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Kulturpresseschau | Beitrag vom 16.01.2017

Aus den FeuilletonsWie Lügen korrigiert werden

Von Hans von Trotha

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Zu sehen ist der Schriftzug "falsch" - der Buchstabe "f" ist im facebook-Design gehalten. Im Hintergrund das stark vergrößerte Logo des Unternehmens. (dpa / Fotomontage: DLF)
Facebook will stärker gegen Falschmeldungen vorgehen (Symbolbild) (dpa / Fotomontage: DLF)

Correctiv heißt die Instanz, die sogenannte Fake News auf Facebook aufspüren soll. Die Feuilletonisten der überregionalen Zeitungen grübeln darüber nach, ob eine derartige Autorität eine Gefahr für die Demokratie darstellt.

Man soll die Blätter ja immer mal auch nach guten Nachrichten durchforsten. Also bitteschön. In der SÜDDEUTSCHEN steht: "Das Lenkrad soll bleiben." Nun ist Halbwertzeit guter Nachrichten meist eher begrenzt: "Mindestens", heißt es weiter "in den nächsten 30 bis 40 Jahren werde der Mensch noch selbst eingreifen können, wenn sein Auto nicht so fahre, wie er das wolle."

Alexandra Borchardt berichtet von der Digitalkonferenz des Burda-Konzerns DLD. "Tatsächlich", so Borchardt, "steht die Lenkrad-Frage symbolisch für eines der großen Themen in der Debatte um die digitale Welt: Wieviel Freiheit bleibt dem Menschen, wenn er ständig mit Maschinen und Geräten vernetzt ist, Daten sendet und empfängt, von ihnen beeinflusst und gesteuert wird?"

Zitiert wird in der SÜDDEUTSCHEN auch der Neurophysiologe Wolf Singer, der meint: "Würde man die entsprechende Hardware entwickeln … könnte Künstliche Intelligenz schon bald unbeaufsichtigt lernen. … Wir glauben an die Robustheit hierarchischer Strukturen", so Singer, "weil wir Affen sind". Doch "in selbst organisierten Systemen funktionieren diese Hierarchien nicht mehr … Sie werden immer etwas tun. Aber nicht unbedingt das, was wir von ihnen wollen."

Die Erklärung der Welt mit einer App

Dabei suggerieren sie uns natürlich, dass sie tun, was wir wollen. Tun aber, was sie wollen. Oder was andere wollen. Die KP Chinas zum Beispiel. "Wie es euch gefällt" ist entsprechend ein FAZ-Bericht dazu von Hendrik Ankenbrand aus Shanghai überschrieben. "Chinas Regierung erklärt die Welt mit einer App", heißt es da. "Mit lernfähiger Software" (da ist sie schon wieder! Schon wieder lernfähig - aber in China wahrscheinlich nicht unbeaufsichtigt) "wählt die personalisierte Nachrichten-App Toutiao aus, was etwa 600 Millionen Chinesen über die Welt erfahren. … Das Regime in Peking", kommentiert die FAZ, "hat damit sein perfektes Propagandawerkzeug gefunden", wobei " der Erfinder von Toutiao … das weltweit erste Unternehmen sein (dürfte), das künstliche Intelligenz in Verbindung mit einem sozialen Massenmedium einsetzt."

Das westliche Pendant dazu ist der Einsatz von reduzierter Intelligenz in Verbindung mit einem sozialen Massenmedium als Propagandawerkzeug, sprich: Trumps Twitter Account, dem sich Adrain Lobe in der FAZ widmet. Er zitiert einen Wirtschaftsanalysten mit dem Satz: "Trump sei das 'Beste, was Twitter je passiert ist' … Macht", fragt Lobe, "Trump vielleicht nicht Amerika, aber doch Twitter 'great again'?"

Zensur des Internets?

Oder holt er sich womöglich dieses chinesische Zeugs? Gott bewahre!

Die FAZ zitiert Zhu Huaxin, den "Sekretär des 'Instituts zur Überwachung der öffentlichen Meinung'. So etwas soll es bei uns jetzt auch geben. Ganz anders natürlich. Ohne Sekretär. Und es heißt auch nicht Institut und Überwachung,  sondern 'Correctiv'", vornehm mit zweimal "c". Alle berichten über diese neue Instanz, die Fake News auf Facebook aufspüren soll, also, um es mit dem Tagesspiegel knapp zu erläutern: "Weg mit dem Bullshit". Die  WELT macht groß mit Christian Meiers Frage auf: "Ist das endgültig der Weg ins vorgefilterte, bevormundende Netz?". Und es wäre nicht die WELT, würde eine solche Frage nicht auch gleich beantwortet: "Facebook … hat zum einen immer schon vorgefiltert durch seine Algorithmen. Zum anderen gilt: Ein soziales Netzwerk zu nutzen, ist die eine Sache. Einem sozialen Netzwerk zu vertrauen, die andere."

Jürgen Kaube nennt das Projekt in der FAZ "eine Art Stiftung Warentest für Kommunikation im Netz" und erklärt gleich: das "kann nicht funktionieren", denn: "Das Problem ist im Fall der Fake-News nicht ihre Produktion, sondern die Empfänglichkeit für sie."

Und es wäre weder die FAZ noch Jürgen Kaube, wenn sich das nicht ins Philosophische wenden ließe: "Niemand kann dazu gezwungen werden, den Irrtum seiner selbstverfertigten Projektionen einzusehen, außer, vielleicht, durch deren Scheitern."

War also irgendwie wieder nichts mit den guten Nachrichten. Wer mehr Nachrichten lesen will, die einem wirklich gefallen, der muss es wie die Chinesen machen. Der Slogan der Nachrichten-App Toutiao lautet "Was dir gefällt, wird zur Schlagzeile".

Ich sage nur: Das Lenkrad bleibt.

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(Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 22.01.2017)

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