Donnerstag, 24.05.2018
 

Kulturpresseschau | Beitrag vom 17.05.2018

Aus den FeuilletonsStreit um ein paar Streifen

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Der Graffitikünstler Alexander Frank aus Floh-Seligenthal springt über den halb fertigen 3D-Zebrastreifen im Wohngebiet Walperloh in Schmalkalden. (Christoph Soeder/dpa)
Der 3D-Zebrastreifen in Schmalkalden: ein Hingucker und Streitpunkt. (Christoph Soeder/dpa)

Ein Graffiti-Künstler hat im thüringischen Schmalkalden dreidimensionale Zebrastreifen auf die Straße gemalt. Gut gemeint, aber vom Landesverwaltungsamt kritisch beäugt. Über ausgebremste Innovationen und den öffentlichen Raum als Geisterbahn.

Die Londoner Royal Academy erlebt an diesem Wochenende eine Art Wiedereröffnung, dabei war sie gar nicht geschlossen. Sie bekommt aber einen Erweiterungsbau, der sowohl Gina Thomas in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN als auch Alexander Menden in der SÜDDEUTSCHEN einhellig jubeln lässt. Und das hat damit zu tun, daß David Chipperfield, übrigens selbst Mitglied der Royal Academy, den Um- und Ausbau des rückwärtigen Hauses gestaltet hat – Chipperfield, der es…

"...wie wohl kein anderer aus der ersten Riege international agierender Architekten beherrscht, aus bestehender Bausubstanz so subtil wie möglich und so entschlossen wie nötig das Beste herauszuholen."

So formuliert es Menden in der SZ. Und Thomas schreibt in der FAZ:

"Der Eingriff besticht durch raffinierte Schlichtheit und eine nahtlose Verschmelzung von Alt und Neu. Von Chipperfield entworfene Messing-Leuchter hängen von viktorianischen Stuckdecken, unauffällige Türrahmen aus gebrannter Eiche koexistieren mit dem barocken historischen Gewebe. Überall dringt Licht ein."

Wir erfahren außerdem, dass der öffentlich nutzbare Raum der Akademie durch die Baumaßnahme um 70 Prozent größer wurde, so dass jetzt ein kontinuierliches Ausstellungsprogramm zwischen den großen Shows möglich wird; dass die Verbindung zwischen dem repräsentativen Burlington House vorn und dem Hintergebäude durch einen monumentalen Kellergang führt; und dass es jetzt einen doppelgeschossigen Vorlesungssaal für 250 Zuhörer gibt. 250 ist übrigens auch das Alter der Akademie in Jahren gemessen – es handelt sich also auch um ein ebenso sinnreiches wie schönes Geburtstagsgeschenk dieser Institution an sich selbst und an die Kunstwelt.

Ärger um einen Zebrastreifen

In Schmalkalden hingegen muss die Kunst leider weg, zumindest weg von der Straße, auf die sie gepinselt wurde. In wenigen Stunden läuft das Ultimatum aus, welches das Landesverwaltungsamt dem Schmalkaldener Bürgermeister gesetzt hat, um einen dreidimensionalen Zebrastreifen zu entfernen, der nicht den amtlichen Vorgaben für Zebrastreifen entspricht. Das bringt Christian Geyer in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN auf die Bordsteinpalme, denn er hat das Geschehen in der von ihm so genannten Verbitterungszone, welche von einem Zebrastreifen markiert wird, genau analysiert:

"Starren Blickes, ohne nach rechts oder links zu schauen, kreuzt der Fußgänger hier bar jeder Fühlungnahme mit der bedrohlichen Welt die Straße. Gewiss, er nimmt ja nur sein Recht auf ungehinderten Durchgang wahr, aber es ist, als könne man ihm beim Rechthaben zuschauen."

Dieser draufgängerischen Psyche des Fußgängers kommt nun die Schmalkaldener Innovation in lebensschützender Weise entgegen: ein Zebrastreifen in 3D, geschaffen von dem Graffiti-Künstler Alexander Frank – ein Zebrastreifen, der aus Autofahrersicht den Eindruck von auf der Straße schwebenden Riesenbalken erweckt.

Staatsverwaltung als oberste Horrorbehörde

Der FAZ-Autor fordert:

"Warum nicht wenigstens einen Modellversuch in dieser Zone 30 starten, um herauszufinden, wie sich das subjektive Erschrecken der Autofahrer vor dem vermeintlich massiven Hindernis auf die Verkehrssicherheit auswirkt?"

Sollte der Gedanke Schule machen, dann wird der öffentliche Raum wohl bald zur Geisterbahn: Überall werden die Menschen durch das Mittel der Schreckung vor Gefahren bewahrt – die Staatsverwaltung wird zur obersten Horrorbehörde. Aber ist sie das nicht bereits? Ein kleiner Artikel in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG weist jedenfalls in die Richtung.

Er handelt von einem Auftritt der Chefin des Verlagshauses Gruner + Jahr, Julia Jäkel, beim Hamburger Mediendialog. Sie hält die sogenannte "Sekundäröffentlichkeit", die durch Soziale Medien, Blogs und Internetplattformen entstanden ist, für bedenklich. Hass, Brutalität und Desinformation seien dort an der Tagesordnung – und wir dürfen uns hinzudenken: im Gegensatz zu den Qualitätserzeugnissen von Gruner + Jahr. Deshalb empfiehlt die Dame allen finanzkräftigen Unternehmen, doch mal darüber nachzudenken, wie man unliebsamen Blogs und Internetpräsenzen die Einnahmen aus Online-Werbung entziehen kann. Ein höchst problematischer Vorschlag, denn unliebsam kann hierzulande auch einfache Regierungskritik sein.

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