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Dienstag, 23.01.2018

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.04.2008

Aus der Warte des Kindes

Jörg Maywald/ Bernhard Schön (Hrsg.): "Krippen: Wie frühe Betreuung gelingt", Beltz Verlag, 2008, 240 Seiten

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Kleinkind in einer Krippe - der Bedarf an Kitas ist umstritten. (AP)
Kleinkind in einer Krippe - der Bedarf an Kitas ist umstritten. (AP)

Wie gut sind Kitas fürs Kind? Dieser Frage widmet sich das Sachbuch "Krippen: Wie frühe Betreuung gelingt". Psychologen, Pädagogen und Verhaltensbiologen räumen mit diversen Klischees auf und liefern differenzierte Beiträge zu der Frage, was eine optimale Betreuung von Unter-Dreijährigen ausmacht.

Endlich ein Buch, das die Angst vor der Kinderkrippe nimmt und zeigt, worin die Chancen liegen, auch schon Kinder unter drei Jahren durch fähige Erzieher/Innen betreuen zu lassen. Mit ihrem Buch "Krippen. Wie frühe Betreuung gelingt" sprechen die Herausgeber Jörg Maywald und Bernhard Schön ein klares Plädoyer für den Ausbau der frühen Tagesbetreuung und liefern damit einen wichtigen Beitrag in der aktuellen Diskussion.

Den Schlüssel zum Erfolg sehen die Herausgeber und Autoren darin, die Bedürfnisse sowohl des Kindes, der Eltern, der Erzieherinnen und aller anderen Interessierten sehr klar wahrzunehmen und in gute Balance miteinander zu bringen; also zu schauen: Was ist das für ein Kind? Wie ist sein Entwicklungsstand? Wie sind die Bedingungen für die Eltern? Wollen oder müssen sie arbeiten? Und wie empfängt die Krippe das neue Kind? Stellt sie sich auf eine kleine Persönlichkeit ein und bietet ihr die entsprechenden Bedingungen?

Doch anders als in der Debatte sonst üblich, führen die Autoren nicht vor allem sozial- und frauenpolitische Argumente an, sondern sehen den Nutzen von Kindertagesstätten in erster Linie aus der Warte des Kindes, damit die kindlichen Bedürfnisse nach liebevollen Beziehungen, nach Schutz und Unversehrtheit, nach Grenzen und Struktur, kurz nach einer stabilen, unterstützenden Gemeinschaft erfüllt werden.

Dazu gehören beispielsweise feinfühlige Erzieher/Innen, die auf das Kind individuell eingehen, es altersgemäß behandelen, an allen Tätigkeiten beteiligen und unterstützen. Denn nur so können Kinder Vertrauen entwickeln und in ihren sozialen Kontakten bestärkt werden. Ist das gegeben, kann die vor allem in Deutschland noch beargwöhnte Krippe die sprachliche, motorische, kognitive und auch soziale Entwicklung der Kinder beschleunigen.

In diesem lesenwerten Buch kommen neben den Herausgebern selbst Pädagogen, Psychologen und Verhaltensbiologen zu Wort, die nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch auf ihrem Gebiet arbeiten und damit glaubhaft vielen Klischees und Vorurteilen die Grundlage entziehen.

Etwa bei der Frage, ob Kinder den Preis für die mütterliche Emanzipation zahlen, wenn sie bereits in jungen Jahren fremdbetreut werden. "Nein", schreibt der Psychoanalytiker. Keine, der von ihm zitierten internationale Studien, beweise das.

Verhaltensbiologen erwähnen in einem spannenden Beitrag, dass nicht alle Kinder bereits früh ohne ihre Eltern klar kommen und sich in einer neuen Umgebung orientieren und entwickeln können. Die Pädagoginnen beschreiben in ihren Texten, wie bereits Kinder ab einem halben Jahr sich an ihre Mütter, Väter und die Erziehrinnen auf verschiedene Weise binden. Keineswegs ist die Beziehung zur Erzieherin ein Abbild der Beziehung zur Mutter, noch ersetzt es sie.

Eltern wissen: Beim Abholen quengelnde Töchter und Söhne regulieren so ihre Stimmungen und das machen sie bevorzugt mit den ihnen Nächsten. Dem muss mit einer langsamen Eingewöhnung und dem Kita-Alltag entsprochen werden.

Und, auch das kann man nachlesen: Kinder unter drei zu betreuen verlangt Fachkräfte, die nicht zuerst didaktische, sondern sinnlich-kreative Fähigkeiten besitzen. Nur dann können sie die frühkindlichen Ausdrucksformen wahrnehmen, verstehen und sich darauf einlassen.

Das heißt auch: Es geht nicht, die Kindergartengruppen mit den Jüngsten aufzufüllen und das als Ausbau zu verkaufen, sondern es müssen neue, speziell auf die Bedürfnisse der Kleinen ausgerichtete Gruppen aufgebaut werden. Gruppen, die das Interesse gerade dieser Altersgruppe im Auge haben. Und genau das ist das Problem in Deutschland, wo die qualitativ gute Betreuung der Unter-Dreijährigen noch weit weg ist. Auch das verschweigt das Buch nicht.

Ein großes Plus: Die Autoren versuchen nicht, den Lesern die Krippe als ein Modell für alle zu verkaufen. Deutlich benennen sie die Faktoren, wann aus der Warte eines Kindes, der Eltern, der Erzieherinnen und auch der Träger einer Einrichtung die Krippenbetreuung die frühkindliche Entwicklung eines Kindes fördern und wann stören oder gar beeinträchtigen kann. Beispielsweise sollten Eltern mit starken Einwänden gegen die Krippe nach Alternativen suchen.

Das Buch gewinnt an Überzeugungskraft, da es offen und differenziert das Feld jenseits von richtig und falsch beschreibt. Die Autoren sind weit davon entfernt, erneut in ideologische Grabenkämpfe zu verfallen. Vielmehr bestechen die gut lesbaren und verständlich geschriebenen Texte durch ihre Fachlichkeit.

Tabellen und Checklisten helfen Eltern und Erzieher/Innen, sich zu orientieren: Was verlangt eine gute Betreuung für unter Dreijährige und woran erkennt man, dass sich die Kinder in der Einrichtung sicher und wohl fühlen. Damit kann das Buch den nun beschlossenen Ausbau der Kinderbetreuung in den nächsten fünf Jahren unterstützen. Denn ein ist ganz klar: Die Krippe ist nach der Familie das Bildungshaus der Zukunft für kleine Kinder.

Rezensiert von Barbara Leitner

Jörg Maywald/ Bernhard Schön (Hrsg.):
Krippen: Wie frühe Betreuung gelingt.
Fundierter Rat zu einem umstrittenen Thema.

Beltz Verlag, 2008
240 Seiten, 14.90 Euro

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