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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 27.10.2014

Aus den FeuilletonsMachos und andere Spießer

Kulturressorts der Tageszeitungen bieten allerlei Ressentiments

Von Hans v. Trotha

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Ben Becker vor dem Wiener Rathaus (picture alliance / dpa)
Nicht nur als Vorband der Böhsen Onkelz unterwegs: Ben Becker (picture alliance / dpa)

Die Feuilletons verleihen Ben Becker einen fragwürdigen Preis und erfreuen sich an allerlei Ressentiments. Da ist die Rede von den hippen Spießern aus der Uni, an Hausfrauen vorm Fernseher und spießigen Schwulen.

Isolde Charim steht dazu: "Unter dem Motto: 'Suche die unpolitischste Theaterproduktion 2013/2014´", erzählt sie, wurden dieser Tage in Wien "Antipreise verliehen.

Diesmal war ich", schreibt Charim, "Mitglied der Jury. ich habe meinen Sieger in der Kategorie: 'Helden und Heldinnen der Provinz´ gekürt. Hier meine Laudatio: Dieser Preis, meine sehr verehrten Damen und Herren, hat zwei Besonderheiten: Erstens - er erlaubt es der Jury ungehemmt, alle Ressentiments auszuleben, die sich übers Jahr angesammelt haben: 'Und der kommt auch auf die Liste! Und der auch noch!' Zweitens aber kommt dann ein Moment, wo das kippt. Wo das Ressentiment in echte, in ernste, in ernst zu nehmende Empörung kippt. Das ist der Moment, wo man einen Sieger kürt. Ich habe Ben Becker gewählt."

Dann analysiert Charim klug, warum Ben Becker den Preis für seinen Auftritt als Ein-Mann-Vorgruppe für die Böhsen Onkelz völlig verdient hat, ohne Ressentiment. Na ja, fast ohne. "Ben Beckers einziges Risiko" schreibt Charim am Ende noch, "war, den Preis für die unpolitischste Aufführung zu bekommen. Das ist ihm gelungen."

Unterhaltungsfeminismus aus den USA

Das Ressentiment, so scheint´s, bestimmt die Welt – und auch das Feuilleton der gleichnamigen Zeitung. "Hübsch aussehen, hart zuschlagen und die Welt retten". Da bekommt das Wort "Schlagzeile" gleich einen ganz anderen Klang, auch wenn´s am Ende mal wieder nur ums Fernsehen geht, da aber doch immerhin um, Zitat: "Unterhaltungsfeminismus". "Der Fernsehtrend", weiß Hannes Stein, "geht in Amerika zur privat und beruflich erfolgreichen Endvierzigerin mit Durchblick." Und wie kommt das? "Der Grund ist sehr einfach", meint Stein, "Mittlerweile haben in den meisten amerikanischen Haushalten die Frauen das Zepter des Patriarchats, also die Fernbedienung, in die Hand genommen." Immerhin fühlt sich Stein "vom real existierenden amerikanischen Feminismus ... gut unterhalten", ja "dafür", schreibt er, "gibt man doch gern die Fernbedienung aus der Hand."

Na na na – schwingt da nicht das alte Ressentiment im Gewand des Gönnerhaften mit? Aber – wie man´s auch macht, es ist ja eh falsch. Davon erzählt Tilmann Krause auf derselben WELT-Seite. Bei ihm geht es um die, Zitat: "Schöne neue Schwulenwelt" und den Film "Coming in". "Marco Kreuzpaintner", schreibt Krause, "hat alles richtig gemacht. Aber genau damit liegt er in Deutschland ganz und gar falsch." - "Dass der Homo-Spießer einen Schwulen, der sich in eine Frau verliebt ... als Verräter, als Rückfälligen, als Reaktionär empfindet, war fast vorauszusehen", findet Krause, ihn treibt aber, in der felsenfesten Überzeugung, dass die Heteros in ihren Ressentiments nicht weniger konsequent sind, eine ganz andere Frage: "Was macht .., der erfinderische Typus unter den Hetero-Spießern?

Er kreiert ein neues Schwulen-Stereotyp ... . Er findet jetzt ... die Schwulen nicht mehr krank, sexbesessen oder weibisch. Er findet sie so attraktiv, körperbewusst, lächelnd, strahlend, wie Männer, was heißt Männer: Menschen, im wirklichen Leben gar nicht sein können. Die gute, alte Denkfigur von der "Unnatürlichkeit" des männerliebenden Mannes schlüpft in die Beobachtung 'alles so geleckt hier', und schon kann man wieder fröhlich ausgrenzen." Genau – und zwar so herum wie so herum.

Eine Morgenzeitung am Nachmittag

Die TAZ meldet noch: "CRAZY - Während die Printauflagen monatlich sinken, startet der DuMont-Verlag eine neue gedruckte Tageszeitung für junge Leute". Anja Krügers Analyse fällt knapp aus: "knallig bunt, bemüht hip und inhaltsleer". "Schon der Slogan", so Krüger, "mit dem M. DuMont Schauberg für die neue Zeitung Xtra wirbt, lässt Böses erahnen: 'Kölns erste Morgenzeitung für Studenten'. Das Blatt erscheint um 15.30 Uhr. Die pflegen das Ressentiment der eigenen Zielgruppe gegenüber schon in der Werbung. A propos Zielgruppe. Für die findet die erste Nummer von Xtra die Überschrift 'Wir hippen Spießer"."

So geben sich die unterschiedlichsten Ressentiments an diesem Tag im Feuilleton gedruckt ein Stelldichein - das des guten alten Macho-Spießers und das der Feminismus-Spießerin, an die der seine Fernbedienung hat abgeben müssen, das der heterosexuellen Spießer, das der schwulen Spießer und dann auch noch das der "hippen Spießer", um die sich die Redaktion der neuen Du-Mont-Zeitschrift Xtra rührend kümmert: "Wir wollen", zitiert die TAZ, unsere Zielgruppe nicht überfordern." Das wünschen wir uns von allen Feuilletons.

Mehr zum Thema:

"Coming In" - "Es geht nicht um Homoheilung"
(Deutschlandradio Kultur, Vollbild, 18.10.2014)

Die klassische Hausfrau als Auslaufmodell
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 18.07.2012)

Dichten nach Auschwitz - Ben Becker rezitiert Paul Celan
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 09.08.2013)

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