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Kulturpresseschau | Beitrag vom 25.04.2017

Aus den FeuilletonsMit Horst geht es steil bergab

Von Tobias Wenzel

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Fächer mit den Namen der Kinder in einer Kita in Berlin-Neukölln (dpa / picture alliance / Volkmar Heinz)
Hier gibt es auch keinen Horst mehr: Fächer mit den Namen der Kinder in einer Kita in Berlin-Neukölln (dpa / picture alliance / Volkmar Heinz)

Die beliebtesten Vornamen für Neugeborene sind ja allgemein geläufig, aber wie sieht es mit den unbeliebtesten aus? "Die Welt" hat ermittelt, dass heutzutage − anders als noch 1934 − fast kein deutscher Junge mehr Horst heißen darf.

"Architektur darf nicht modisch sein. Sie braucht einen langen Atem." Der TAGESSPIEGEL zitiert mit diesen Worten den Vater der Glaspyramide vor dem Louvre Ieoh Ming Pei und ergänzt, der Atem des Architekten selbst sei, da er jetzt seinen 100. Geburtstag feiert, ja "lang genug".

Dagegen geht Horst die Luft aus. Dem Namen "Horst", wie Matthias Heine, der Mann fürs Metasprachliche bei der WELT, erläutert. "Der Herbst des Horst" hat er seinen Artikel genannt. Wehmut scheint beim Autor aufzukommen. Scheint: "Heute ist der Name Horst so gut wie ausgestorben", schreibt Heine. "Der Informatiker und Namensforscher Knud Bielefeld, der bundesweit Daten von Standesämtern auswertet und die Web-Seite 'Beliebte Vornamen' betreibt, hat erst ein einziges Kind registriert, das 2017 Horst getauft wurde." Dann zeigt Heine sein wahres Gesicht:

"Gerne würde man mal eine Reportage über dessen Eltern lesen. Über Menschen, die ihre Kinder gesichtstätowieren, mit Krokodilen spielen lassen oder sie Barbie-Foucault-Internet nennen, wird ja viel berichtet. Aber der wahre Exotismus besteht doch heute darin, sein Kind als Horst auf die Reise ins Leben zu schicken."

1934 sei "Horst" noch der beliebteste Vorname für Jungen gewesen. Seit dem Jahr 2000 sei es allerdings so richtig bergab mit dem Namen gegangen, seit er als Schimpfwort gebraucht werde: "Es gab eben nie eine Vollmartha, eine Vollcharlotte, einen Volltheo oder einen Vollemil. Es gibt nur Vollhorsts."

Ob wohl Stephen Bannon, Donald Trumps Chefstratege, weniger demagogisch und angeberisch wäre, wenn er Horst Bannon hieße? "Stephen Bannon […] prahlt gerne damit, wie erfolgreich er vor seiner Politikkarriere als Produzent in Hollywood gewesen sei", schreibt David Steinitz in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Das Selbstlob habe nun eine Reporterin für die Zeitschrift "New Yorker" überprüft und festgestellt, dass man sich in Hollywood "eher überhaupt nicht an ihn erinnert." So habe ihr der Medienmogul Barry Diller, ein "Urgestein" in Hollywood, gesagt: "Ich kannte ihn bis zum Wahlkampf letztes Jahr nicht, und auch niemand, den ich kenne, hat ihn in seiner sogenannten 'Hollywood-Periode' jemals kennengelernt."

Veganer leben im Paradox

Die Selbstwahrnehmung weicht manchmal ein wenig von der Wahrheit ab. Das gilt auch für Veganer. Behauptet jedenfalls der italienische Philosoph Damiano Cantone in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Veganer sagten "Wer Proteine tierischen Ursprungs zu sich nimmt, obwohl er nicht muss, handelt ethisch verwerflich", weil er Leiden verursacht. Sie selbst, die Veganer, sind also "ethischer als andere Menschen". Das sei aber kein gültiger Schluss, sagt Cantone. Denn das Leiden lasse sich gar nicht aus der Welt schaffen. Seine Argumentation:

"Wer ein Kind in die Welt setzt, entscheidet sich aus freien Stücken dafür, ein Lebewesen dem nicht notwendigen Leiden auszusetzen (weil es eben ein Leben ohne Leiden nicht gibt). Wer sich also reproduziert, verstösst gegen das zugrunde liegende ethische System. Doch – zweites Paradox – gäbe es ohne Reproduktion und ohne das Leiden, das sie mit sich bringt, gar kein ethisches System, das verletzt werden könnte, da es die Welt nicht gäbe. Es sei denn, weiteres Paradox, der Veganer delegiere die Reproduktion an die Nicht-Veganer. Die Position der Veganer ist darum irrational. Eine aus der reinen Lehre der Veganer hervorgegangene Welt existiert nicht – oder sie existiert bloss im Absolutismus religiöser Gedankenspiele."

Zwar gebe es viel gute Gründe, kein Fleisch zu essen, aber keiner davon sei "per se ethisch", lässt der Philosoph seine von langem Atem bestimmte Argumentation enden: "Wer so denkt, denkt am Ende dennoch bloss an sich – er will sich anderen Menschen, die Fleisch essen […], überlegen fühlen."

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