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Kulturpresseschau | Beitrag vom 01.06.2018

Aus den Feuilletons Taten statt Leitkultur

Von Tobias Wenzel

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Schauspieler Edgar Selge in "Unterwerfung"  (picture alliance/dpa/Foto: Markus Scholz)
Schauspieler Edgar Selge als François in "Unterwerfung" (picture alliance/dpa/Foto: Markus Scholz)

Im "Spiegel" geht es um Houellebecqs Unterwerfung auf der Bühne und im Fernsehen. Schauspieler Edgar Selge – der in beiden Fassungen spielt – äußert sich zu Leitkultur und Integration. Und die "Welt" bringt einen Abgesang auf Plastik.

"Sind Sie [Michel Houellebecq] mal begegnet?", fragt Claudia Voigt im neuen SPIEGEL den Schauspieler Edgar Selge. Und der antwortet: "Bisher nicht. Ich spreche kein Französisch, ich rauche nicht, ich trinke nicht."

Selge spielt mit großem Erfolg am Hamburger Schauspielhaus in der Theateradaption von Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung". Am kommenden Mittwoch ist er im Ersten auch noch in der Fernsehfassung zu sehen. Und dort, erklärt Claudia Voigt das Konzept des Films, auf drei Handlungsebenen, "als Edgar Selge, der auf dem Weg ins Theater ist und sich auf seinen Auftritt vorbereitet, als Schauspieler, der sich in François verwandelt, und als Filmcharakter François, der in Paris lebt und in seinem Appartement mit Blick über die Stadt seine Geliebte empfängt."

Fiktion zum Jahr 2022

Houellebecqs Fiktion spielt im Jahr 2022. Ein Muslim wird französischer Präsident, ein islamisches Regime entsteht. In der Theaterfassung hat Selge das Gefühl, "Menschen aus verschiedenen politischen Lagern anzusprechen, sie in ihren Phobien und Ängsten abzuholen und eine herrschende Stimmung einzufangen", und genau das solle Theater doch gerade machen.

Als zentrale Frage des Buchs versteht Selge den Satz "Was ist uns unsere Kultur wert?". Das klingt für Claudia Voigt wie "ein Appell für eine deutsche Leitkultur". Anstatt nur über die Leitkultur zu reden und alles zu problematisieren, sollten wir uns lieber an unseren Taten messen lassen, antwortet Edgar Selge, fordert eine Bildungsoffensive mit kleineren Klassen und intensiverem Deutschunterricht für Ausländer: "Das würde uns weiterhelfen in unserem kulturellen Selbstverständnis und bei der Integration. Eigentlich könnten wir doch eine großartige Zeit erleben. Wir treffen mit lauter Menschen zusammen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um nach Deutschland zu kommen. […] gemeinsam könnten wir ein neues Lebensgefühl entwickeln. So oft, wie ich gerade den Konjunktiv benutzt habe, klinge ich fast schon wie Houellebecq."

Mit Einwegkugelschreibern Gibraltar verstopfen

Bleiben wir im Konjunktiv: "Die EU will die Erde von Kunststoffen befreien." Wenn sie das wirklich schaffen sollte, worauf müssten wir dann verzichten? Dazu machen sich gleich mehrere Autoren im Feuilleton-Aufmacher der WELT Gedanken und liefern schon mal einen Abgesang auf Nacho-Schale, Schutzfolie, Kunst aus Plastik und auch den Kugelschreiber. "Natürlich gibt es auch Mont-Blanc-Kugelschreiber aus tiefblauem Edelharz. Aber unter uns: Wir Kulturmenschen haben so etwas nicht", schreibt Andreas Rosenfelder. Die würden so etwas sowieso gleich wieder verlieren. "Deshalb horten wir, auf diverse Schubladen, Taschen und Schreibtische verteilt, einen unendlichen Vorrat an billigen Einwegkugelschreibern, der allein schon ausreichen würde, um die Meerenge von Gibraltar zu verstopfen." Allerdings seien die meist unauffindbar oder zerfielen beim Schreiben in ihre Einzelteile. "Das ist aber nicht tragisch, denn selbst wenn es uns gelingt, den Bausatz wieder zusammenzufügen und unsere genialen Einfälle mit schmieriger Tinte niederzuschreiben, können wir sie am nächsten Tag schon nicht mehr entziffern." Insofern kann die EU doch eigentlich schon mal die Einwegkugelschreiber im Kampf um den Plastikmüll aus dem Verkehr ziehen.

Rudolf Walther wäre es vielleicht lieber gewesen, wenn Thea Dorns Sachbuch "deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten" erst gar nicht in den Buchverkehr gekommen wäre. Walthers Rezension in der TAZ spiegelt sein Leiden wieder, das er bei der Lektüre empfunden haben muss. Die Rezension müssen Sie allerdings selbst lesen. Hier reicht die Zeit nur für Rudolf Walthers ersten Satz: "Thea Dorn hat wieder ein Buch geschrieben."

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