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Kulturpresseschau | Beitrag vom 02.03.2017

Aus den FeuilletonsWie gefährlich sind Gender-Sternchen?

Von Gregor Sander

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Ein Tweet der baden-württembergischen Landesregierung mit dem geschlechtsneutral formulierten Wort "Bürger*innen" ist am 02.06.2016 auf einem Mobiltelefon zu sehen. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Ein Tweet der baden-württembergischen Landesregierung mit dem geschlechtsneutral formulierten Wort "Bürger*innen" (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Der Linguist Peter Eisenberg beschwert sich in der "SZ" über die sprachliche Gerechtigkeit. Bäcker*innenhandwerk, Bäcker*innenauszubildende*r - "Wollen wir so etwas wirklich?", fragt er. Das ständige Anhängen der Endung "innen" erscheint ihm höchst gefährlich. Er zieht den Vergleich zur Gentechnik.

"Deutschland lässt sich nicht erschaukeln"

stellt Andreas Kilb in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG fest und wettert dann gegen das geplante Berliner Einheitsdenkmal, das durch hohe Kosten schon wieder in Schieflage geraten ist.

"Selbst unter denen nämlich, die "das Volk" zu seinesgleichen zählt", so Kilb, "gibt es einige, die auf der 'Wippe' weniger gleich sind als die anderen. So würden Rollstuhlfahrer, wie Tests gezeigt haben, an den Rändern der auf und ab wippenden asphaltierten Schale so sehr in Schieflage geraten, dass sie sich nur im Mittelbereich des Objekts aufhalten dürften. Alte, Kranke, Schwindelanfällige hätten unbegleitet ohnehin keinen Zutritt."

Aber damit nicht genug. Denn dieser Wippenentwurf, scheint wirklich dümmer zu sein, als die Polizei erlaubt. Meint jedenfalls der FAZ-Kritiker, denn:

"Was, wenn am Ende des Tages, nach ausgiebigem Gewippe, sich niemand fände, um das Riesending wieder ins Gleichgewicht zu bringen? Dann müsste die Berliner Polizei anrücken, um das schief hängende Denkmal der deutschen Einheit und Freiheit mit geballtem Körpereinsatz heimzuschaukeln."

Natürlich hat Andreas Kilb eine andere Idee und schlägt vor, den 2010 ebenfalls mit einem ersten Preis ausgezeichneten Entwurf des Münchener Architekten Andreas Meck zu realisieren:

"Meck hatte die Idee, auf den Sockel des wilhelminischen Kaiserdenkmals einen Pavillon aus Metallbuchstaben zu setzen, die sich zu Schlüsselworten der deutschen Geschichte fügen. 'Einheit', 'Freiheit' und 'Volk' sind darin nur drei Begriffe unter vielen."

Legt man Kilbs eigene Maßstäbe an diesen Entwurf, muss man allerdings fragen, ob das Denkmal dann auch etwas für blinde Mitbürger wäre und was mit den Legasthenikern ist? Und ob für diese Bevölkerungsgruppen wippen nicht wieder sinnvoller wäre?

Wollen wir Bäcker*innenauszubildende*r wirklich?

Es ist eben schwer, es immer allen Recht zu machen. Auch in der Sprache. Über die sprachliche Gendergerechtigkeit beschwert sich der Linguist Peter Eisenberg in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG:

"Bäcker als Maskulinum bezeichnet ebenso wenig ausschließlich Männer wie Person als Femininum ausschließlich Frauen bezeichnet. So ist das im Deutschen. Es gibt hier ein Wort, das ausschließlich Frauen bezeichnet (Bäckerin), aber keins, das ausschließlich Männer bezeichnet. Frauen sind sprachlich zweimal, Männer einmal sichtbar."

Dem Grammatiker wird bei der Feminisierung mancher Worte offensichtlich ganz schwindelig:

"Was wird aus Bäckerhandwerk, Bäckerlehrling usw.? Es ergeben sich Bäcker*innenhandwerk, Bäcker*innenauszubildende*r usw. Wollen wir so etwas wirklich?",

fragt Eisenberg. Die Frage ist doch aber eher, wer in diesem Fall "wir" sind. Für den Linguisten scheint die Antwort jedenfalls klar zu sein und das ständige Anhängen der Endung "innen" an männliche Substantive, ob nun mit Sternchen, Bindestrich oder Unterstrich, erscheint ihm höchst gefährlich:

"So wenig wie in der Gentechnik kann man in einer natürlichen Sprache überblicken, was passiert, wenn man irgendwo ins System hineingreift."

Die Zweifel der Thea Dorn beim Literarischen Quartett

Was passiert, wenn man Maxim Biller durch Thea Dorn ersetzt, kann man und frau sich am Freitagabend im Literarischen Quartett des ZDF ansehen. Biller hatte Probleme damit, Teil des literarischen Betriebes zu sein, war im ZEIT-Magazin zu lesen - und auch Thea Dorn quälen Zweifel, wie sie dem Berliner TAGESSPIEGEL verraten hat:

"Will ich an einer Sendung teilnehmen, die das Missverständnis befeuert, ich sei auch eine Literaturkritikerin? Letztere bin ich nicht, war ich nie und will ich nie sein."

Denn eigentlich ist Thea Dorn ja Autorin, was sie wiederum mit Maxim Biller gemein hat. Der war der nörgelnde Bösewicht im Literarischen Quartett und in welcher Rolle sieht sich Thea Dorn?

"Die Sendung ist dann am spannendsten, wenn alle Beteiligten so unverstellt wie möglich miteinander diskutieren",

antwortet sie dem TAGESSPIEGEL verbindlich und leider etwas langweilig. Die Rolle der nörgelnden Bösewichtin scheint also ausgeschlossen.

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