz, muss ich zugeben. Ich finde das beeindruckend, wie er das alles gemeistert hat. Er ist wirklich zum Geschäftsmann geworden.

Dann geht es los mit der Bio-Nachhilfe.

"Prüfung, bitte Ruhe halten!", steht auf einem roten Zettel an einer Klassenzimmertür des Berufskollegs in Herne. Drinnen schreiben Simon und Robert – die beiden Einserkandidaten – gerade ihre Abi-Prüfung in Maschinenbau. Schließlich öffnet sich die Klassenzimmertür, Robert, Simon und andere Abiturienten kommen heraus – Rucksäcke und Taschen über den Schultern. An den Schultischen packen einige noch ihre Formel-Bücher und Schreibzeug ein. Andere versuchen, in den letzten Sekunden noch etwas zu Papier zu bringen.

Robert: "Ja, lief ganz gut, besser als gedacht. Erleichtert natürlich, dass man es hinter sich hat."

Robert und Simon stehen noch eine Weile in der Sonne auf dem Schulhof und vergleichen ihre Klausur-Ergebnisse.

In den nächsten Wochen stehen noch die Mathe-Klausur und die mündliche Prüfung an. Dann liegt ein langer Sommer ohne große Verpflichtungen vor ihnen – und das ganze restliche Leben.

Robert: "Ich bin da ganz spontan und offen für alles, was kommt, halt."

Simon schiebt sich seinen Rucksack über die Schulter. Robert greift sich seine Tasche. Jetzt wollen sie schnell nach Hause. Die anderen aus ihrem Abi-Jahrgang sind schon längst weg.

Einer fehlt beim Feiern

Einige Wochen später an der Hochschule in Gelsenkirchen: Simon ist zu Talentscout Yilmaz in die Sprechstunde gekommen - diesmal ohne Robert. Der hat sich spontan entschieden, doch nicht gleich mit dem Maschinenbau-Studium zu beginnen, sondern erst einmal durch Neuseeland zu reisen.

Ihr Abi haben beide in der Tasche. Den genauen Schnitt kennen sie noch nicht. Simon setzt sich zu Yilmaz an das Beratungstischchen.

Simon: "Also, ich hoffe auf 1,9."

Yilmaz: "Alles klar. Das hört sich ja super an."

Und auch was das Studium angeht, hat sich Simon entschieden.

Simon: "Ja, wahrscheinlich schon, Maschinenbau."

Yilmaz: "Hast du andere Impulse bekommen, die deine Entscheidungen jetzt beeinflussen?"

Simon: "Ja, also, immer noch der Fachkräftemangel bei Ingenieuren. Da sind die Chancen auf einen Job nach dem Studium einfach besser."

Dann traut sich Simon, das Thema anzusprechen, weswegen er eigentlich vorbeigekommen ist.

Simon: "Letztes Mal haben sie Stipendiumsbewerbung erwähnt."

Yilmaz: "Das machen wir auch. Das ist auf jeden Fall ein Thema, wenn da eine Eins vor dem Komma steht."

Simon: "Ja, wäre schon wichtig, weil: Meine Mutter ist inzwischen pensioniert und mein Vater ist arbeitslos, der hat bei Opel gearbeitet, da ist halt nicht mehr wirklich Unterstützung da."

Beide verabreden, dass sie zusammen die Stipendienberatung besuchen werden.

Yilmaz: "Was auch ganz gut wäre, wenn du dein Ergebnis hast, final, dass du mir einfach kurz eine Nachricht schickst."

Simon: "Ja, habe ich eh vor."

In der Aula der Gesamtschule Horst geht es zu wie beim Top-Model-Wettbewerb: Zu Elektro- oder Hip-Hop-Musik stöckeln die Mädchen Richtung Bühne, um ihr Abiturzeugnis in Empfang zu nehmen. In Abendkleidern und gefährlich hochhackigen Schühchen.

Zuhal trägt ein langes schwarzes Kleid – und schafft es ohne zu stolpern auf das Podest. Sie hält die Abi-Rede.

Abiturrede Zuhal: "Herzlich willkommen zur Abi-Zeugnisvergabe…“

Sehr erwachsen wirkt sie dort oben auf der Bühne, wie sie vor den Lehrern, Eltern und Mitschülern souverän mit ihrem Co-Moderator scherzt – von der Bühne herab ein "Selfie" als Erinnerung schießt. Die Nervosität ist ihr kaum anzumerken.

Zuhal: "Noch nicht einmal ein Versprecher, ich bin stolz auf mich."

Auch Talentscout Yilmaz ist kurz vorbeigekommen – um ihr zu gratulieren.

Yilmaz: "Ich kann nur kurz bleiben. Aber ich wollte vorbeikommen."

Zuhal: "Ich weiß das ehrlich zu schätzen, ich war so stolz. "

2,9 steht auf Zuhals Abizeugnis. Immerhin: eine 2 vor dem Komma, so wie sie es sich vorgenommen hat. Im Wintersemester wird Zuhal mit dem Soziologiestudium beginnen. In Essen hat sie einen Studienplatz, erzählt sie. So gut wie sicher.

Zuhal: "Wenn man Soziologie studiert, kann man einfach in sehr viele Bereiche reinkommen. Das war, was mich fasziniert hat."

Dann drückt Zuhal ihrer Mutter das Abi-Zeugnis schnell in die Hand - und ist schon wieder weg, zu den anderen Abiturienten.

Zuhal:"Die wollen alle Fotos machen."

Sie flitzt mit ihren Schühchen durch den Saal, umarmt noch einmal all ihre Mitschüler, schüttelt den Lehrern die Hand.

Zuhal: "Ich bin glücklich. Das werde ich nie vergessen!"

Etwas ratlos steht Zuhals Mutter am Rande des großen Festsaals.

Zuhals Mutter: "Hauptsache, sie ist glücklich in dem Beruf, den sie erlernt."

Yilmaz bleibt nur kurz. Er muss noch zu Feiern anderen Abiturienten. Zuhal wird er aber in ein paar Wochen wieder treffen, wenn das Studium begonnen hat.

Yilmaz: "Während des Studiums bin ich weiter da für Zuhal. Und da ergeben sich neue Themenfelder: Auslandspraktikum, Bafög, Auslandsstudium … "

Yilmaz freut sich an diesem Abend mit seinen Abiturienten, als hätte er gerade selbst die Prüfung bestanden. Dass einer fehlt beim Feiern, verdrängt er: Simon meldet sich nicht mehr. Er hat ihm keine SMS mit seinen Abiturnoten geschickt, auch keine Mail. Er war nicht bei der Stipendienberatung und sein Handy hat er abgeschaltet. Nicht einmal sein Freund Robert weiß, was mit ihm los ist.

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