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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 22.08.2016

Aus den FeuilletonsNeues Feindbild: alter, weißer Mann

Von Arno Orzessek

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Vier Herren fortgeschrittenen Alters sitzen auf einer Bank am Ufer und blicken auf das Wasser.  (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)
Das Strukturell Böse? - Senioren genießen die Sonne. (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)

Das Schimpfen über weiße alte Männer entwickele sich hierzulande "zum Volkssport", empört sich Peter Richter in der "Süddeutschen Zeitung". Dabei würden Lebenserfahrungen und Polizeiberichte nahelegen, sich eher vor jungen Männern in Acht zu nehmen.

"Botox der Jugend" heißt ein Artikel in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, in dem Peter Richter behauptet:

"Auch in Deutschland entwickelt sich das Schimpfen über weiße alte Männer zum Volkssport."

Und weil dieser Trend, festzumachen etwa am Hashtag #weißealtemänner, dem SZ-Autor zuwider ist, schreibt er "eine kleine Polemik gegen ein trübes Vergnügen".

Darin heißt es:

"Der Vorwurf, der alten weißen Männern gemacht wird, besagt, dass letztlich sie der Grund seien, warum die Welt so ist, wie sie ist. In der Praxis mögen Lebenserfahrung und Polizeiberichte es geraten lassen, sich eher vor jungen Männern in Acht zu nehmen, Hautfarbe egal, aber in der Theorie sind weiße alte Männer das sehr viel gefährlichere, weil strukturelle Problem. Und wenn sie sich deswegen diskriminiert fühlen, dann zeigt das nur ihre Bigotterie und trifft sicher nicht die Falschen. Ist das, ungefähr so, richtig zusammengefasst, liebe Jugendfreunde?"

So fragt der SZ-Autor Peter Richter voller Sarkasmus.

Mehr Bildschirm- als Lebenserfahrung

Dass die digitale Welt so aussieht, wie sie aussieht, das haben in hohem Maße junge Männer in Kalifornien zu verantworten. Und eben darauf spielt die Überschrift "Silicon Valley ist überall" in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG an.

Adrian Daub ist mit dem Smartphone in der Hand durch Kalifornien gereist und hat die Realität vor seinen Augen mit dem Bild verglichen, das diverse Apps von Land und Leuten entwerfen.

Sein uncharmantes Urteil: Auf den Apps sehe man "nur die Erfahrungswelt lebensfremder Programmierer".

"Die Erfindungen Silicon Valleys kontrollieren unsere Umgebung. Sie erschließen uns eine nivellierte Welt. Aber sie entspringen eben auch einer ganz bestimmten Umgebung: einer Gegend, in der die Herdenmentalität der Hipster Mitmachen und Miterleben in demographisch ganz eng umschriebenem Rahmen befiehlt; einer Branche, die bevorzugt junge Menschen einstellt, die mehr Bildschirmerfahrung als Lebenserfahrung mitbringen, eine Unternehmenskultur, die erstaunlich monokulturell und männerdominiert ist, sich aber über diese Tatsache gern hinwegtäuscht. Silicon Valley erkennt seine blinden Flecken prinzipiell nicht."

Kunst und Essen

Zurück in die analoge Welt. Unter dem Titel "Der Weg der Kuh" sucht Samuel Herzog in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG nach Gründen für den Boom von Kunst-Ausstellungen, in denen es ums Essen geht.

"Mit dem Thema Essen drängt sich die Dialektik des Eigenen und des Fremden, die Auseinandersetzung mit den diversesten Aspekten der Globalisierung ganz besonders auf. Nicht nur weil sich unsere Speisekarte seit einigen Jahren aus Elementen zusammensetzt, die aus allen Ecken und Enden des Kontinents zu uns geflogen und geschifft werden, nein, auch weil das Essen überall in religiöse und hygienische Vorstellungen, politische und soziale Prozesse eingebunden ist. Das Thema Essen, so könnte man sagen, holt die Globalisierung aus dem abstrakten Bereich der Modelle und theoretischen Vorstellungen in den konkreten Raum der Gabel."

Das hört sich, wenn schon nicht originell, so doch plausibel an.

Allerdings wollte der NZZ-Autor Herzog ja keineswegs erklären, wie die Globalisierung in den "Raum der Gabel", sondern wie das Essen in Kunstwerke und Ausstellungsräume geraten konnte - und das gelingt ihm insgesamt nicht restlos überzeugend.

Übrigens, liebe Hörer: Es ist kein Zufall, dass wir in dieser Presseschau vor allem aus Essays zitieren, die genauso wie an diesem auch am nächsten oder übernächsten Montag in der Zeitung stehen könnten.

Tatsächlich dominieren in den aktuellen Feuilletons Artikel mit ziemlich langer Haltbarkeit, was den leisen Verdacht nahelegt, dass mitten im Sommer die brandheiß-akuten Themen rar geworden sind.

Doch es sei, wie es sei. Wir wünschen Ihnen, dass Sie in der kommenden Woche oft in die Stimmung geraten, die eine Überschrift in der TAGESZEITUNG umreißt:

"Verträumt, nachdenklich, hocherotisch"

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