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Kulturpresseschau | Beitrag vom 19.04.2017

Aus den Feuilletons"Schicksalswahl" in Frankreich

Von Hans von Trotha

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Marine Le Pen und Emmanuel Macron (picture alliance/dpa/Foto: Vallauri Nicolas/©tatif/Wostok Press)
Fotomontage: Die französischen Präsidentschaftskandidaten Marine Le Pen und Emmanuel Macron (picture alliance/dpa/Foto: Vallauri Nicolas/©tatif/Wostok Press)

Marine Le Pen oder Überflieger Emmanuel Macron? Vor der französischen Präsidentschaftswahl lässt die "Zeit" Peter Sloterdijk über französische Illusionen nachdenken. In der "Süddeutschen Zeitung" schimpft hingegen der Schriftsteller Édouard Louis über die politische Klasse in Frankreich.

"Schicksalswahl" in Frankreich, raunt die ZEIT. Und worum geht´s? Um Illusionen:

"In unseren Tagen", schreibt Peter Sloterdijk, "schwebt Frankreich akut in Gefahr, seiner Tradition der Agonien ein neues Kapitel hinzuzufügen – diesmal mit dem gespenstischen Vorsatz, sich so wiederherzustellen, wie es in vorgeblich besseren Tagen zu sein sich eingebildet hatte… Es waren die Zeiten, in denen der zwei Meter hohe General einem Großteil seiner Landsleute die orthopädische Illusion einflößte, sie hätten an seiner Seite den Zweiten Weltkrieg irgendwie doch gewonnen."

Mit der "orthopädischen Illusion" hat Sloterdijk konkurrenzlos den feuilletonistischen Neologismus des Tages geliefert. Illusionen sind es seiner Meinung nach überhaupt, die den Franzosen zu schaffen machen. Sie leiden, schreibt er "zunehmend in dem Maße, wie sich zeigt, dass keine Ersatz-Illusionen zur Verfügung stehen".

Die ZEIT lässt sich einen guten Teil ihres Feuilletons von 20 deutschen Intellektuellen füllen, die die französische Wahl kommentieren sollen. Barbara Vinken etwa setzt provokant auf blaue Augen und blonde Haare:

"Hoffen wir", schreibt sie, "dass das Strahlen der blauen Augen Macrons das Vertrauen in die Integrationsfähigkeit der Französischen Republik aufleuchten lässt. Und das Platinblond der Marine Le Pen… daneben verblasst."

Was die ZEIT-Intellektuellen an Frankreich vor allem interessiert, sind eigene Erinnerungen und Marine Le Pen. Allerlei Erklärungen werden bemüht, von denen die der Schriftstellerin Anne Weber am Überzeugendsten klingt:

"Dass Marine Le Pen vor der Tür steht, hat sie weniger sich selbst und ihren bescheuerten Auffassungen als der Unfähigkeit, Bestechlichkeit und Machtgier der übrigen Kandidaten zu verdanken."

Édouard Louis über Linke mit "rechter" Politik

So etwa sieht das auch der junge französische Schriftsteller Édouard Louis. Allerdings nicht in der ZEIT, wo er vor Kurzem seine Mutter mit dem Satz zitierte, sie wähle Le Pen, weil sie die einzige Politikerin sei, die "Eier" habe. Diesmal hat ihn die SÜDDEUTSCHE. Den Aufschlag des Interviewers, "nur Macron könne Marine Le Pen noch besiegen" quittiert er mit: "Blödsinn. Politiker wie Macron haben Le Pen stark gemacht. Sie gaben sich als Linke und haben lupenrein rechte Politik gemacht."

Direkt darunter zitiert Joseph Hanimann den Historiker Alain Besançon mit der Bemerkung: "Demokratien seien an den Rändern hitzig, in der Mitte eher lau."

Herrschaft der Sozialen Netzwerke

Viellicht liegt da ja das Problem, dass man unter der Herrschaft der Sozialen Netzwerke nur das Hitzige wahrnimmt, weil man kaum Zeit hat, weil man, wie Jörg Häntzschel ebenfalls in der SÜDDEUTSCHEN von sich auf andere schließt, damit beschäftigt ist, sich selbst zu erfinden: "Man ertappt sich dabei", schreibt er, "sein Leben zu inszenieren, der Schauspieler seiner eigenen Rolle zu werden, um im Wettbewerb um Likes weiterzukommen."

Der Medientheoreiker Boris Groys spricht in der NZZ von der "Praxis des Selbstdesigns", die allerdings noch viel weiter geht:

"Das Selbstdesign schafft einen zweiten, künstlichen Körper, der den Körper des Menschen potenziell ersetzt und überlebt. Wenn eine Person stirbt, bleiben tatsächlich die Dinge, die sie ausgewählt und benutzt hat, übrig… Der Gebrauch von Dingen ist also eine Form von Selbstdesign: Dinge sind nicht nur Werkzeuge für das praktische Leben, sondern auch Manifestationen der Seele ihres Benutzers. Als Erben der Paläste und der Kirchen waren Kunstmuseen in der Tat ursprünglich Design-Museen."

Was überaus fatal klingt, wenn man gelesen hat, was Oliver Herwig drei Seiten vorher in derselben NZZ schreibt, nämlich: "Das klassische Produktdesign ist tot… Die Grenze zwischen real und virtuell verschwimmt immer mehr… Wenn wir Sofas und Tapeten in unserem digitalen Wohnzimmer künftig nur noch herunterladen, müssen wir tatsächlich aufpassen, worauf wir uns setzen, wenn wir im Ohrensessel Platz nehmen wollen. Im besten Fall ist es ein reales Stück Wellpappe, im schlechtesten nur eine Illusion."

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